Jeder Leser, der dieses Buch in die Hand nimmt, um eindeutige Antworten darin zu finden, wird enttäuscht sein. Zum einen, weil Philosophen selten zu solchen Antworten kommen. Unerfahrene Philosophiestudenten merken bald zu ihrem Entsetzen, daß wir viel besser im Stellen von Fragen sind als in deren Beantwortung. Zum anderen gibt es zum Moon-Phänomen keine einfachen Antworten--in manchen Punkten vielleicht überhaupt keine. Einige oberflächliche Fragen, die viele zu dieser kontroversen neuen Religion stellen, können leicht von jemandem beantwortet werden, der sich mit der Bewegung auseinandergesetzt hat. Während ich den kleinen Berg von Kopien der von mir aufgenommenen Interviews noch einmal durchlas, merkte ich, daß die Fragen, die ich mir zunächst oft gestellt hatte, nach und nach verschwanden, da mir die Antworten immer klarer wurden, je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte.
Dafür tauchten jedoch mit der Lösung jedes einfachen Problems wichtigere und schwierigere Fragen auf. Es geht in diesem Buch darum, die Wichtigkeit dieser verbleibenden Fragen aufzuzeigen. Alle, die an einem religiösen Leben und der Gesundheit der Gesellschaft interessiert sind, täten gut daran, darüber nachzusinnen. Philosophen haben seit je her darauf hingewiesen--und dafür nicht gerade viel Dank geerntet--, daß die meisten Leute immer die falschen Fragen zuerst stellen. Ich bin davon überzeugt, daß dies der Fall ist, wenn es um die Vereinigungskirche geht. So gesehen wäre es gewiß kein geringer Dienst, gelänge es diesem Buche, die schwierigen Fragen im richtigen Zusammenhang und in ihrer aufschlußreichsten Form zu behandeln.
Warum sollten wir der Vereinigungskirche ernsthafte Aufmerksamkeit schenken? Es gibt viele, die nicht dieser Meinung sind, und wieder andere, die sie für eine vorübergehende Erscheinung halten. Das letzte Kapitel bemüht sich, die Aussagen beider Seiten zu den Hauptanklagepunkten gegeneinander abzuwägen. Das betrachte ich als die beste Lösung. Allerdings kam ich im Verlauf meiner Odyssee zu zwei sicheren Schlüssen: (1) die Anfänge der Bewegung sind tatsächlich bescheiden, religiös und geistig (was viele bezweifeln), und (2) ihre Anpassungsfähigkeit und ihr Zusammenhalt sind derart, daß wir es mit einer bleibenden Bewegung zu tun haben. Wir sind somit zu unserer Lebzeit Zeugen der Geburt und der Kinderkrankheiten einer neuen Religion geworden--und wir werden auch ihre Reife erleben.
Was die Bewegung in kurzer Zeit (30 Jahre) vollbracht hat, kann man wohl als phänomenal bezeichnen. Sie überstand Verfolgung und Gefängnis und begann mit einer Handvoll Nachfolgern ihr Wachstum in Seoul. Von dort ging sie nach Japan, Amerika und Europa, wo sie sich in insgesamt 120 Missionsländern ausbreitete. In diesen Ländern sind die Mitgliederzahlen sehr gering, nichtsdestoweniger ist die Kirche dort vertreten. Aus der Armut heraus errang sie den Erfolg, der sie zu einer der solidesten neuen religiösen Bewegungen macht. Ihre Mitgliederzahl ist zwar gering--sicherlich nicht mehr als 500 000 Stammitglieder insgesamt in allen Ländern. Jedoch arbeitet jedes Mitglied ganztägig mit und hat oft mehrere Funktionen zur gleichen Zeit inne. Man schätzt die Zahl der Teilzeit-Mitglieder auf etwa zwei Millionen. Ob nun im positiven oder negativen Sinne--die Bewegung hat weltweite Aufmerksamkeit erregt. Sie hat eine Wachstums- und Erfolgsgeschichte, die Horatio Alger vor Eifersucht platzen und John D. Rockefeller vor Stolz erglühen ließe.
Auf meiner Reise traf ich Leute, die nicht der Kirche angehörten und ihr feindlich gesinnt waren. Sie hielten es für selbstverständlich, daß ich ausgezogen war, einen Bericht zu schreiben, um die Bewegung zu zerstören-- das heißt, sofern sie annahmen, ich sei unabhängig. Die Mitglieder waren davon überzeugt, daß ich gekommen sei, sie von einer feindlichen Presse zu retten--ja, daß ich vielleicht sogar selbst Mitglied würde, wenn ich erst "die Wahrheit" sähe. Was mich betrifft, alles, was ich sehen konnte, war eine Odyssee, auf die ich geschickt worden war, waren Fragen, die immer schwieriger wurden und jeder Lösung zu trotzen schienen; hinzu kam ein Gefühl der Verwunderung und ein Schauder des Unbehagens über das, worauf ich mich eingelassen hatte. Jede Bewegung, die fähig ist, Emotionen solcher Tiefe zu erzeugen, verdient Ihre Aufmerksamkeit--wie auch die meinige--und zwar lange genug, um die Oberflächenphänomene (wie z. B. Straßensammeln) zu durchdringen, die allzu leicht abgetan werden. Kann denn irgend etwas Gutes aus Korea kommen?--so fragen wir uns heute, genauso wie sich ein früheres Zeitalter über Nazareth gewundert hat. Das Vorurteil gegenüber Südkorea ist so stark, daß viele mit "Nein" antworten, ohne lange darüber nachzudenken.
Etwas hat sich im Osten in Form eines christlich-religiösen Aufbruchs getan, und wir täten besser daran, dieses Phänomen zu untersuchen. Kurt Koch informiert uns, daß "die vier bedeutenden Erweckungen der letzten Jahrzehnte in nicht-europäischen Ländern stattgefunden haben, und zwar in Korea (1906), Uganda (1927), Formosa (1945) und Indonesien (1965)." Billy Graham hatte zu der Zeit zweifellos nicht an Sun Myung Moon gedacht, dennoch wird er bei Koch folgendermaßen zitiert: "Bei dem alarmierenden geistlichen Niedergang des Westens ist es begreiflich, daß Gott die Koreaner vielleicht einmal als Missionare zu den westlichen Kirchen sendet." (Vorwort). Wenn Billy Graham ebenfalls sagt: "Die koreanische Kirche steht als geistliches Leuchtfeuer in einem Bereich der Finsternis." (Seite 25), dann lohnte es sich, genau zu untersuchen, welche Erkenntnisse wir aus dem Moon-Phänomen ziehen können.
Das Material zu dieser Studie wuchs an wie eine Lawine. Mark Weatherly übernahm die Organisation und kategorisierte die große Auswahl. Ohne seine Hilfe wäre es mir unmöglich gewesen, effektiven Nutzen aus all dem hereinströmenden Material zu ziehen. Kimberly Mueller tippte das meiste des Konzepts, und Betty Pierce koordinierte die verschiedenen Teile des Projekts. Pauline Bastien übernahm die gewaltige Aufgabe, mehr als vierzig 90-Minuten Tonbänder mit Gesprächen und Interviews in vielen Sprachen aus ebenso vielen Ländern niederzuschreiben, wo die Aufnahmebedingungen oft alles andere als ideal sind. Diese Berichte, in den Worten der Beteiligten, können den tiefsten Einblick vermitteln, den dieses Buch zu bieten hat.
Als ich das erste Mal von Sun Myung Moon hörte oder von irgendeinem anderen der religiösen Kulte, neigte ich dazu, sie alle in einen Sack zu packen. Ich nehme an, daß auch die meisten Leser unbewußt so mit Zeitungsberichten verfahren. Schließlich konzentrierte ich mich auf Sun Myung Moon, teils weil die Verleger mich darum gebeten hatten, teils, weil ich wußte, daß es schwierig genug ist, auch nur einen neuen Kult zu verstehen. Nachdem ich mir jedoch eine gewisse Sachkenntnis angeeignet habe, bin ich überzeugt, daß eine der größten Schwierigkeiten in der Diskussion einer jeden neuen religiösen Bewegung darin liegt, daß die Geschichten und Lehren einer Bewegung auf alle anderen übertragen werden. Als ich z.B. Ted Patricks Buch "Laßt unsere Kinder frei" las, und den Bericht seiner eigenen Erfahrungen mit den "Kindern Gottes" gehört hatte, erkannte ich, daß vieles von dem, was über die Vereinigungskirche gesagt wird, Praktiken der "Kinder Gottes" zu sein scheinen, (nach Patricks Darstellung zu urteilen). Verwirrend ist, daß viele der neuen Bewegungen sich sowohl in der Praxis als auch in der Doktrin ähneln. Daher braucht es mehr Geduld als die meisten Leute aufzubringen bereit sind, um nicht alles miteinander zu verwechseln. Der Leser wird jedoch die Moon-Bewegung niemals verstehen, wenn er sie nicht zu trennen weiß, da die Bewegung sich wesentlich von den kürzlich aufgetretenen Popkulten unterscheidet. Der Leser wird sich in Konzentration üben müssen, um andere Berichte, die er gehört hat, auszuschalten, will er diesen einen verstehen.
Es ist fast unmöglich, allen denen zu danken, die an dieser Studie mitgearbeitet haben. Jeder in- und außerhalb meiner eigenen Familie nahm das "Moon-Projekt" zur Kenntnis und nahm dazu Stellung--pro oder kontra-- wie es solch einem kontroversen Thema zukommt. Tausende von Artikeln, Kommentaren und Fragen strömten herein, darunter wenigstens hundert Titelvorschläge, die irgendein Wortspiel mit dem Namen Moon trieben. Irgendwie scheint diese Bewegung einen jeden entweder zu interessieren oder aufzubringen. Die Studie mußte notwendigerweise "durchlebt" werden. Sie konnte auf keine andere Art und Weise zustande kommen. Das Buchprojekt zog mich völlig in seinen Bann.
Es ist mir unmöglich, jedem einzelnen Mitglied der Vereinigungskirche namentlich zu danken, sei es Kirchenleiter oder einfaches Mitglied. Wie man aus dem Buch ersehen kann, war ihre Bereitschaft, mir Zutritt zu gewähren, entscheidend. In allen Zentren rund um die Welt genoß ich ihre Gastfreundschaft. Selten, daß ich nach Material fragte, das ich nicht auch erhalten hätte. Sollte es Widerstand gegen irgendeine meiner Nachforschungen gegeben haben, so habe ich davon nichts gemerkt. Die Bewegung hat eine wohl aus dem Osten übernommene Tradition, Besuchern Gastfreundschaft zu gewähren, und ich fühlte mich stets dementsprechend behandelt. Ohne diese freundliche Aufnahme wäre die Erforschung des Hintergrundes für dieses Buch unmöglich gewesen. Es liegt jedoch in der Natur der Berichte über meine Entdeckungen, daß dieses Buch mit einer Erläuterung in eigener Sache beginnen muß.
Ich möchte den Leser zu einer gemeinsamen Reise durch das Labyrinth einladen.
Frederick Sontag