
Wie viele andere, hörte auch ich zum ersten Mal von Reverend Sun Myung Moon durch mehr oder minder sensationshungrige Zeitungsberichte. Sie beruhten auf Anklagen von Eltern, deren Kinder, wie sie sagen, "gestohlen" worden seien. Eines Tages fand ich dann--wie manch andere Gelehrte und Professoren--auf meinem Schreibtisch Unterlagen und eine Einladung zur Vierten Internationalen Konferenz zur Vereinigung der Wissen-schaften (ICUS), in New York City im November 1975. Ich stellte fest, daß die Konferenz von der "Cultural Foundation" der Vereinigungskirche organisiert und daß Reverend Sun Myung Moon der Gründer war.
Diese Information stieß mich nicht ab, wie manchen anderen. Im Gegenteil, ich war sehr interessiert, mehr darüber zu erfahren. Nun war es aber so, daß in der Zeit zwischen meiner gewissermaßen ahnungslosen Annahme der Einladung bis zum Beginn der Konferenz die ersten aufsehenerregenden Berichte durch die Zeitungen und Magazine Amerikas gingen. Während dieser Zeit hielt ich mich meistens nicht in Kalifornien auf. Eines Tages jedoch erreichte mich in Hawaii ein Anruf aus der Konferenz-Hauptgeschäftsstelle in New York, und man fragte mich, ob ich den Vorsitz des Komitees übernehmen wolle, für das ich ein Referat eingereicht hatte. Ich fragte, wie man zu dieser Einladung in letzter Minute gekommen sei und erhielt eine ziemlich lange Erklärung--per Ferngespräch--über Angriffe und Verrisse der Konferenz durch die Presse, was den Rücktritt einiger Leiter, unter anderem des Präsidenten meines Komitees, zur Folge gehabt hatte. Da das Gespräch und die Erklärungen offen und ehrlich schienen und man mir zusätzlich alle betreffenden Presseartikel zur Verfügung stellen wollte, gab es für mich keinen Grund, noch abzusagen. Ich verspürte großes Interesse, diesen kontroversen Ereignissen auf den Grund zu gehen.
Vorsitzender meines kleinen Komitees zu werden war eine relativ harmlose Angelegenheit, jedoch brachte die Teilnahme an der Konferenz auch eine Konfrontation mit Zeitungsreportern und Gegendemonstranten draußen vor dem Hotel mit sich. Da die Sache für mich immer undurchsichtiger wurde, beschaffte ich mir Literatur über die Kirche und die Bewegung. Wie schon ein Zeitungsreporter in seinem Kommentar formuliert hatte, so erlebte auch ich, daß die endgültige Antwort mir immer mehr entwich, je mehr ich herausfand. "Bewußte Unwissenheit", so nannte es Nicolaus von Kues in seiner mystischen Sprache. Inzwischen hatte ich genug Mitglieder der Bewegung kennengelernt, um sicher zu sein, daß der feindliche Grundton der Presseartikel nicht 100prozentig auf Wahrheit beruhen konnte; andernfalls hätte die Kirche nicht den Erfolg, den sie so offensichtlich verzeichnete.
Als ich mit jüngeren Kirchenmitgliedern in Kontakt kam--die meisten unter ihnen waren Anfang zwanzig--war ich zutiefst beeindruckt von der tiefen, ehrlichen Begeisterung, mit der sie über ihre Kirche sprachen. Man mag Moons Kirche für eine ziemlich mysteriöse Organisation halten, bei näherem Kontakt jedoch verflüchtigt sich dieser Eindruck. Ich erfuhr, daß die Kirche ein Seminar gegründet hatte und äußerte den Wunsch, es zu besuchen und mit den Studenten dort zu sprechen. Die Einladung erfolgte wenig später, und ich verbrachte einen Tag in Barrytown, New York, in Vorlesungen und zwanglosen Gesprächen mit den Studenten.(1) Ich fand sie auf-geschlossen, gesprächig, und insgesamt gesehen gut informiert. Da die Existenz der Kirche Fragen aufwarf, die die Presse nicht annähernd hatte erklären können, veröffentlichte ich meinerseits einen kurzen Artikel.(2)
Aufgrund dieser ungelösten Rätsel und weil ich fand, daß die Wissenschaftskonferenz--gemessen am zeitlichen und finanziellen Aufwand-- noch wirkungsvoller organisiert werden konnte, akzeptierte ich auch für die nächste Tagung, die 1976 in Washington geplant war, den Vorsitz eines Komitees. Im Verlauf des Vorbereitungstreffens teilte man uns dann mit, daß Reverend Moon (wie er allgemein genannt wird) diese Gruppe zu einem Abendessen in seinem Hause einlud. Es wurde ein außergewöhnlicher Abend. Ich erzählte das ganze Erlebnis einem Freund, der sich stillschweigend notierte, daß er es den Verlegern der Abingdon Press gegenüber erwähnen wollte, die sich für Berichte über neue religiöse Bewegungen interessierten.
Auf Anfrage des Abingdon Verlages reichte ich den Entwurf meines Artikels ein, worauf man mich fragte, ob ich eventuell ein Buch über die Kirche schreiben könnte, das das Thema meines Artikels eingehender behandelte. Es sollte weder eine Bloßstellung noch eine Verteidigung der Kirche werden, sondern vielmehr eine Untersuchung der Fragen, die der Erfolg der Bewegung für uns alle aufwirft, die wir uns mit Religion und Theologie beschäftigen. Zum Beispiel: Wenn neue religiöse Bewegungen fremdartigen Ursprungs wie Pilze aus dem Boden schießen und sich ausbreiten--ist das ein Zeichen dafür, daß unsere Kultur und ihre etablierten religiösen Institutionen versagt haben, wie es in der Vergangenheit oft der Fall war?
Als man mir den Vertrag anbot, antwortete ich, daß ich nur dann an dem Buch interessiert sei, wenn mir die Vereinigungskirche den Zutritt zu ihren Zentren ermöglichte. Ich wollte Mitglieder interviewen und ihre Zentren besuchen, um das Leben der Kirche von innen zu erleben. Schließlich kam aus dem kirchlichen Hauptquartier die Antwort, daß man selbstverständlich glücklich wäre, an einem solchen Projekt mitzuarbeiten. Wir kamen überein, daß ich eine Woche in ihrer Zentrale an der Ostküste verbringen und dann zu einem Besuch im Ursprungsland Korea und in Japan aufbrechen sollte. Da ich aber ohnehin auf dem Weg nach Europa war, um den Sommer in der American Church in Paris zu verbringen, wollte ich mit dem Besuch der Hauptzentren der europäischen Kirche beginnen.
Ich bestand darauf, in den Kirchenzentren zu wohnen, außer in Korea und Japan, wo man für westliche Gäste nicht eingerichtet ist. Auf diese Weise hatte ich Gelegenheit, ein Gefühl für den eigentlichen Lebensstil der Leute in den Zentren zu entwickeln. Nach meiner Rückkehr vom Sommeraufenthalt in Europa sah mein weiteres Programm mit der Kirche und meinen Verlegern folgendermaßen aus: (1) Erkunde einige der Zentren in Amerika und nimm an einem Wochenendseminar teil; (2) mache einen zweiten Besuch im Seminar in Barrytown, für Interviews; (3) interviewe möglichst viele Kirchenleiter in Amerika; (4) nimm als Zuschauer an der Kundgebung am Washington Monument teil; (5) reise nach Japan und Korea, zwecks Nachforschung über den Ursprung der Bewegung und ihr frühes Wachstum; (6) tritt mit möglichst vielen ehemaligen Mitgliedern und Anti-Moon Organisationen in Verbindung, und sammle deren Literatur; und schließlich (7) ende mit einem ausführlichen Interview mit Reverend Moon. Alle Programmpunkte sind erfüllt worden.
Sofort nach Übernahme des Projektes fing ich an, jeden Presseartikel und alle Berichte aus Zeitschriften zu sammeln. Freunde, die davon wußten, überschütteten mich täglich mit ausgeschnittenen Artikeln. Die Zahl der Hauptartikel belief sich auf 122, wobei gleichlautende Berichte verschiedener Presseorgane nur einmal gezählt wurden. Ich habe keine Ahnung, was die Gesamtsumme aller erschienenen Artikel ergeben hätte, aber ganz sicher könnte man damit einen kleinen Raum füllen. So wie sie hereinkamen, las ich sie durch; anschließend wollte ich die Artikel insgesamt noch einmal durcharbeiten, um so die Zusammenhänge herauszufinden. Zu diesem Zweck nahm ich also sämtliche Unterlagen mit in den Zug, der mich und meine Frau von Paris nach Kopenhagen brachte.
In der Erwartung großer Offenbarungen arbeitete ich mich durch den angesammelten Stapel. Stattdessen--der Zug hatte noch nicht einmal Frankreich verlassen--merkte ich schon bald, daß, von einigen wenigen Artikeln abgesehen, alle Berichte beinahe gleich lauteten und der Aussagegehalt bei allen der gleiche war. Als ich dann die ersten Zentren besucht hatte und anfing, die Bewegung von einer anderen Seite zu sehen, wurde mir diese Einseitigkeit der Presseberichte immer mehr zum Rätsel. Zweifelsohne waren dafür viele Erklärungen denkbar. Das Magazin Newsweek hatte weitgehende Nachforschungen für eine Titelgeschichte angestellt. Als ich meiner Verwunderung über die Gleichförmigkeit aller Presseartikel einem Redakteur des Magazins gegenüber Ausdruck verlieh, klärte er mich über die Arbeitsweise im Pressewesen auf: Nur wenige Autoren und Verleger, so sagte er, hätten für große Recherchen an Ort und Stelle Zeit; folglich schrieben sie voneinander ab. Wenn ein Bericht erst einmal erschienen sei, neige man dazu, ihn immer wieder unkritisch zu übernehmen, einfach, weil es schwarz auf weiß geschrieben stehe.
Dieses Phänomen beschränkt sich nicht allein auf Sensationsblätter, sondern gilt für alle Medien. Als ich die Herausgeber des Magazins "Der Spiegel" drängte, mir ihre Quelle für eine oft gegen Moon erhobene Anklage wegen früherer Sexpraktiken zu nennen, antworteten sie mir--als würde damit das Geheimnis gelüftet--"Aber wir haben das doch in der New York Times gelesen !" Man könnte ein Buch über das Verhalten der Presse schreiben und darüber, wie Wahrheit im Nachrichtenwesen verbreitet wird --aber das ist ein anderes, wenngleich auch herausforderndes Thema. Ich möchte dem Leser lediglich verständlich machen, wie schwierig es ist, bei einem so widersprüchlichen Thema wie Sun Myung Moon Sachlichkeit zu bewahren.
Inzwischen habe ich die halbe Welt bereist, habe ein kleines Gebirge an Material und Tonbänder voller Interviews mit buchstäblich Dutzenden von Leuten gesammelt, habe fast alle Kirchenzentren und ihre Aktivitäten gesehen und habe so gut wie alle ihrer ehemaligen und gegenwärtigen Leiter getroffen. Viele der zunächst aufkommenden und oft wiederholten Fragen sind schnell beantwortet, dafür tauchen jedoch Hunderte weitaus schwierigerer Fragen auf. Das Geheimnis vertieft sich immer mehr, und jeder, der es zu ergründen sucht, wird sich bewußt, daß es sich um einen Komplex handelt, der alle verwickelten Probleme unserer Zeit umfaßt. Man wandert durch ein Labyrinth.
Das Faszinierende an der Bewegung ist, daß sich unsere heutigen Probleme darin widerspiegeln, seien sie sozialer, religiöser, politischer oder psychologischer Natur. Bewerten Sie die Bewegung der Vereinigungskirche dementsprechend, und Sie haben unser Zeitalter verstanden. Diese Kirche zeigt die Problematik der Zersetzung unserer Familienstrukturen auf. sie konfrontiert uns mit den Folgen der Lethargie vieler traditioneller religiöser Institutionen, wie auch mit den Problemkreisen der Verwicklung von Religion und Politik und der religiösen Kontrolle über Geld und Macht. Im Mittelpunkt von alledem steht die Frage nach Jesus und seiner Mission, darüber hinaus die verblüffende Frage, wie Gott wirkt und ob er in einer neuen Zeit neue Offenbarungen gibt.
Es geht um die Suche nach der "Wahrheit", auf der sich die Philosophen schon seit ewigen Zeiten befinden. Ich fand ein Körnchen Wahrheit in jeder Anklage gegen die Kirche, und zur gleichen Zeit fand ich viel Wahrheit im internen Leben der Mitglieder der Kirche und in ihrer Lehre. Jegliche Aussage, in der die Kirche abgelehnt oder "entlarvt" wird, ist unzureichend, weil sie dem Aufblühen und der raschen Ausbreitung der Bewegung nicht gerecht wird. Kein "Deprogrammierungs-Unternehmen" kann erklären, warum viele der Mitglieder, die von ihnen entführt wurden, freiwillig zur Kirche zurückkehren. Keine Anklage wie die der "Deckorganisation für politische Ziele" vermag den religiösen Ursprung der Bewegung zu erklären, oder etwa die Tatsache, daß Gott und Gebet im Mittelpunkt des Lebens der Mitglieder stehen.
Man kann mit verbitterten ehemaligen Mitgliedern sprechen, deren Denken und Handeln nun ganz darauf ausgerichtet ist, Mitglieder herauszuholen und die Bewegung zu zerstören, während es noch gestern ihr erklärtes Ziel var, Gottes Reich auf Erden zu errichten. Man muß selbst abwägen, welches Übel das geringere ist. Man kann einzelne Personen finden, die durch ihre Erfahrung seelisch aus dem Gleis gebracht wurden, aber ebenso kann man mit Dutzenden von Kirchenmitgliedern sprechen, die die Bewegung als die rettende Kraft in ihrem Leben bezeichnen. Man kann Geschichten über Tricks beim Straßenverkauf hören und dann die augenscheinliche Offenheit der meisten Mitglieder erfahren. Nehmen Sie all das zusammen und dazu das antikommunistische Engagement der Kirche sowie ihr Bestreben, den politischen Sektor dahingehend zu mobilisieren, daß er sie in der Errichtung des Reiches Gottes auf Erden unterstützt--und Sie erhalten ein Puzzle.
Die große Schwierigkeit, mit der sich jede Wahrheit konfrontiert sieht, ist, daß man fast jede Feststellung nehmen und sie positiv oder negativ interpretieren kann, je nach seinen eigenen fundamentalen Wertvorstellungen. Zum Beispiel kann die Aussage "Sie sind zu beschäftigt, um ihre Familien besuchen zu können" positiv gewertet werden--vorausgesetzt, Sie glauben, daß die jungen Leute ohne Unterlaß an der Errichtung des Reiches Gottes auf Erden arbeiten. "Sie sind so verändert, daß ich nicht mal meinen eigenen Sohn wiedererkenne" kann bedeuten " Sie sind bekehrt worden und haben eine geistige Wiedergeburt erfahren" --vorausgesetzt, Sie akzeptieren geistige Wandlung als das Ziel jeder Religion. Oder: "Moon verlangt sklavischen Gehorsam" kann "Sie haben Selbstbeherrschung und die Notwendigkeit uneigennützigen Handelns gelernt" bedeuten.
Ist man gezwungen, Partei zu ergreifen--entweder fanatisch dafür oder dagegen zu sein? Ist die Wahrheit so tief unter dem Gewirr der Anklagen und Gegenanklagen verschüttet, daß es keinerlei Hoffnung gibt, sie jemals klar zu sehen? Werden uns diese Probleme nur aufgezwungen, damit sie unser Fassungsvermögen übersteigen? Wie Kant in der Vorrede zur "Kritik der reinen Vernunft" sagt: "Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft".
"Niemand, den ich kenne, weiß etwas Gutes über Reverend Moon zu sagen", berichtet meine Frau, und man braucht nur seinen Namen zu erwähnen, um negative Reaktionen hervorzurufen. Erleben Sie einmal-- wie ich es erlebte--eine aufgebrachte Menge aus Moonies und feindlichen Eltern im Gemeinschaftsraum der Yale Divinity School, und sie gewinnen einen Eindruck davon, wie tief die Emotionen gehen. Für die Gegner unter ihnen ist alles Verrat, was nicht die Zerstörung der Kirche zum Ziel hat, während Mitglieder der Kirche nur mit Mühe verstehen, warum ihre Taten solche Feindseligkeiten heraufbeschwören.
Während der Fragestunde nach der Vorlesung, die ich in der Yale Divinity School über neue religiöse Bewegungen gehalten hatte, schrie mich ein Ex-Mitglied ärgerlich an: "Entweder Sie sind hinters Licht geführt oder bestochen worden?" Ich erinnere mich nicht mehr genau, wovon gerade die Rede war, aber man kommt ohnehin jedem verdächtig vor, der sich der Zerstörung der Bewegung verschrieben hat, wenn man nicht darauf aus ist, Korruptionen in der Vereinigungskirche zu "enthüllen". "lch glaube, Sie sind ziemlich positiv", sagte mir ein in der Fürsorgearbeit tätiger Psychiater am Ende eines Telefongespräches. Ich interpretierte das dahingehend, daß ich es fertigbrachte, etwas Positives an der ganzen Sache zu sehen, und daß ich noch nicht geschworen hatte, die Bewegung zu zerstören.
Nachdem ich zu einer anderen Gruppe über Moon gesprochen hatte, nahm mich ein Freund beiseite und sagte: "Fred, falls du denkst, du seist bei den Nachforschungen für dieses Buch auf Widerstand gestoßen, möchte ich dich warnen; sollte das Buch erscheinen und irgendetwas Positives über Reverend Moon darin stehen, dann wäre das ein unverzeihliches Vergehen in den Augen des "liberal-religiösen Establishments"--und damit wärest du abgeschrieben." Jemand aus meiner Familie fragte mich: "Glaubst du, daß du der Kirche verpflichtet bist?" Wir müssen uns selbst die Frage stellen, wie weit wir in der Diskreditierung eines Belastungszeugen gehen wollen, der gegen einen erstarrten Glauben angeht, dessen Umsturz einen ganzen Lebensstil bedrohen würde.
Was mich betrifft, so habe ich als Besucher in den Zentren der ganzen Welt die Gastfreundschaft der Kirche kennen und lieben gelernt. Als mich eine führende Gegnerin der Bewegung diesbezüglich mißtrauisch ausfragte, fragte ich sie meinerseits, wie ich denn sonst die Kirche von innen hätte sehen und erleben können? Diese Antwort schien sie zu befriedigen, aber ich vermute, daß andere sich nicht damit begnügen werden. Ich besprach mit meinem Freund das Dilemma, wie man die Bewegung von innen studieren könne, ohne gleich unter dem Verdacht zu stehen, bestochen worden zu sein. Er meinte, daß jeder Anthropologe, der eine Gemeinschaft studieren möchte, sich bemüht, von ihr angenommen zu werden, um mit ihr zu leben und so ihre Lebensformen von innen her zu studieren. Jedoch erzeugt das Leben mit einem primitiven Stamm in Neuseeland nicht die gleichen Gemütsaufwallungen und Feindseligkeiten wie das Zusammenleben mit den Moonies.
Bei den Verhandlungen zu diesem Buch erklärte sich die Kirche bereit, mir ihre Türen zu öffnen, und man ermöglichte mir den Umgang mit allen Personen und jeglichem Material. Ich kann nur berichten, daß kein wichtiges Anliegen abgelehnt wurde und daß ich glaube, mit allen frühen Zeugen und heutigen Leitern frei sprechen gekonnt zu haben. Vermutlich hätte ich in alledem auch einen raffinierten Aufzug sehen können, durch den man mich mit Hilfe des "Bösen Dämonen" von Descartes und einer zusammengestellten Schauspielertruppe betrügen wollte. Alles, was ich dazu sagen kann, ist, daß die Berichte, die ich gehört habe, wahr klingen, wenngleich sie auch einige Verwirrung und Fragen hervorrufen. Es ist die Frage, ob ich dadurch wertvolle Einsichten in die Kirche gewann oder zu den von ihnen Getäuschten zähle. Sie müssen sich Ihr eigenes Urteil bilden.
In der Philosophie bezeichnen wir das natürlich als ad hominem Argumente, das heißt, auf den Menschen bezogen und nicht auf die Sache. Es ist nicht meine Absicht, die Aufmerksamkeit des Lesers auf den Autor zu lenken--mit einer Einschränkung, daß die Frage der Glaubwürdigkeit gestellt ist und bleiben wird. Vielmehr bin ich bestrebt, Ihre Aufmerksamkeit auf die ernsthaften Probleme zu lenken, die der Erfolg einer solchen Bewegung ans Licht bringt. Dann könnten wir gemeinsam all unsere Energie daran setzen, diese Probleme zu lösen, anstatt sie in Kriegen zur Zerstörung unserer Feinde zu verschwenden--wie wir es täglich in Irland und im Libanon allzu schmerzlich erleben müssen.
Ein langjähriges und recht vernünftiges Mitglied der Vereinigungskirche antwortete auf meine Frage, was Reverend Moon ihm bedeute: "Er ist ein Spiegel, in dem ich mich so sehen kann, wie ich sein sollte und möchte." Im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit dieses Berichtes möchte ich jedoch den Leser bitten, Sun Myung Moon als einen Spiegel zu betrachten, der uns die Krankheit des modernen Menschen und der heutigen Gesellschaft vor Augen hält. Reverend Moon bietet uns ein Heilmittel an: sein eigenes. Das eigentliche Problem ist nicht Reverend Moons Glaubwürdigkeit oder die vermeintlich erworbene Blindheit des Autoren, sondern die Aufdeckung eben dieser Krankheiten unserer Seele und Gesellschaft. Vielleicht sollten wir selbst eine bessere Antwort finden und dann unser eigenes Heilmittel für geistige Krankheiten anbieten, anstatt unsere Energie damit zu verschwenden, den uns lästigen Aufklärer zu vernichten.
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1) Mein Begleiter auf der Rückseite nach New York City war ein begeisterter Sprecher der Kirche, der nun ein bekannter "Deprogrammierer" ist. Wir stehen noch miteinander in Verbindung, und er ist nun genauso entschieden gegen Moon wie er vorher für ihn war.
2) Vergleiche "The New Moon Sophistry" in Religion in Life, Herbst 1977.