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Was lehrt die Doktrin?

Reason has moons,
Yet other moons
Lie mirrored
In the sea,
Confounding our astronomers,
But, oh,
Delighting me!

--Lewis Carroll

Wer fürchtet sich vor Sun Myung Moon?

Es ist faszinierend zu sehen, wieviel Verehrung und Liebe Reverend Moon von seinen Nachfolgern empfängt und wie stark er gleichzeitig an Haß grenzenden Spott von Außenstehenden auf sich zieht. In Korea empfindet man in den Leihen seiner Gegner sogar eine Furcht, wie sie auch vor Mafia-Organisationen herrscht. In diesem Lande sprechen die erklärten Gegner sogar von Todesdrohungen. Die Widersprüchlichkeit und Intensität der Gefühle, die diesen Mann umgeben, führt zu der Frage, ob eine nüchterne, klare Einschätzung überhaupt möglich ist. Seine Nachfolger sehen in ihm mehr als er selbst darzustellen beansprucht. Für sie ist er der Mittelpunkt und Inbegriff des Guten. Außenstehenden erscheint er als die perfekte Verkörperung des Antichristen. Wer ist dieser Mann wirklich? Sollen wir ihn fürchten oder lieben?

Zunächst einmal sollte man vorausschicken, daß er selbst in keiner Weise für sich beansprucht, mehr als ein Mensch zu sein. War Jesus menschlich, dann sind wir es alle, wenn Gott auch einige Menschen für besondere Aufgaben beruft. Moon beansprucht für sich, im Besitz einer ungewöhnlichen, besonderen geistigen Empfänglichkeit zu sein--jedoch ist die Fähigkeit der geistigen Kommunikation, abgesehen vom Naturalisten, für niemanden etwas Ungewöhnliches. Außerdem behauptet er, aus religiösen Gründen gelitten zu haben. Er habe auch eine besondere Begegnung mit Jesus gehabt, bei der er von Jesus einen Missionsauftrag erhalten habe. Dazu sagt einer von Moons römisch-katholischen Gegnern: "Das ist für mich gar kein Problem. In meiner Kirche haben wir seit Jahrhunderten außergewöhnliche Visionen." Es gibt keine Behauptung, daß die Göttlichen Prinzipien buchstäblich in einem Stück offenbart worden seien, sondern vielmehr, daß Gottes Prinzip der Wiederherstellung der Menschheit, das vorher verhüllt war, jetzt durch Studien und Gebet offenbart wurde.

Die vielleicht schwierigste Frage, die ich den Nachfolgern in der ganzen Welt in meinen Interviews stellte, war: "Welche Rolle, glauben Sie, hat Reverend Moon?" Entgegen mancher Erwartung fielen ihre Antworten völlig unterschiedlich aus. Es war alles vertreten, angefangen von "Er ist ein Spiegel, in dem ich mich so sehe, wie ich bin" über "mein Lehrer" und "Offenbarer", "Gottes Werkzeug" und "Messias" bis hin zur freimütigen Erklärung Er ist der Herr der Wiederkunft, der zurückgekehrte Messias". Aus diesen Antworten geht hervor, daß die Moonies keiner gleichlautenden, vorgeschriebenen öffentlichen Lehre folgen, sondern, daß jeder einzelne einen gewissen Spielraum hat, um sich seine eigene Meinung zur Sache zu bilden. Das bedeutet aber andererseits auch nicht, daß es keinerlei Beschränkungen gibt. Im Hinblick auf die in der Lehre gemachten Aussagen muß man feststellen, was Moons Rolle ist und wie die Nachfolger zu ihr stehen.

Ein ebenso schwieriges Problem ist die bewußte Zurückhaltung bezüglich öffentlicher Erklärungen. Im Gegensatz zu der weitverbreiteten Annahme wird man, wenn man sich in Moonie-Kreisen bewegt, nicht ständig mit Aussagen über Sun Myung Moon bombardiert. Es ist nicht üblich, gleich bei der ersten Begegnung mit "Moon ist der erwartete Messias" herauszuplatzen. Warum nicht? Weil die gesamte Lehre die Notwendigkeit der Vorbereitung stark betont, sowie die Leistung von Wiedergutmachung. Studium und tiefes Ringen müssen jeder Aussage vorangehen. Diese Zurückhaltung wird nicht so sehr deshalb beibehalten, weil nur ein innerer Kern diese Wahrheit wissen darf und die Außenwelt sie nicht verstehen würde (obwohl das stimmt), sondern vielmehr, weil diese Schlußfolgerungen nicht leicht zu erfassen sind und ausgedehnter Vorbereitung bedürfen. Es geht in erster Linie um die offenbarten Prinzipien, die Lehre selbst--nicht um den Mann--obwohl es in der Lehre heißt, daß das erwartete neue Zeitalter nicht ohne eine zentrale Figur verwirklicht werden kann. Nimmt Moon diese Stelle ein, oder wird er sie einmal einnehmen? Wenn man eine solche Frage stellt, muß man einen entscheidenden Punkt berücksichtigen: Andere göttliche Missionen sind gescheitert oder nicht vollständig erfüllt worden. Da "Gott lenkt und der Mensch denkt", haben wir keine Gewißheit, daß der messianische Plan diesmal gelingen wird. Der Erfolg hängt genauso viel oder sogar noch mehr von der Treue der Mitglieder als von der des Führers ab. Jesus scheiterte nicht, weil er selbst unfähig oder es ihm vorherbestimmt war, sondern weil er im Stich gelassen wurde. Folglich gibt es keine Garantie dafür, daß irgend jemand diese Aufgabe erfüllen kann; andererseits leben wir in einer Zeit der Erwartung und Verheißung--einer Zeit, in der Gott entscheidend wirkt. Die Zeit, den Versuch zu wagen, ist gekommen, und nach den Lehren der Vereinigungskirche steht Moon mindestens im Mittelpunkt dieser Bemühungen.

Der uralte Begriff des messianischen Geheimnisses hindert uns daran, ein abschließendes Werturteil zu geben. Diejenigen, die die Antwort kennen, sind bis zur Erfüllung der Zeit zum Schweigen verpflichtet. Die Göttlichen Prinzipien selbst machen keinerlei Aussage über Moon persönlich. Diese Tatsache wird von vielen seiner Gegner nicht beachtet. Trotz alledem-- gibt es vielleicht ein internes Geheimnis, das die Mitglieder teilen? Das könnte einer der Grande sein, warum die Antworten, die ich von den Nachfolgern erhielt, so unterschiedlich und vage ausfielen. Tatsächlich glauben die Mitglieder der Vereinigungskirche, daß der Messias schon auf der Welt ist, daß die Zeit für Gottes Unternehmung reif sei und daß das Prinzip göttlichen Handelns, bis dahin verhüllt, jetzt offenbart sei. Dadurch sei es endlich möglich, die Heilige Schrift zu verstehen. Reverend Moon ruft die Welt zur Umkehr auf, da das Reich Gottes nahe ist.

"Der Herr der Liebe ist zu uns gekommen, und wir wollen diese Liebe weitergeben" lauten die Zeilen eines Liedes, das die Moonies singen. Diese Aussage über empfangene Liebe ist eines der großen Phänomene, die sich die Moon-Gegner nicht erklären können. Immer wieder hört man von treuen Mitgliedern die Bestätigung, daß die Prinzipien und die Zusammenarbeit mit Reverend Moon sie positiv verändert haben. Im Hinblick auf die sensationellen Aspekte der Bewegung ist es recht einfach, Moon anzuschuldigen. Dabei bleibt aber das Phänomen der aufopferungsvollen Liebe ungeklärt, von der so viele sagen, daß sie ihr Leben verändert habe. Seine Nachfolger leben in selbstlosem Dienst für andere, und das ist nur schwer mit der selbstsüchtigen Motivation vereinbar, die seine Gegner ihm zuschreiben.

Werden Männer und Frauen durch ihren Anschluß an Moon "gebrochen"? Das ist natürlich eine der schwersten Beschuldigungen und schwierigsten Fragen. Nimmt man Eigenentwicklung und die Ausweitung des eigenen Egos als erklärtes persönliches Ziel, dann kann ein Mensch, der auf andere ausgerichtet und gottbezogen ist, gebrochen erscheinen. Diese Gottbezogenheit, die der Kern der Lehre Moons ist, wird von den meisten Außenstehenden nicht beachtet. Wenn der Nachfolger diesen Zustand erreicht, ändert er sich. Liegt darin etwas Gutes oder Schlechtes? Was bedeutet es, einen Menschen zu retten--ihn neu zu erschaffen, ihm den Weg der Wahrheit zu zeigen? Jesus kam, um das Ideal wahrer Liebe zu verkörpern. Moon akzeptiert und achtet dieses Ziel Jesu. Ungeachtet der Frage, ob er sich ebenfalls zur Verkörperung dieser Liebe berufen fühlt, können wir sagen, daß er ein komplizierter Mensch ist, der in Kämpfe verwickelt ist, weil er glaubt, daß wir uns erst die materielle Welt untertan machen müssen, bevor die Liebe einziehen kann.

Auf dem Bankett, das die Fünfte Internationale Konferenz für die Einheit der Wissenschaften in Washington, D.C. krönte, sang ein religiöser Chor für die versammelten Gäste, darunter Reverend Moon, ein Lied mit dem Titel "Du mußt ein reines Herz haben". Das entspringt natürlich der Vereinigungslehre. Eine "neue Blutslinie" soll gegründet werden oder ist es schon, die den Fleck der Erbsünde abwäscht und der Menschheit einen neuen Anfang ermöglicht. Die Frage ist: wer hat so ein reines Herz? Die meisten Außenstehenden sehen Reverend Moon ganz gewiß nicht in dieser Rolle. Seine persönlichen Motive werden am stärksten angezweifelt. Auf der anderen Seite ist es gerade das Symbol des reinen Herzens, das die Nachfolger zu ihm zieht. Es motiviert und beflügelt sie, Moon nachzueifern. Allerdings--kann die Welt ein Herz, daß einmal rein geworden ist, wieder verführen? Die Moonies glauben, daß sie es schaffen werden, diesem Schicksal zu entkommen.

In dem Falle sollten wir uns besser doch vor Sun Myung Moon fürchten. Wenn er ein Mann reinen Herzens ist, der eine Botschaft der Liebe bringt, dann ist die große Öffentlichkeit bisher noch ziemlich unempfänglich für diese wichtige Mitteilung gewesen. Allerdings war es schon immer schwierig, der Außenwelt eine innere Gesinnung deutlich zu machen. Wenn er aber nun korrupt ist, was die Presse und viele religiöse Organisationen als erwiesen ansehen, dann sind zerstörerische Kräfte in einer Aufmachung gekommen, die viele begeistert anzieht. Um das Rätsel um diesem Mann zu lösen, müssen wir die tiefsten Wurzeln von Liebe und Haß in der menschlichen Natur ergründen und uns klarmachen, wie diese Gefühle hervorgerufen und auf ein Ziel oder Modell projiziert werden. So wie wir uns selbst vereinfachen, vereinfachen wir auch Sun Myung Moon--weil das viel einfacher ist, als die komplizierten Vorgänge von Liebe und Haß in einem jeden von uns zu entwirren.

Was sagen die Göttlichen Prinzipien aus?

Für einen Philosophen und/oder Theologen ist die Auseinandersetzung mit der Vereinigungstheologie eine interessante Erfahrung. Als erstes--sofern man sie ablehnt--muß man sich seiner eigenen Position sicher sein. Ich kann keine vollständige Abhandlung der Göttlichen Prinzipien geben; überhaupt ist es fraglich, ob gerade ich das tun sollte. Ich erwähnte schon einmal, daß die Doktrin wegen ihres esoterischen Charakters nicht ohne vorbereitende Einführung erörtert werden kann. Um also den zur Debatte stehenden Fragenkomplex richtig erfassen zu können, möchte ich für alle, die die Lehren Sun Myung Moons nicht studiert haben, einen kurzen Über-blick geben. Nur wenige haben eine Sachkenntnis, die das Niveau einer Handvoll hitziger Aussagen übersteigt. Die meisten Leute geben sich damit zufrieden.

Ich werde versuchen, dem Leser einen Überblick zu vermitteln, ohne dabei die Lehre im Detail zu behandeln. Sie ist zu komplex, als daß man ohne gründliches Studium ein tieferes Verständnis erlangen könnte. Ich werde jedoch versuchen, die wichtigsten Lehrsätze der Bewegung zu erklären, da sie für die Denkweise ihrer Nachfolger ausschlaggebend sind. Dabei werde ich mich auf das Buch Die Göttlichen Prinzipien, früher kurz "Die Prinzipien" genannt, konzentrieren. Die von mir benutzte Version ist die englische Übersetzung von 1974. Die gesamte Doktrin und die Lebensweise der Bewegung entspringen diesen Prinzipien, die zu Anfang nur mündlich weitergegeben, später aber ausgearbeitet und niedergeschrieben wurden. Die endgültige Form der Niederschrift wird innerhalb der Bewegung noch debattiert. Es handelt sich hier um eine neue "Heilige Schrift", wie zum Beispiel das Buch Mormon und Mary Baker Eddys Science and Health ("Wissenschaft und Gesundheit"). Weit mehr als Moon persönlich bilden die Prinzipien den geistigen Kern der Bewegung.

Bevor ich einen Überblick gebe, möchte ich hier das kurze theologische Manifest einschieben, das von einer Gruppe Studenten des theologischen Seminars der Vereinigungskirche abgefaßt wurde. Ich fand heraus, daß der darin erwähnte "bedeutungsvolle 14. Oktober" der Tag der Befreiung Moons aus dem nordkoreanisoben Gefangenenlager ist. Ich glaube, daß auch einige andere Punkte zum vollen Verständnis noch näher erklärt wer-den müßten; dennoch vermittelt dieses Dokument eine prägnante Glaubensaussage.

 

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