
Wenn wir den Ursprung der Vereinigungskirche und ihre Entwicklung untersuchen, können wir viel darüber lernen, wie sich alle Religionen in ihrem ersten entscheidenden Wachstumsschub entfalten. Bei den jetzt so ruhigen Quäkern rührte einst George Fox die Kirchen auf und verärgerte sie, als er seine Bewegung gegen die etablierten Religionen begann. Wesleys Bekehrungsmethoden waren ein öffentlicher Skandal. Die Vereinigungsbewegung wächst wahrscheinlich nicht so schnell wie die Öffentlichkeit argwöhnt und langsamer als die Leiter es sich wünschen, trotzdem sind ihre Ausbreitung über Ozeane hinweg und ihre Etablierung an sich Grund genug, sich eingehend mit ihr zu beschäftigen.
Für uns eröffnet sich hier die Möglichkeit, die Geburt einer neuen Religion mit allen klassischen Charakteristiken zu erleben: ein religiöser Führer, das Entstehen einer neuen Heiligen Schrift, neue Offenbarungen, rasche Bekehrungen, apokalyptische Visionen und der Ruf, Buße zu tun--auf der anderen Seite anfängliche Unterdrückung, feindselige Reaktionen auf Wachstum und Verbreitung. Ebenso können wir ihre Entwicklung, angefangen von den bescheidenen Anfängen an einem abgelegenen Ort bis hin zur etablierten Weltkirche verfolgen.
Zu Beginn dieses Projekts war mir die Idee, daß ich die Gelegenheit hatte, eine neue Religion entstehen zu sehen, noch nicht in den Sinn gekommen. Teilweise lag das daran, daß ich zunächst versucht war, die ganze Angelegenheit nicht so ernst zu nehmen; zum anderen hatte ich weder von dem Ursprung noch von der Doktrin der Kirche viel Ahnung. Als ich mich schließlich Korea näherte und dort ältere Mitglieder traf, die mir ihren Lebenslauf erzählten, wurde mir allmählich klar, daß ich den klassischen Bericht über die Geburt, Verbreitung und das Reifen einer neuen Religion hörte. Ein Grund dafür, daß ich das erst gegen Ende meiner Untersuchungen feststellte, war, daß ich unwillkürlich an dem reinen Ursprung dieser Religion zweifelte und es als selbstverständlich betrachtete, daß sie nur ein vorübergehendes Phänomen sei, das bald genau wie die Blumenkinder vergangener Jahre verschwinden würde. Die Presseberichte vermitteln einem den Eindruck, daß es sich um eine Bewegung von vorgestern handelt, die plötzlich mit viel Aufwand noch "an den Mann gebracht" werden soll.
Kurt Koch bemerkt in seinem Buch über Korea, Victory Through Persecution ("Koreas Beter"): "Es ist seltsam, daß die Stadt Pjongjang 1906 Ausgangspunkt der Erweckung gewesen war."* Die Christen, die es heute gewohnt sind, Bethlehem als heiligen Ort zu verehren, sollten innehalten und einmal darüber nachdenken, daß--zur Zeit des Römischen Reiches --Gottes Wahl der Stadt Bethlehem eine wahrhaft seltsame Idee war. Ich persönlich kann nicht beurteilen, ob Gott sich Pjongjang in Nord-Korea als Tor zum zwanzigsten Jahrhundert erwählt hat, ich weiß jedoch, daß der Ruf dieser Stadt als das Jerusalem des Ostens stark genug ist, um mich innehalten und darüber nachdenken zu lassen, an welchem wunderlichen Ort und in welch unwahrscheinlicher Gestalt Gott in unserem Zeitalter erscheinen könnte. Wenn wir Pjongjang nicht für Gottes erwählte Stadt halten, wo könnte er dann wohl in dieser Zeit in unser Leben eintreten wollen?
Eine ebenso faszinierende Frage, die sich uns durch Moon wieder stellt, ist die Rolle der Häresie bei der Geburt einer neuen Religion. Aus streng klassischer, christlich-theologischer Sicht weichen die Göttlichen Prinzipien nämlich von der Norm ab. Sie bringen neue Aussagen über Gottes Wirken und darüber, wie Jesu Mission erfüllt werden muß. Gemessen am selben Standard sind allerdings die "liberale Theologie", die Entwicklungstheologie, Kierkegaard, Kazantzakis und unzählige andere ebenfalls Dissidenten, ebenso wie George Fox und sein Quakertum. Bevor wir über Sun Myung Moon den Bann verhangen, müssen wir untersuchen, welche Rolle solche abweichenden Theologien in der Vergangenheit gespielt haben und ob heutzutage neue Theologien eine bedeutende Rolle spielen.
Nachdem wir endlich unsere einst so rauhen Religionen geglättet und zivilisiert und ihnen ein gelehrtes, ehrwürdiges Aussehen verliehen haben, wollen wir uns nur noch äußerst ungern an die gesellschaftlich inakzeptable Herkunft der meisten dieser Religionen erinnern. Wenn nun aber gerade in dieser Ursprünglichkeit die Quelle der Vitalität jeglicher Religion liegt? Wo sollten wir dann in der heutigen Zeit die Religion suchen, von der wir erwarten, daß sie die Erde wie ein Feuer entfacht, um ihr neue Strukturen zu verleihen? Hier treffen wir natürlich hart auf althergebrachte Differenzen bezüglich der Bedeutung und der Aufgabe einer Religion. Soll die Religion die Gesellschaftsstrukturen glätten, sie zivilisieren und stützen--worin Marx und Staatsreligion übereinstimmen? Oder aber ist Religion dazu geschaffen, wie ein Feuer zu brennen, das das Leben der Menschen verändert, das die Gesellschaft umformt, in der sie wirkt--worin Moon und viele freidenkende Menschen und Evangelisten übereinstimmen. Der entscheidende Unterschied all dieser religiösen Perspektiven liegt in der Wahl des Programmes und der Mittel zur Veränderung.
Als ich am Theologischen Seminar der Vereinigungskirche eine Vorlesung über meine eigene Auffassung vom Wesen Gottes hielt, bemerkte in der anschließenden Diskussionsrunde einer der Fragesteller, daß er meine Gottesdarstellung "sehr seltsam" fände. Ich antwortete ihm mit meinem bevorzugten Vers: "How odd of God to choose the Jews." (Wie seltsam von Gott, die Juden zu erwählen) und wies ihn zurecht: "Wer glaubt, daß Gott einen Koreaner, der kaum englisch spricht, erwählt hat, nach Amerika zu kommen, damit er das Land zur Besinnung auf seine religiöse Sendung als Nation aufrufe, der sollte es sich sorgfältig überlegen, bevor er irgendeine Ansicht über das Wesen Gottes ,seltsam' nennt." Die Göttlichen Prinzipien übermitteln gewiß eine seltsame Darstellung der Handlungsweise Gottes; die Frage ist aber: Erscheint Gottes Handeln nur aus unserer Sicht manchmal seltsam, und welche Alternative können wir bezüglich der Handlungsweise und des Handlungsortes Gottes in der heutigen Zeit anbieten?
Was müssen wir tun, wenn wir die Geburtswehen einer neuen Religion miterleben? Das erste, was getan werden muß, ist herauszufinden, wie Gott ist, und wie er anderen als Realität vermittelt werden kann. wir leben in einer Zeit, in der über diesen Punkt einige Verwirrung herrscht, einer Zeit, in der Gott vielen Menschen sehr weit weg oder tatenlos erscheint. Für einen Moonie ist das anders. Folglich weiß er genau, was er mit seiner Erfahrung von Gottes Leiden und Liebe tun muß: er muß arbeiten, um das göttliche Leid zu erleichtern, indem er das Reich Gottes auf Erden neu schafft und diese Liebe durch Selbstaufopferung an andere weitergibt. Einer der häufigsten Kommentare in Interviews war: "Gott ist für mich Wirklichkeit geworden." Unabhängig davon, wie negativ die eigene Einschätzung Reverend Moons und der Bewegung auch sein mag, müssen solche Aussagen erklärt werden. Es ist in der Tat schwierig, die lebendige Gotteserfahrung der Bekehrten zu erklären, wenn wir der Bewegung nur eine negative Seite zugestehen.
Ein solches Gottesverständnis legt jedem Gläubigen eine schwere Last auf die Schultern, da es buchstäblich seine eigene Verantwortung ist, wenn Gottes Mission scheitert. Er trägt eine beängstigende Last, aber daraus erklärt sich, mit wieviel Druck jeder Moonie die Dringlichkeit empfindet, sein Äußerstes zu geben. Nicht etwa, daß Gott dies nur verlangte--er braucht es, denn er kann ohne dem nichts tun. Unter diesem Aspekt betrachtet, erhebt sich die Frage: Was kann Gott tun und was müssen die Menschen tun? Moon hat auch eine Doktrin der Gnade, er betont jedoch, daß Gott zwar dem Menschen Verzeihung gewährt und ihm einen Weg zeigt, daß aber der Mensch dann seinen Teil erfüllen muß, während er gleichzeitig noch seine Mitmenschen unterstützen soll.
Diese neue Religion stellt uns vor die Frage: Braucht Gott sowohl eine Nation als auch einzelne, treue Nachfolger? Der Wille Gottes war es, so lehren die Prinzipien, daß sein Sohn auf Erden Erfolg haben sollte. Jesus kam, um das Reich Gottes auf Erden zu errichten. Er kam nicht, um zu sterben. Der Tod des Sohnes zerriß Gottes Herz; deshalb ist Sun Myung Moon gekommen, um vom Leiden Gottes zu sprechen. Es war schon immer so, daß der Verkünder der Wahrheit Verfolgung erleidet. Nötig ist aber eine Nation, die Gott als neues Werkzeug der Reform dienen will. wir haben das geistige Fundament des Reiches Gottes, das durch Jesu Leben und Wirken gelegt wurde. Jetzt wird ein Volk, eine Nation benötigt, um an der weltweiten physischen Wiederherstellung zu arbeiten.
Symbolisch gesehen hätte Jesus Jerusalem reformieren und dann Rom in Angriff nehmen sollen. Nur eine Konfrontation mit den Großmächten hätte die damalige Welt in eine Reformation führen können. Eine derartige Mission konnte jedoch von Jesus selbst nicht vollendet werden. Bevor das erste politische Niveau erreicht war, hatten ihn seine Nachfolger schon aufgegeben und ihn machtlos zurückgelassen, als er Pilatus gegenüberstand. Das bringt uns zu den für die Bewegung zentralen Begriffen von Wiedergutmachung und Wiederherstellung. Bevor wir die unvollendete Mission Jesu zu Ende führen können, müssen wir durch Kämpfe und Leiden Wiedergutmachung leisten. Die auf diese Weise geläuterten Menschen können dann Geld und Macht da für gute Werke verwenden, wo andere es selbstsüchtig benutzen. Will man im Bereich der physischen Wiederherstellung erfolgreich sein, muß man irdische Güter einsetzen.
Kann das Himmelreich durch Anwendung materieller Macht auf Erden verwirklicht werden? Diese neue Religion behauptet, daß genau das getan werden muß; ihre Beteiligung an politischer und wirtschaftlicher Macht erregt bei denjenigen Anstoß, die dafür eintreten, daß religiöses Leben rein geistiger Art sein und auf den eigenen Bereich beschränkt bleiben sollte. Demzufolge finden Moonies nur wenig Verständnis und noch weniger Anerkennung. Wie die Marxisten gehen auch die Moonies davon aus, daß man Macht ausüben muß. Für den Marxisten ist es eindeutig klar, wo die Macht sitzt (nämlich in der Kontrolle der Produktionsmittel), und er wird alles daran setzen, diese Kontrolle für "gute Zwecke" zu gewinnen--sogar dann, wenn seine Beweggründe inmitten des Machtkampfes unlauter erscheinen. Der Marxismus verspricht eine Utopie auf Erden, die aus der Machteroberung resultieren soll. Muß die Religion die Bühne verlassen, ohne eine Gegenrevolution in der Politik anzubieten? Moon ist da anderer Meinung.
Das Ziel eines jeden wahren Moonies ist nicht gerade gering: die Errichtung einer Welt, die das göttliche Ideal widerspiegelt. Jesus leidet (und Gott auch), weil die Menschen nicht auf sie eingehen. In diesem Falle weiß jeder Nachfolger, daß die Verantwortung auf ihm liegt, nicht die gebotene Chance zu verpassen. Drei Könige, so heißt es, kamen zu Jesu Geburt, um ihm Geschenke zu bringen; sie kannten jedoch die Prinzipien nicht. Die Moonies sagen, daß sich diese Könige um Jesus kümmern und ihn erziehen sollten. Die frühe Ehrerweisung der Könige war nicht genug, und mit der Kreuzigung wurde sie zu einer leeren Geste. Hätte sich Johannes der Täufer mit Jesus zusammengetan, hätte es Jesus enorme Glaubwürdigkeit verliehen, so heißt es in Moons Lehre. Die Untreue der anderen (diese uralte Sünde) war der Grund dafür, daß Jesu Mission unvollendet bleiben mußte; deshalb wird die Treue zur größten Tugend dieses Zeitalters. Sie steht über allen anderen ethischen Werten.
Wenn wir beobachten, wie ehemalige Nachfolger Moons sich jetzt gegen ihn wenden und die Kirche zu zerstören suchen, für die sie zuvor so hart gearbeitet haben, verstehen wir den Wandel, den Jesus vom Palmsonntag bis Karfreitag durchlebte. Dieselben Menschen, die einen Mann als Messias proklamieren--das lernen wir aus der heiligen Schrift--können sich leicht gegen diesen Menschen wenden, den sie einst feierten, um ihn zu kreuzigen. So wie sie erwarten auch wir zu schnell zuviel von unseren religiösen Führern. Sobald uns die Mühe und Arbeit ersichtlich werden, die für einen tiefen Wandel unseres Lebens notwendig sind, sind wir versucht zu resignieren. Die Moon-Bewegung ist heute auf dem Wege von der Feier des Palmsonntags zum Abtrünnigwerden am Karfreitag. Solange Moon lebt und die Vereinigungskirche besteht, werden sie jedes ehemalige Mitglied daran erinnern, daß es einst einen religiösen Wandel erhofft und auch für möglich gehalten hatte.
Hört man die Geschichte all derer, die die Vereinigungskirche verlassen, fragt man sich, ob wir etwas anderes als Ernüchterung von Menschen er-warten können, die einer Bewegung mit großen Hoffnungen beitreten und dann herausfinden, daß das Leben dort härter ist als die offizielle, ideale Doktrin vermuten ließ oder gar im Widerspruch zu ihr steht. Nur wenige Religionen bringen unmittelbar das zustande, was sie versprechen oder was wir von ihnen erwarten. Sicherlich ist auch die Moon-Bewegung nicht frei von Irrtümern und Übertreibungen; dafür sprechen zahlreiche Berichte. Ist sie aber in der Tat schlechter oder besser als jede andere religiöse Institution, die einem Standard nicht gerecht werden kann, weil er über dem für Männer und Frauen erreichbaren Niveau liegt?
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Brunnen-Verlag, Spatenberg 20, Basel. S. 23.
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