
Die am häufigsten gegen die Kirche vorgebrachten Beschuldigungen erhitzen den Zuhörer oft schon bei ihrer bloßen Erwähnung. Das liegt daran, daß sie alle empfindlichen Stellen der heutigen Gesellschaft berühren. Es gelingt einfach nicht, ein Problem sachlich zu erörtern: die bloße Erhebung einer Anklage empfindet man schon als beweiskräftig. Die Angelegenheit wird emotional erledigt--der Verstand braucht sich nicht zu bemühen. Keine der von mir erarbeiteten Lösungen lag an der Oberfläche; vielmehr erforderte jede Antwort eine tiefgreifende Betrachtung. Wie lauten nun die Anklagen ?
1. Die Vereinigungskirche trennt Kinder von ihren Familien und schafft Entfremdung, insbesondere durch die Doktrin von den Wahren Eltern.
Dieser Anklagepunkt erhitzt die Presse am meisten. Die Berichte von elterlicher Angst stacheln die Anti-Moon-Bewegung an. Eine Vielzahl von Faktoren spielt dabei eine Rolle:
a. In allen Ländern, in denen sich die Kirche etablierte, zeigte sich dieses Phänomen der Familienzerrüttung, wenn auch nicht überall mit der gleichen Intensität. Ebenso ist es wahr, daß die meisten neuen Religionen am Anfang diese Art Zerrüttung hervorrufen. Darüber hinaus ist es ein Phänomen, das für eschatologische Zeiten vorausgesagt wurde.
b. Die Familienzerrüttung klingt gewöhnlich nach der ersten missionarischen Welle immer mehr ab, je mehr die Kirche sich in das tägliche Leben integriert.
c. Die Doktrin von den Wahren Eltern ist schwer zu erklären, zum einen, weil sie ein zentrales Element der Bewegung ist und zum anderen, weil sie von der Allgemeinheit stark mißverstanden wird. Durch den Sündenfall leben alle Menschen mit der ursprünglichen Sünde, und niemand führt ein ideales Leben. Die Vereinigungsdoktrin verlangt in ihrem Plan der Wiederherstellung den Beginn einer reinen Linie, in der Familien einen harmonischen Liebesaustausch haben können. Wahre Eltern sind die Begründer dieser neuen Linie; doch wird damit nicht die biologische Elternschaft verworfen. Es sollte eine umfassendere Sphäre der Loyalität und Zuneigung geschaffen werden, doch wird der Gläubige dadurch weg von der Bezogenheit auf seine eigene Familie und hin zum Ideal der Weltfamilie geführt.
d. Die vielleicht größte Ironie ist, daß die Bewegung zwar Frieden, Liebe und Einigkeit verspricht, zunächst aber Feindseligkeiten hervorruft und Familien auseinanderbringt. Man könnte behaupten, sie predige eine Sache und verwirkliche dann ihr Gegenteil; damit erklärt man jedoch das Puzzle noch nicht ausreichend, da es ein langfristiges und ein kurzfristiges Ziel gibt. Der Jünger entfernt sich zwar zunächst von seiner Familie, langfristiges Ziel ist es jedoch, beide miteinander zu vereinen. Dieses Programm ist langwierig, sorgfältig ausgearbeitet und mit vielen Vorbedingungen verbunden. Demzufolge müssen die Familie und sonstige enge Bindungen zunächst geopfert werden. Sofern man nicht an das Programm oder an das Ziel glauben kann, sieht man natürlich nur den unmittelbaren Bruch.
e. Wurden Kinder tatsächlich von ihren Eltern ferngehalten oder verbot man ihnen den Kontakt? In einigen Fällen ist dies zweifellos der Fall. Kirchensprecher gehen sogar so weit, daß sie viele Fehler in bezug auf die Familienbeziehung zugeben. Allerdings ist es eine interessante und zugleich traurige Tatsache, daß es in einigen Fällen der Bekehrte selbst ist, der den Kontakt mit seiner Familie ablehnt. Die Gründe dafür sind zahlreich, aber der Jugendliche schiebt die Kirche als Grund vor oder benutzt sie als Prellbock, wenn die Eltern negativ werden. Unglücklicherweise tendiert das Kind dazu, sich gerade dann von seiner Familie abzusondern, wenn ein Zusammenkommen nötig wäre. Vielleicht wird die Vielschichtigkeit des Problems am besten durch die Frage sichtbar: Führt die Kirche erst den Bruch in der Familie herbei, oder förderte sie nur ein Problem ans Tageslicht, das schon vorher existierte? Ein Mitglied behauptete, daß die Familienbeziehungen nach dem Beitritt intakt seien, wenn sie es auch vorher waren. Wenn sie aber schon schlecht waren, spitzt sich jedes Problem durch den plötzlichen Wandel unweigerlich zu. Bis zu einem gewissen Grad mag das zwar zutreffen, doch ist es wahrscheinlich eine zu einfache Antwort.
Viele Mitglieder sagten in Interviews, daß ihre Eltern glaubten, ihnen sehr nahe zu sein oder sie zu verstehen; sie selbst empfanden es ganz anders. Häufig berichten neue Mitglieder von ihrer ruhelosen Suche, bevor sie auf die Vereinigungskirche stießen. Ihre Familie und auch Freunde ahnten davon nichts, weil es bis zum Augenblick der Bekehrung eine innere Suche und Entfremdung war. Wenn auch derartige Schwierigkeiten sowie ein Mangel an Kommunikation bestehen--solange das Kind in den anerkannten sozialen Bahnen bleibt, wird die Entfremdung hingenommen. Behauptet das Kind jedoch, es habe nun seine Probleme gelöst und sei in der Kirche glücklich, können die meisten Eltern dies kaum glauben, weil ihnen die neue Zielsetzung und der Lebensstil so fremd sind. wir haben uns seit unserer Kindheit daran gewöhnt, gewisse äußere Formen als ein Zeichen für Glücklichsein anzusehen. Fehlen diese Formen, oder sind sie verändert, fällt es uns schwer, das Glück zu erkennen, weil es uns in ungewohnter Aufmachung begegnet.
f. Eltern berichten, daß sie mit ihren Kindern nicht reden können und daß sie von deren Verhaltensänderung verwirrt sind. Nach einem intensiven Training hat das Kind eine neue Weltanschauung und eine Mission. Gemäß der Lehre kann man dies nicht einfach ohne Vorbereitung hinausposaunen. Trifft der Bekehrte auf eine feindselige oder ungläubige Haltung, bringt ihn das zum Schweigen. Dieses Phänomen ist allen Eltern vertraut, die Kinder im Alter von 16 bis 25 haben. Da das Kind nun eine "Wahrheit" besitzt, wird es zum Lehrer und hält sich gewissermaßen für etwas Besonderes oder auch überlegen, weil es ja nun etwas weiß. Die daraus resultierende Rollenumkehrung können die Eltern kaum akzeptieren. Sie wird häufig von den jungen Leuten zu weit getrieben, weil sie selbst so lange in der Rolle derjenigen gehalten wurden, die erst etwas lernen mußten.
g. Weil die neuen Mitglieder an die Existenz einer geistigen Welt mit guten und bösen Kräften glauben, könnten sie meinen, ihre Eltern stünden gewissermaßen unter dem Einfluß Satans. Dadurch entsteht zunächst eine Kluft, obwohl das eigentliche Ziel darin besteht, die Opposition durch Liebe zu überwinden. In manchen Fällen rät die Kirche dem Bekehrten, sich von seinen Eltern bis zu einem "günstigeren Zeitpunkt" zu trennen. Für mich, einem Mann aus dem Westen, der an die offene Konfrontation glaubt, ist dieses indirekte Vorgehen nur mit Mühe zu akzeptieren. Das neue Mitglied jedoch wartet so lange, bis der Zeitpunkt für die Kontaktaufnahme mit den Eltern "günstig" ist. Der Glaube an eine geistige Welt mag übertrieben und überbewertet werden; wahr ist aber auch, daß man ohne sorgfältige Vorbereitung durch eine direkte Auseinandersetzung in emotionsgeladener Atmosphäre zu keiner besseren Verständigung kommt.
h. Inmitten der Welle von Berichten verärgerter Eltern
übersehen wir leicht die Tatsache, daß nicht alle Eltern
Ablehnung zeigen und daß nicht alle Mitglieder eine gestörte
Elternbeziehung haben. Es gibt auch positive Eltern, die die
Sache schätzen und sie sogar unterstützen. Die Aufmerksamkeit
der Presse richtet sich gewöhnlich auf die schwierigen Fälle,
weil deren Be-richte viel interessanter sind. Genaue Zahlen sind
schwer zu nennen, doch verhält sich wohl die Mehrheit der Eltern
ruhig und akzeptiert zögernd. Wenn alle feindlich gesinnt wären
und kein einziges Mitglied mit seiner Familie Kontakt hätte,
wäre das Problem leicht zu lösen. Wir haben es aber mit einem
Spektrum von Reaktionen zu tun, das von feindlich über skeptisch
bis zu offener Zustimmung reicht. Natürlich gibt es auch Fälle
(insbesondere im Orient), in denen Familien geschlossen
beitreten; andere, in denen die Kinder ihre Eltern in die
Mitgliedschaft führen.
2. Die Vereinigungskirche fügt der Persönlichkeit des Bekehrten großen Schaden zu. Sie ist die Quelle oft langwieriger, psychischer Probleme.
a. Alle Religionen ziehen Menschen mit Problemen an; viele von ihnen leiden unter starken emotionalen Schwierigkeiten. Die Frage lautet nicht, wieviele davon scheitern, sondern: Rechtfertigt die Heilungsquote die ent-stehenden Schwierigkeiten? Zahlen zu nennen ist nicht einfach. Einige Psychiater berichten, sie hätten dreißig bis fünfzig Patienten gehabt. Die Zahl der von der Bewegung angezogenen Menschen geht in die Tausende. Die eigentliche Frage lautet: Wurden die psychischen Schwierigkeiten durch die Erfahrungen in der Bewegung, durch ihre Trainingsmethoden und ihre Lebensweise verursacht, oder wurden sie dadurch nur aufgedeckt?
b. Aus Zeugnissen von Mitgliedern wissen wir, daß viele versichern, sie hätten Hilfe erfahren und einen positiven Wandel erlebt. Wir müssen feststellen, daß es mehr die Eltern als deren Kinder sind, die behaupten, daß die Kirche Schaden anrichte. In vielen Fällen bedeutet das, daß sich die betroffenen Personen tiefgreifend verändert haben--die Frage bleibt offen, ob zum Guten oder Schlechten. Sofern man das Phänomen religiöser Bekehrung nicht völlig ausklammert, hat man es bestenfalls mit einem gemischten Ergebnis zu tun. Daraus läßt sich ableiten, daß Schaden oder Nutzen von der Situation des einzelnen abhängen, daß man also nicht verallgemeinern kann. Natürlich befriedigt eine solche Schlußfolgerung nicht diejenigen, die die Lehren der Bewegung ablehnen und allein deshalb glauben, daß sie nichts Gutes vollbringen könnte. Diese Betrachtung gehört jedoch in den theologischen und nicht in den psychologischen Bereich.
c. Ein verwirrender Faktor kommt durch gewaltsame Deprogrammierungstechniken ins Spiel, von denen man früher im Zusammenhang mit Entführungen hörte. Dabei muß man hervorheben, daß in den betreffenden Fällen kaum feststellbar ist, welche psychischen Symptome die Folge der Schocktechnik sind, die nötig war, um den Jugendlichen zu deprogrammieren und welche unmittelbar von den Trainingsmethoden der Bewegung hervorgerufen wurden. Psychiater nennen als übliche Erholungszeit ein Jahr, bevor der Betroffene wieder "normal" ist. Aber welchen Anteil hat die zwangsweise Trennung von der idealistischen Sache und von der "Vereinigungsfamilie" an der Verwirrung der Person? Die Kräfte, die den menschlichen Verfall herbeiführen, sind schwer zu ermitteln.
d. Ein in der Fürsorgearbeit tätiger Psychiater erklärte, daß die übertrieben idealistische Darstellung des Lebens der Kirchenfamilie durch den überzeugten Nachfolger in eine ebenso übertriebene Verurteilung umschlägt, wenn das Mitglied negativ wird. Wenn das ehemalige Mitglied sich nicht mehr am Zauber der totalen Hingabe für ein Ideal festhalten kann, versucht es die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, indem es Schauergeschichten verbreitet. Aus dem Engagement für die Sache wird ein Kreuzzug zu ihrer Bekämpfung. Beide verlangen von der Person totale Hingabe und verstärken die menschliche Neigung zu Übertreibungen.
e. Können wir, wenn nicht alle, so doch einige der Probleme,
von denen die Presse berichtet, (z.B.: Familien wird der Zugang
zu ihren Kindern verwehrt) als eine Diskrepanz zwischen Theorie
und Praxis bezeichnen? Ich habe schon aufgezeigt, wie die Theorie
viele Praktiken rechtfertigt, die von Außenstehenden in Frage
gestellt werden, zum Beispiel fund-raising und Moons Lebensstil.
In diesem Fall stellen die Praktiken keine Verletzung erklärter
Ideale dar, sondern eher die Verkörperung eines Ziels.
Demgegenüber betonen die Kirchenleiter mit Nachdruck, daß
allgemein besorgniserregende Vorkommnisse wie zum Beispiel die
Trennung von Kind und Familie auf keinen Fall in ihrer Absicht
lägen. Ebenso wie der Marxismus mehr in seiner Praxis als in der
Theorie zu beanstanden ist, wird auch die Moon Hierarchie
"vor der eigenen Türe kehren" müssen, wenn sie
verhindern will, daß abirrende Praktiken ihre erklärten Ideale
als Lug und Trug erscheinen lassen.
3. Trainings- und Bekehrungstechniken laufen auf Gehirnwäsche oder geistige Kontrolle hinaus und berauben den Menschen seines freien Willens, so daß jede vermeintlich freiwillige Anerkennung gewissermaßen "manipuliert" ist.
a. Dies ist die Anklage, der man vielleicht am schwierigsten gerecht werden kann. Lassen Sie uns vorab festhalten, daß alle interviewten Mitglieder den Verdacht einer Gehirnwäsche entschieden zurückwiesen, ja, die meisten lachten darüber. Alle Mitglieder zu beurteilen wäre schwierig; jedoch beteiligen sich eine ganze Reihe an geistreichen und ungezwungenen Diskussionen und scheinen durchaus im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten zu sein. Als erstes sollte man sagen, daß der Ausdruck Gehirnwäsche wahrscheinlich irreführend ist. Die Diskussion dieses Punktes wäre ergiebiger, könnte man den Ausdruck fallenlassen. Er bezeichnet nämlich die Anwendung offensiver und gewaltsamer Taktiken und ich konnte beim besten Willen keine Anzeichen von Gefängnismentalität in den Trainingszentren entdecken.
b. Druck wird angewendet, darüber besteht kein Zweifel. Ist er so stark und unterschwellig, daß er eine Person ihres "freien Willens" beraubt? Lassen Sie uns die Frage nach dem freien Willen umgehen. Wir müssen uns vor Augen halten, daß Überredungstechniken eine Lebensrealität sind und wir deshalb besser lernen sollten, damit umzugehen, als uns einzubilden, es gäbe einen sicheren Ort, wo niemand irgendwelchen Druck anwendet, um seine Sache zu unterstützen. Aus dieser Sicht weisen auch die Seminare der Moonies einige bezeichnende Merkmale auf, doch unterscheiden sie sich im wesentlichen wenig von den "Gebirgszeltlagern", die bei recht anerkannten Religionen jahrhundertelang gang und gebe waren. Ist es dann also eher die Religion selbst und nicht so sehr die Methode, die in Wirklichkeit in Frage gestellt wird?
c. Wenn die Anklage der geistigen Kontrolle von ehemaligen Mitgliedern kommt, müssen wir uns fragen, wieviel davon Selbstrechtfertigung ist, weil sie ihren beherzten Einsatz für die Sache, die sie jetzt ablehnen, vertuschen müssen. Kommt die Anschuldigung von den Eltern, in welchem Ausmaß soll sie dann die schmerzliche Tatsache überdecken, daß ihr Hans freiwillig seinen gewohnten Lebensstil aufgegeben hat und sich nun für etwas anderes einsetzt?
d. Den Begriff des "freien Willens" haben die Philosophen schon jahrelang zu definieren versucht. Wir können diesen Punkt nicht endgültig klären, doch sollten wir uns vor jeglicher vorgegebener Definition hüten, die als unanfechtbar hingestellt wird. Wenn freier Wille das Fehlen von Hingabe bedeutet, wenn er vor allem totales Engagement ausschließt und wenn er ein vorsichtiges Zurückhalten des eigenen Urteils verlangt, dann kann bei den meisten religiösen Bekehrungen von "freiem Willen" nicht die Rede sein. wir sollten nicht leichtfertig annehmen, daß rational gesehen, die Welt niemals völlige Hingabe erlaube. Diese Annahme beruht auf einer speziellen metaphysischen Anschauung von der grundlegenden Ungewißheit in der Welt und entspricht nicht den offensichtlichen Erfahrungen mit der Realität. Wenn "freier Wille" das Fehlen jeglicher Beeinflussung bedeutet, dann mögen wohl einige Laborversuche dieses Kriterium erfüllen, die meisten wichtigen Lebensfragen entscheiden sich jedoch "am Küchenherd", um es mit Harry Trumans Worten zu sagen.
Ein Psychiater definierte freien Willen als "die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, zu sortieren und zu vergleichen, Unklarheiten zu beseitigen, und Schlußfolgerung zu ziehen und danach zu handeln, ohne eine Quelle der Wahrheit zu Rate zu ziehen. Das Verhalten sollte gelegentlich idiosynkratisch sein und sich mit Unklarheiten beschäftigen, ihre Existenz anerkennen, Handlungen in Ungewißheit zulassen." Ganz offensichtlich verlangt eine derartige Definition eine ganze Reihe von Voraussetzungen. Fast jeder Moonie könnte diese Kriterien akzeptieren, mit Ausnahme vielleicht von "ohne eine Quelle der Wahrheit zu Rate zu ziehen", "Gelegentlich idiosynkratisch" und "Handlungen in Ungewißheit zulassen". in einigen Fällen mag das Verhalten neuer Mitglieder sogar auch dem entsprechen, allerdings mehr auf praktische Dinge als auf die Lehre bezogen. Einzelgängertum, das Fehlen jeglicher Wahrheit sowie die Unerreichbarkeit von Gewißheit sollten nicht erstrebenswert sein, wenn dadurch in der Tat große Fra-gen aufkommen. Einige recht vernünftige Männer und Frauen glauben immer noch, daß es durchaus möglich ist, sich Gewißheit zu verschaffen.
e. Ein Psychiater, der sich mit Methoden der Gehirnwäsche auskennt, sagte, die Kirche benutze einige Aspekte der klassischen Techniken, wie zum Beispiel die Einflußnahme auf die Umwelt; sie wende jedoch nicht alle für eine Bewußtseinssteuerung erforderlichen Mittel an. Jede Bewegung, die Menschen verändern will, wendet einige Mittel zur Bewußtseinssteuerung an, wie etwa das Einengen der Perspektive. Sie schaden nur ab einem kritischen Punkt, wenn nämlich der seelische Druck so stark wird, daß er eine mögliche Selbstbeherrschung nicht mehr zuläßt. Fraglich ist, ob radikale Methoden überhaupt gute Ergebnisse hervorbringen können. Die Möglichkeit besteht, aber natürlich birgt sie auch die Gefahr einer destruktiven Wirkung in sich. Auf die Frage nach zwangsweiser Deprogrammierung antwortete der Psychiater: "lch bin gegen jegliche Form von geistiger Gewaltanwendung."--und ich denke, damit ist der Punkt kurz und treffend zusammengefaßt.
f. Werden ungewöhnliche Bekehrungsmethoden benutzt, wenn auch
Gehirnwäsche ein irreführender Ausdruck ist? Man widmet
dem Gast ständige Aufmerksamkeit und Zuneigung, und Mitglieder
betrachten diese liebevolle Atmosphäre als einen entscheidenden
Anziehungspunkt, der sie zum Beitritt bewegte. Die Lehre wird
schrittweise enthüllt ("Täuschung" wird an anderer
Stelle abgehandelt). Der Neuling wird ermutigt, selbst
Betrachtungen anzustellen, um ein tieferes Verständnis zu
erlangen. Der einzelne befindet sich höchstwahrscheinlich in
einer seelischen Übergangsphase; allerdings trifft dies auf die
meisten Menschen dieser Altergruppe und auf fast alle diejenigen
zu, die nach religiösen Lösungen suchen. Wird der Rückzug
erschwert? So wie man in Studentenkreisen Sex und Marihuana
ausprobiert haben muß, fühlen sich viele junge Leute auch durch
die Einladung zu einem Seminar geschmeichelt. Von den Tausenden
jedoch, die daran teilnehmen, treten nur etwa eine Handvoll der
Bewegung bei. Eine derart niedrige Erfolgsquote würde fast jeden
professionellen Ausbilder enttäuschen. Für diejenigen aber, die
dableiben, wird der Entschluß zum Austritt durch den Druck der
Gemeinschaft wahrscheinlich noch schwieriger als es der Eintritt
war.
4. Sun Myung Moon hat eine esoterische und eine exoterische Lehre. Öffentlich lehrt er Liebe und Einigkeit, aber intern drängt er auf die Anwendung fragwürdiger Methoden und er verfolgt selbstsüchtige Ziele.
a. Lehrt Reverend Moon seine Nachfolger wirklich
privat etwas anderes als er in seinen öffentlichen Ansprachen
verkündet? Auf diese Frage erhielt ich von Mitgliedern rund um
die Welt jede erdenkliche Antwort, außer "ja". Sie
könnten mir sagen, ich brauchte den Antworten nicht zu trauen,
denn sie richteten sich an einen Außenseiter, an jemanden, der
nicht in die Ge-heimnisse eingeweiht ist. Obwohl ich bei der
Lektüre von Bergen von Unter-lagen viel über die Notwendigkeit
der "schrittweisen Offenbarung" gelernt habe, kann ich
nur berichten, daß ich niemals Dinge gefunden habe oder über
private Lehren gestolpert bin, die in krassem Widerspruch zur
öffentlichen Lehre stünden.
b. Gelernt habe ich, daß ihre Lehre von der aktiven geistigen Welt, die in das Leben der Menschen eingreift, sie zu der Auffassung bringt, daß jeder sorgfältig vorbereitet werden muß, bevor er die volle Wahrheit hören und verarbeiten kann. Die langsame Einführung und die richtigen Umstände sind gleichermaßen wichtig; man kann von einem Neuling nicht das gleiche Verständnisniveau erwarten wie von einem langjährigen Mitglied.
Prüfungen und Leiden, sowie die Leistung von Wiedergutmachung
sind ebenso notwendige Grundlagen. Also ist die Wahrheitsfindung
keine leichte Angelegenheit, sondern ein langer Weg. Den meisten
Außenstehenden entgeht die Tatsache, daß die Mitglieder unter
dem ständigen Druck des "geistigen Wachsens" stehen.
Demzufolge gibt es also nicht nur ein Wahrheitsniveau, sondern
vielmehr eine kontinuierliche Offenbarung. Es ist nicht leicht,
einem Außenstehenden, der nicht selbst durch diese Erfahrungen
des geistigen Reifeprozesses gegangen ist, die Wahrheit des
internen Lebens verständlich zu machen.
c. Die meisten Leute haben die Serie der Meisterreden
{Master Speaks) von Reverend Moon im Sinn, wenn sie von
"geheimen Lehren" mit explosiven Eigenschaften
berichten. Die inhaltlichen Aussagen dieser Reden sind hier schon
behandelt worden; darauf hinweisen sollte man jedoch, daß es
sich dabei um "Familiengespräche" handelt, von denen
wir erwarten können, daß sie etwas anders ausfallen. Die Frage
ist, ob sie Widersprüche beinhalten. Reverend Moon spricht im
Sonntagsgottesdienst oder bei besonderen Anlässen zu seinen
Nachfolgern, und die durch die Situation hervorgerufenen
Begeisterung könnte zu mißverständlichen Worten führen. Wir
müssen zumindest anerkennen, daß wir es mit einer Doktrin zu
tun haben, die eine Vielzahl von Auslegungen zuläßt und daher
auch leicht falsch interpretiert werden kann.
d. Sind denn nun die privaten Forderungen stärker
und eklatanter als die offiziell gedruckten Göttlichen
Prinzipien? Soweit ich es beurteilen kann, scheint sich die
Dringlichkeit mit dem Herannahen des vorhergesagten Zeitpunktes
der Erfüllung zu verstärken. Wachstum und Erfolg der Bewegung
scheinen eine Art Euphorie, Anregung und Druck zu bewirken.
Meistens jedoch stimmen die Aussprüche völlig mit den Göttlichen
Prinzipien überein. Der Verdacht geheimer Lehren entspringt
entweder der Unfähigkeit, die öffentliche Lehre zu verstehen
(und es ist nicht einfach, sie richtig zu erfassen), oder aber
einer völligen Ablehnung der Doktrin. So entsteht der Verdacht,
es gäbe düstere, geheime Unterweisungen.
5. Mobile "fund-raising" Teams benutzen
betrügerische Methoden, um Spenden zu sammeln. Sie verheimlichen
ihre Beziehung zu Reverend Moon und der Bewegung.
a. Diese Anschuldigung ist nicht leicht zu behandeln,
und meiner Auffassung nach sollte man hier differenzieren.
Einerseits wurde von genügend Fällen berichtet, aus denen
hervorgeht, daß Täuschung gelegentlich vorkommt. Andererseits
ist die Verkaufsmethode eindeutig in erster Linie auf das
Anknüpfen von persönlichen Beziehungen ausgerichtet und nicht
darauf, die Leute unvorbereitet mit dem Namen der Kirche zu
konfrontieren. Einige Teams arbeiten vorschriftsmäßig und
nennen ihre Verbindung, wenn sie danach gefragt werden. Es ist
ganz klar, daß die Anweisung aus obersten Kirchenkreisen lautet,
ehrlich und Vorschriftsmäßig zu arbeiten. Wenn man allerdings
darauf besteht, daß sie unaufgefordert ihre Zugehörigkeit
angeben müssen, werden ihre "fund-raising" Methoden in
jedem Falle "unehrlich" erscheinen--wie ordnungsgemäß
sie auch arbeiten mögen.
b. Angesichts des großen Aufsehens, das die
"fund-raising" Aktionen in Amerika verursachen,
übersieht man leicht zwei Faktoren: (1) in anderen Ländern, wo
öffentliches "fund-raising" verboten ist, verdient die
Kirche ihr Geld auf andere Weise. Die amerikanische Offenheit
gegenüber direkten wohltätigen Aktionen ist auf internationaler
Ebene einzigartig. (2) Je fester sich die Kirche etabliert, desto
orthodoxere Formen wird die Beschaffung ihrer geldlichen Mittel
annehmen, zum Beispiel in der Industrie, durch Zeitungen,
Dienstleistungen, Fischerei usw. Schon heute können wir in
Amerika einen Übergang zu konventionelleren Unternehmungen
beobachten. Die großen Straßensammelaktionen waren eine
Dringlichkeitsmaßnahme, durch die die Bewegung sich in Amerika
etablieren und ihre ausgefeilten öffentlichen Veranstaltungen
finanzieren konnte. Man mag über diese Ziele denken, wie man
will--ihren verblüffenden Erfolg muß man bewundern. Sie kamen
aus dem Nichts und brachten viel zustande.
c. "Himmlische Täuschung" ist der widersprüchliche Ausdruck, gegen den viele Einwände haben und der auch nur schwierig zu fassen ist. Heißt das, daß es für eine gute Sache zulässig sei, sein Gegenüber durch Halbwahrheiten zu blenden oder durch Behauptungen zu täuschen, weil es dem "Gegenüber" unmöglich ist, die wahren Absichten zu verstehen? Meiner Erfahrung nach spaßen die Mitglieder unter sich über die "himmlische Täuschung", spricht man sie jedoch direkt darauf an, scheint damit so etwas wie "wirkungsvolle Öffentlichkeitsarbeit" oder "gute Verkaufsmethoden" gemeint zu sein. Fragt man, ob offene, bewußte Täuschung gebilligt werde, so wird dies verneint. Allerdings geben sie zu, daß übereifrige Mitglieder die Grenzen der Schicklichkeit Oberschreiten, weil sie um jeden Preis Erfolg suchen und ihre "fund-raising" Ergebnisse hochhalten wollen. Die Frage ist, ob es sich dabei um individuelle Ausrutscher oder um eine von der Kirche praktizierte Methode handelt.
Die Programme der Vereinigungskirche entsprechen nicht dem
herkömmlichen Bild von Kirchenwohltätigkeit. Ich nehme an, daß
sich die meisten Leute weit mehr an der Art der Verwendung der
gesammelten Gelder stoßen als an irgendeiner konkreten Kenntnis
von ordnungswidrigen oder betrügerischen Methoden. Die Gegner
sind überzeugt, daß beim "fund-raising" viel
Täuschung betrieben wird; die Kirchenmitglieder dagegen sehen es
als eine Arbeit mit hochgeistigem Ziel an. Das Geld wird für
Zentren, Grundstücke und akademische Konferenzen ausgegeben. Das
hat nicht viel mit der Hilfe für wirtschaftlich benachteiligte
Menschen zu tun, die die meisten Kirchen als ihre Mission
betrachten. So wie ich es sehe, glaubt die Vereinigungsbewegung,
ihre Programme für "öffentliche Beeinflussung"
würden Gottes Reich auf die Erde bringen. Die meisten
Außenstehenden erkennen dieses Programm nicht an und können
deshalb auch die ;,fund-raising" Aktionen nicht als
gerechtfertigt ansehen.
d. Wenn auch Täuschungen beim "fund-raising"
vorkommen--und es gibt vereinzelte Fälle--so ist es dennoch
überraschend zu sehen, welche Einstellung die Beteiligten
gegenüber einer Aufgabe haben, die wir als un-angenehm
betrachten würden. Die ehemaligen Mitglieder sind natürlich
verstimmt, doch sprechen viele aktive Mitglieder von ihrer
"fund-raising" Zeit mit einer Wehmut, die den
Außenstehenden überrascht. Warum? Die Antwort liegt in dem
starken "Pioniergeist" der Kirche und auch in ihrem
Glauben an die Notwendigkeit des Leidens und der Mühen, durch
die die Grundlagen für den geistigen Erfolg gelegt werden.
Einige Mitglieder mögen mit ihrem Teamleiter oder mit dem Team
schlechte Erfahrungen gemacht haben, dafür sprechen andere von
einer Zeit des nahen Beisammen-seins, der Mühen und davon, wie
sie auf den Straßen Zeugnis ablegen konnten. Für sie hat
"fund-raising" eine geistige Dimension, die nur wenige
Außenstehende erkennen können.
6. Die Kirche bildet und benutzt ständig wechselnde
Deckorganisationen, um ihre Aktivitäten zu verschleiern und
unter falschem Etikett Unterstützung zu erlangen.
a. Jedem, der die Geschichte, das Wachstum und den internationalen Umfang der Bewegung verfolgt, wird vor allem eines klar: sie steckt in unzähligen Aktivitäten. Projektverlagerungen kommen mit solcher Schnelligkeit, daß Mitglieder Witze darüber machen und es schwer haben, mit diesem Tempo Schritt zu halten. Kirchengegnerische Gruppen haben ganze Listen von den Bezeichnungen aller Organisationen zusammengestellt, doch wahrscheinlich haben sie nur die Hälfte gefunden. Noch lustiger ist, daß mit großer Wahrscheinlichkeit niemand in der Kirchenhierarchie eine vollständige Liste sämtlicher Aktivitäten aufstellen könnte, die die Kirche seit ihrer Entstehung in jedem Lande betrieben hat. sie haben kaum Zeit, lange Akten anzulegen und konzentrieren sich in erster Linie auf neue, aktuelle Unternehmungen .
Die Kirche benutzt tatsächlich unzählige
Organisationsbezeichnungen; aber trägt die Bezeichnung
"Deckorganisationen" wirklich zum Verständnis ihrer
Arbeitsweise bei, und ist dieser Name überhaupt zutreffend? Es
geht nicht darum, daß die Kirche eine Vielzahl von
Organisationen unterstützt, sondern darum, ob sie ihre
Verbindung zu all diesen Organisationen offen darlegt. Ist die
Pilgrim-Bruderschaft meiner Kongregationskirche eine
Deckorganisation? Nein, denn meine eigene Kirche fördert sie als
besonderes Jugendwerk. Ist die Vereinigungskirche gleichermaßen
offen bezüglich der verschiedenen Aktivitäten, die sie
fördert?
b. Zunächst einmal müssen wir sagen, daß wir nicht
immer sehr sorgfältig die fördernden Organe der Unternehmungen
feststellen, denen wir beitreten. Anders ausgedrückt, viele
Leute lesen ihre Post nicht richtig durch. Erst später, wenn
irgendwelche Fragen auftauchen, forschen wir nach-- doch wessen
Schuld ist das? Auf meinen Reisen traf ich auf mehr
Kirchenaktivitäten mit gesondertem Namen als ich hätte behalten
können. Jedoch mit Ausnahme des speziellen Falles in San
Franzisko schien die Verbindung zur Kirche niemals bewußt
verschleiert zu werden. Im Gegenteil, überall in der Welt waren
die Leiter begeistert und stolz, die Vielgestaltigkeit ihrer
Aktivitäten in den einzelnen Orten oder Ländern genau zu
erläutern. Die Lehre lehrt, daß Energie an vielen Fronten
gleichzeitig ausgegeben werden muß.
c. Wie steht es mit der einen Ausnahme? Die "Creative
Community Projects Foundation" in San Franzisko/Berkeley
wurde zwar in erster Linie von Kirchenmitgliedern gegründet,
aber sie ziehen es vor, sich nicht als direktes
Kirchenunternehmen auszugeben. Die meisten Berichte über
Täuschungen durch die Kirche gehen auf das Konto dieses
speziellen Unternehmens in der Bay Area. Die Leiter erklären das
damit, daß Berkeley in den sechziger Jahren nicht durch
organisierte Kirchen ansprechbar war. Durch dieses Unternehmen
wollten sie erreichen, daß sich Nichtmitglieder an ihren
Projekten beteiligen konnten, ohne sich der Kirche verpflichten
zu müssen. Ob dies nun die Angelegenheit rechtfertigt oder
nicht--ich glaube, die Unterlassung einer klaren Identifizierung
mit der Kirche ist selbst in diesem Falle ein Fehler, der auch
Anlaß zu ihrer allgemeinen Verunglimpfung gab. Wenn die
Schirmherrschaft eines Unternehmens bekannt ist, dann ist Deckorganisation
keine zweckmäßige Bezeichnung, da sie ausschließlich für
verdeckte, anonyme Geschäfte steht--ein Sachverhalt, der die
gesamten Unternehmungen der Moon-Bewegung nicht korrekt
beschreibt.
7. Die Kirche sammelt große Geldsummen, die dann
unerlaubterweise zur Unterstützung des großzügigen Lebensstils
des Kirchenleiters beitragen.
a. Zunächst müssen wir festhalten, daß die Kirche und
Reverend Moon jahrelang in Armut lernten, so daß wir es also mit
einem neuen Phänomen zu tun haben, wenn wir den heutigen
Wohlstand der Bewegung betrachten. Eine andere Tatsache, die
Außenstehende nur schwer verstehen können, ist, daß die
Bewegung niemals die Absicht hatte, ständig in Armut zu leben.
In der Tat kündigt die Lehre materiellen Erfolg an und strebt
ihn besonders vom religiösen Standpunkt her an: Wir haben uns
natürlich schon seit langer Zeit den Kopf darüber zerbrochen,
ob wir von allen hauptberuflich religiösen Menschen das Gelübde
der Armut verlangen sollten. Einige Menschen halten sich daran,
doch gibt es bezüglich der Tugend der Armut keine universelle
Übereinkunft aller religiöser Gruppen. Viele Religionen
kontrollieren große Reichtümer.
b. Im Zusammenhang mit dem Problem des Reichtums und seiner Verwendung stehen wir vor einem hochinteressanten und kontroversen Aspekt der Vereinigungsdoktrin. Die finanzielle Welt--so sagen sie--muß auch wiederhergestellt werden. Der Weg, dies zu tun, ist, voll hineinzutauchen, um finanzielle Macht zu erlangen, finanzielle Verbündete zu gewinnen und um in der Praxis das Ideal zu demonstrieren, daß materielle Mittel im Dienst des Werkes Gottes stehen können und müssen. Nur auf diesem Weg kann Gottes Reich auf die Erde kommen. Wenn wir dies als Gegenstück zum marxistischen Ziel ansehen, bietet sich hier eine kapitalistische Alternative. Die Produktionsmittel müssen zum Nutzen aller gesteuert werden; allerdings wird uns vorgeschlagen, dies durch eine kapitalistische Wirtschaft zu tun, die christlichen Idealen verbunden ist.
Einen Sozialisten oder politisch links Stehenden mag dies
natürlich als ein ungangbarer Weg erscheinen. In der Tat steht
dies im Widerspruch zu allen religiösen Anschauungen, die das
Christentum mit einem marxistischen Sozialprogramm kombinieren.
Alles, was wir tun können, ist, dieses aktuelle Thema zur
Kenntnis zu nehmen und uns gleichzeitig klar zu machen, daß Moon
in dieser Partnerschaft von Wirtschaft und Religion nicht allein
da-steht, wenngleich sie auch in einigen Kirchenkreisen aus der
Mode geraten ist. Viele können darin nicht einmal ein
annehmbares, religiöses Alternativprogramm sehen, und so
schlagen die Gefühlswellen recht hoch. Die Verwendung von
Reichtum durch die etablierten Kirchen ist, war und wird immer
eine hauptsächlich religiöse Angelegenheit bleiben.
c. Das grundlegende große Dilemma ist, ob irgendein einzelner
oder eine führende Gruppe persönlich von dem zusammengetragenen
Reichtum profitiert. Natürlich erfreuen sich die Leiter--wie
jeder leitende Angestellte irgendeines Unternehmens--gewisser
Führungsprivilegien. Das ist für sie nicht nur annehmbar,
sondern wird im Rahmen ihres religiösen Programms verlangt. Sie
verneinen kategorisch, daß irgendwer, Moon eingeschlossen, diese
Mittel für seinen persönlichen Gewinn benutze. Sollte
irgendeine Veruntreuung dieser Gelder ans Licht kommen, wäre das
nicht nur sehr frag-würdig, sondern auch im Widerspruch zur
Lehre. Die aktiven Mitglieder bekunden ihre Zustimmung und ihr
Vertrauen in den Führungsstil ihrer Leiter. Ein erfahrener,
antiklerikaler Redakteur gab seinen Zweifeln in der Sache
Ausdruck, obwohl er nicht die Ernsthaftigkeit der religiösen
Absichten in Frage stellte. Es ist und bleibt eine schwierige
Angelegenheit.
. ~á
d. Unternimmt die Bewegung ausreichende Anstrengungen, um den
Armen, den Entmutigten, den von dieser Welt Vernachlässigten zu
helfen? Das Beispiel, das in diesem Falle am besten zu unserem
Verständnis beitragt, ist der starke Evangelisationsgedanke, der
hinter den Missionen, hinter der Seelsorge und der Seelenrettung
steht. Wir leben in einer Zeit extremen Bewußtseins im Hinblick
auf Sozialprogramme, und oft legen wir zuviel Wert auf
großangelegte Programme, während wir die Seelengewinnung und
die Sorge um unser geistiges Leben vernachlässigen.
Nichtsdestoweniger legt die Moon-Bewegung wahrscheinlich zu
großen Wert darauf, die Unterstützung Intellektueller und
prominenter Führer zu gewinnen, was dazu führt, daß
unverhältnismäßig viel Zeit und Geld in Machtprojekte
investiert wird. Natürlich verbindet ihre Lehre die Gewinnung
dieser Unterstützung mit dem Erlösungsweg. Wenn sich jedoch ihr
geplanter Wiederherstellungstag verschiebt, werden sie sich
vielleicht mehr dem Dienst an Seelen in Not auf einer nicht
prestigeorientierten Grundlage zuwenden, statt nur dort zu
dienen, wo sie sich Einfluß davon versprechen.
fl Die Kirche investiert ungeheure Summen in die Industrie
und in Immobilien; sie errichtet ein Finanzimperium und keine
Kirche.
a. Dies ist natürlich eine Erweiterung der
Anschuldigung Nr. 7. Die Bewegung kauft bekannte Gebäude, und
sie kontrolliert verschiedene Unternehmen überall in der Welt.
Für sie ist dies keine Absage an ihre religiösen Ziele. Es ist
eine Bestätigung der Wahrheit ihrer Offenbarung, die die
kühnsten Träume der ersten, von Armut geplagten koreanischen
Nachfolger übertrifft. Da das Ziel der Wiederherstellung auch
die physische und wirtschaftliche Wiederherstellung beinhaltet,
sehen sie mit Stolz auf die Art, wie sie unsere von Verfall
bedrohten physischen Denkmäler, wie zum Beispiel das New Yorker
Hotel, aufkaufen, renovieren, verbessern und benutzen.
Wie ich in Korea erfuhr, war die Kirche von Anfang an als
Kirchenfamilie in verschiedenen Geschäftsunternehmen tätig. Sie
waren in den ersten Jahren nicht gerade bemerkenswert
erfolgreich, doch war ihr Eintritt in die Geschäftswelt von
Anfang an beabsichtigt. Der Erfolg und die Ausbreitung der Kirche
in Japan brachte die koreanische Entwicklung in Gang und
unterstützte die Missionsbewegung im Ausland. Genau wie in Japan
das Modell des gemeinschaftlichen Lebens als Familien in Zentren
entwickelt wurde und sich von dort ausbreitete, gab der
japanische Wirtschaftserfolg auch für die übrige
Kirchenentwicklung das Tempo an. Die Kirche strebt die Kontrolle
über ungeheure Summen an--dies allerdings mit der Absicht,
Gottes Willen zu erfüllen und das physische Reich Gottes auf
Erden zu errichten. Ihr Ziel ist selbstlos. Das Problem ist, ob
dieser Plan durchführbar ist, ohne durch den großen Erfolg die
Ideale zu korrumpieren.
b. Wie benutzt die Bewegung das Geld, das von den
Mitgliedern gesammelt und von der Industrie erwirtschaftet wird?
Ihre Lehre zeigt klar und deutlich, warum sie so sehr um
Beziehungen zum Kongreß und zu den Vereinten Nationen bemüht
sind und warum sie große Summen für akademische Konferenzen
ausgeben. Sie haben das Recht, so zu handeln, wenn sie es
wünschen. Bei den Mitgliedern finde ich nichts als Begeisterung
für diese Projekte. Andere Kirchen geben Geld für Fabriken,
Musik usw. aus, was auch nicht viel zur Erleichterung der
menschlichen Leiden beiträgt--und die meisten billigen das. Ich
persönlich bin jedoch nicht überzeugt, daß die
Wiederherstellung der Menschheit durch die Beeinflussung von
Akademikern oder Politikern zustande kommt. Ich kann die
Erwartungen, die Moon an diese sozialen Wege der Reform knüpft,
nicht teilen. Andererseits sehe ich auch keine Gefahr in der
Motivation, nur scheint er nicht zu erkennen, daß Intellektuelle
oft dazu neigen, die Wurzeln religiöser Praxis und religiösen
Lebens zu untergraben.
9. Die Bewegung ist unchristlich und antisemitisch. Sie
sät Haß und Zwietracht, nicht Einigkeit und Liebe.
a. Die Vereinigungskirche tut uns den Gefallen, erneut die Frage aufzuwerfen, was "Christ sein" bedeutet, und wer das Recht hat, sich so zu bezeichnen. Zunächst einmal sollten wir festhalten, daß alle, die sich Christen nennen, immer noch keine universale Einigung auf ein gemeinsames Credo erreicht haben, wenngleich sich auch viele Modelle anbieten, von denen einige mehr oder weniger akzeptiert werden. In Amerika besitzen wir keine allein maßgebende Landeskirche. Jahrhundertelang haben wir viele Versuche erlebt, dieses Problem zu regeln, doch sind wir der endgültigen Lösung heute so fern wie eh und je. Ich fürchte sogar, daß eine endgültige Regelung des Problems der Christenheit von der Natur der Sache her unmöglich ist. Die Vereinheitlichung erscheint vielleicht nicht einmal wünschenswert, wenn man sich unsere Geschichte vor Augen hält, in der dogmatische Formeln dazu berechtigten, alle diejenigen in die Knie zu zwingen, die mit uns nicht übereinstimmten.
Wir befinden uns in folgender Lage: (1) Jegliche Beurteilung
hängt von dem Wert ab, den man dem Begriff
"Christentum" beimißt. Im Sinne einiger Definitionen
sind Moonies Christen, und im Sinne einiger anderer sind sie
keine. Wichtiger und zugleich verwirrender aber ist, daß (2) sie
das Christentum für sich in Anspruch nehmen und man sie somit
nicht ohne Anhörung abtun kann. In Anbetracht der verschiedenen
Konzile, die wir zur Lösung dieser Grundsatzfragen einberufen
haben, sollten wir einer endgültigen Regelung dieser Frage nicht
zu optimistisch entgegensehen. Allerdings sollte die Frage, wer
denn nun ein Christ ist, unser Bewußtsein wieder wachrütteln.
Von außen kommende Angriffe auf die Orthodoxie sollten uns dazu
anregen, erneut die Zulänglichkeit unserer eigenen Antwort auf
die Frage ,Wer ist Jesus?' zu überprüfen. Die Moonies haben
darauf eine klare Antwort--und wir? Individuell vielleicht, als
Gesamtheit wahrscheinlich nicht.
Ohne die Lehre im Detail zu behandeln, kann man sagen, daß
die in den Göttlichen Prinzipien gegebene Auslegung der
Rolle Jesu nicht der orthodoxen Definition entspricht. Sie steht
aber auch nicht in totalem Widerspruch zu ihr, sondern ist
eigentlich der traditionellen Auslegung in vielen wesentlichen
Punkten sehr nahe. Der entscheidende Unterschied liegt in der
Frage der Wiederkunft und darin, wie das endgültige Reich Gottes
errichtet werden muß. Es träfe nicht den Kern, hierzu Stellen
aus dem Neuen Testament anzuführen: die Moonies behaupten, mit
den Göttlichen Prinzipien eine neue Offenbarung in
Händen zu halten, die der Schlüssel zu bis-her mißverstandenen
biblischen Fragen sei--ein nicht sehr ungewöhnlicher Anspruch
neuer Gruppen. Wenn man diese neue Offenbarung als "von
Christus" kommend anerkennt, dann sind sie Mitchristen. Im
anderen Falle bleiben uns die unterschiedlichen Lehrmeinungen,
die so alt sind wie das Neue Testament.
b. Die Beschuldigung wegen Antisemitismus ist noch schwieriger
haltbar. Sprecher der Bewegung weisen diese Anklage zurück;
demnach gibt es zumindest keinen erklärten Antisemitismus. Wer
ist eigentlich antisemitisch? Man sollte die Frage vielleicht mit
der ironischen Bemerkung offen-lassen, daß wohl nicht einmal
alle Juden darauf eine einmütige Antwort finden können.
Abgesehen davon hat die Bewegung einen ungewöhnlich hohen
Prozentsatz jüdischer Anhänger, von denen sie offensichtlich
nicht als antisemitisch betrachtet wird. Warum gewinnt sie so
viele Juden, von denen viele sogar eine leitende Stellung
einnehmen? Diese Frage, auf die auch ich keine Antwort habe,
trägt dazu bei, die Undurchdringlichkeit der Beschuldigungen aus
offiziellen jüdischen Quellen noch zu erhöhen. Die Moonies sind
eine neue messianische Bewegung--wie es sie auch in der
Geschichte des Judentums zu besonders unruhigen Zeiten immer
wieder gegeben hat.
10. Moon ist ein Gotteslästerer, weil er behauptet, der
neue Messias zu sein, der jetzt auf Erden ein neues Zeitalter
herbeiführen will und sich der Jesus vorbehaltenen Rolle
bemächtigt.
a. Wenige Außenstehende akzeptieren die Subtilität
der Frage oder haben die Geduld, sie zu ergründen. Meines
Wissens wird nirgendwo davon berichtet, Reverend Moon hätte die
unverfrorene Behauptung "lch bin der Messias" gemacht.
Seine Nachfolger machen ganz unterschiedliche Aussagen,
wenngleich diejenigen unter ihnen, die starke Behauptungen
aufstellen, diese auch begründen können. Die Göttlichen
Prinzipien "enthüllen" zweifellos, daß für Gott
die Zeit wieder günstig ist zu versuchen, sein Reich auf Erden
zu errichten, daß der Herr der Wiederkunft aus dem Osten und
wahrscheinlich aus Korea kommen wird, daß Reverend Moon
ausersehen ist, all dies zu verkünden und daß er eine zentrale
Rolle spielt.
b. Eine zusätzliche Schwierigkeit ergibt sich für
uns aus dem messianischen Geheimnis. Das heißt, vielleicht
wissen oder glauben die Nachfolger, daß Moon der erwartete Herr
der Wiederkunft ist, jedoch enthüllen sie es Außenstehenden
nicht, weil weder die Zeit gekommen ist, noch die Menschen
vorbereitet sind. Das wäre eine einfache Antwort, beinhalteten
die Prinzipien nicht die schwierige Aussage, daß sogar dieser
neue Versuch nicht unbedingt erfolgreich sein muß. Gott ist von
den Menschen und den Nationen abhängig, folglich könnten die
Bemühungen erneut erfolglos bleiben. Jesus brachte die Mission
ein Stück voran (was ein orthodoxer Punkt ist), und er erreichte
geistig mehr als irgendein Mensch vor ihm. Die endgültige
Erfüllung liegt nicht völlig in Gottes Hand (theologisch ist
dies der strittigste Punkt ihrer Lehre). Erfolg wird nicht von
vornherein garantiert, vielmehr rufen sie uns auf, ihn zu
erarbeiten. Die Zeit ist günstig, so daß wir die Errichtung des
irdischen Reiches Gottes mit Hilfe der geistigen Welt schaffen
können.
c. Da seine Nachfolger unterschiedliche persönliche Auffassungen zu der Frage ,Wer ist Sun Myung Moon für Sie?' haben, wissen wir, daß die Mitgliedschaft von keiner dogmatischen Formel abhängt. Der Einsatz für die Errichtung des Gottesreiches ist vorrangig, und fraglos ist Moon der Führer in dieser Unternehmung. Der Erfolg hängt von der Treue der Nachfolger ab. Moon kann die Erlöserrolle nicht allein erfüllen. Jesus konnte seine Mission nicht voll zur Entfaltung bringen--nicht durch sein eigenes Versagen, sondern aufgrund des Versagens derer, die ihn umgaben. Aus der Erkenntnis dieser Tatsache erklärt sich die Intensität der Nachfolge in Moons
Bewegung; gleichzeitig aber bedeutet es, daß auch Moon in
seiner Führer-schaft versagen könnte. Es gibt für ihn keine
Gewißheit: alles, was er tun kann, ist, die Menschen aufzurufen,
jetzt den Versuch zu wagen.
d. von allen traditionellen christlichen Lehren ist die
Wiederkunft Jesu heutzutage für die meisten Christen die Lehre,
die am ungenauesten definiert ist. Das hat wahrscheinlich seine
Berechtigung. Einige verwerfen sogar die Erwartung der
Wiederkunft als unwesentlich. Wie sollen wir dann die Vollendung
des Reiches Gottes erwarten, wenn wir zugeben müssen, daß die
Leistungen, die die etablierten christlichen Institutionen bis
heute erbracht haben, uns keine Gewißheit darüber geben, ob wir
dem Reiche Gottes seit der Zeit Jesu nähergekommen sind? Anders
gesagt, stehen sie angesichts der zerstörerischen und üblen
Kräfte, die in der Welt toben, heute mehr unter Gottes Führung
als früher? Und wie wird Gott seinen entscheidenden Sieg
erringen, wenn wir Umwandlung und Erneuerung heute erst auf
individueller Ebene und noch nicht auf weltweitem Niveau
vollbracht haben?
e. Ein Grund, warum es für uns so schwierig ist, uns
mit Moons angeblichen Anspruch, der Messias zu sein,
auseinanderzusetzen, ist der, daß wir diesen Punkt eher mit
einer christlichen als mit einer vorchristlichen Einstellung
betrachten. Das bedeutet, daß die frühe Kirche die Messiasrolle
veränderte, indem sie sie Jesus zusprach. Auf diese Weise
schnitten sie sich selbst von ihren jüdischen Wurzeln ab. Moon
führt uns zum vorchristlichen Messiasbegriff zurück, wie er vor
der "Vergeistigung" durch die frühe Kirche verstanden
wurde, die so begründen wollte, warum Jesus die Rolle des
Messias nicht gemäß den Erwartungen der Menschen seiner Zeit
erfüllte. Die Christen machten Jesus später zur Inkarnation
Gottes, "gleich Gott". Das ist nicht die Bedeutung von Messias
im Alten Testament, und Moon meint, daß die frühe Kirche
den Begriff abänderte, um ihr eigenes Versagen in der
Unterstützung Jesus zu rechtfertigen und um zu erklären, warum
das erwartete Gottesreich noch nicht begonnen hatte. Messias-sein
bedeutet nicht, Jesus-als-der-Christus zu sein (um Tillichs
Ausdruck zu benutzen). Es ist die Rückkehr zu der jüdischen
Erwartung eines von Gott erwählten Menschen-Führers, der sein
auserwähltes Volk in die Wiederherstellung des verlorenen
Gottesreiches führen wird.
Natürlich unterliegt auch die Vereinigungskirche der
Versuchung, Ankündigungen neu auszulegen, falls sich Pläne
nicht wie erwartet erfüllen. Ich bin sicher, daß sie auf Erfolg
sowie öffentliche Anerkennung und Prestige gut reagieren
würden, da es das ist, was sie suchen. Wenn Angriffe und
Verfolgung kommen, wird man feststellen, daß sie darauf mit
"Das ist genau, was wir erwarteten" reagieren werden.
In religiösen Dingen scheinen wir am Anfang immer viel zu große
Erwartungen zu haben, was natürlich Nachfolger anzieht. Aber
wenn der Plan dann ins Wanken gerät, "vergeistigen"
wir den Fehlschlag des von uns erwarteten offenkundigen Erfolgs,
der nicht zustande kam. Messiasfiguren verlangen eine Menge von
uns. Unsere Sache ist es, zu erklären, warum wir es nicht
schaffen, ihren Erwartungen zu entsprechen.
11. Die Vereinigungskirche ist eine pseudoreligiöse
Institution, die geistige Lehren zur Maskierung politischer und
wirtschaftlicher Ambitionen benutzt.
a. Meine Reisen, Studien und Interviews brachten mich
zu nur zwei feststehenden Schlußfolgerungen: (1) Die Anfänge
der Bewegung sind rein geistiger Natur, wenigstens ebensosehr wie
andere neue religiöse Bewegungen; (2) sie wird sich
wahrscheinlich als eine dauerhafte, einigermaßen geschlossene
Bewegung etablieren. Man hätte mich vielleicht täuschen
können, aber all die Zeugnisse in Korea weisen auf ihren
einwandfreien Ursprung in einer ungemein geistigen und religiös
fruchtbaren Zeit hin. Reverend Moons Glaubwürdigkeit als
religiöser Führer wird von seinem späteren materiellen Erfolg
und der allgemein zögernden Anerkennung seines Programmes
überschattet. Die Bewegung mag neue Wege erschließen oder sich
auflösen--einen Grund, ihren Ursprung in einer Zeit des
religiösen Umbruchs zu bezweifeln, gibt es nicht. So sehen es
jedenfalls die Koreaner. Sogar ihre ärgsten Gegner akzeptieren
sie als eine konkurrierende Religion.
b. Eine dunkle Wolke überschattet diesen Punkt aufgrund der
kühnen politischen Ziele der Bewegung. Unabhängig davon, ob wir
ihre Ziele anerkennen oder nicht, sollten wir verstehen, warum
eine religiöse Bewegung glaubt, mit ihren eigenen Programmen in
den politischen und wirtschaftlichen Sektor eindringen zu
müssen, um Gottes Reich auf Erden zu verwirklichen. Sie ist
nicht die erste Religion mit politischem Forum und wird auch kaum
die letzte sein. Wenn wir uns unsere eigene Geschichte ins
Gedächtnis zurückrufen, finden wir, daß die Vereinigten
Staaten in einer Debatte über Theokratie gegründet wurden. Hat
die Bewegung schwere politische und finanzielle Fehltritte
begangen, die sie als inakzeptabel brandmarken und als Religion
nicht mehr glaubwürdig erscheinen lassen? Es gibt viele komplexe
Fragen in bezug auf unerlaubte Handlungen, auf die ich keine
Antwort weiß, und ich habe keinen Grund, irgendjemanden voreilig
zu verurteilen. Ich kann verstehen, warum die Bewegung
politisches und wirtschaftliches Engagement als unerläßlich
für den Erfolg ihrer Aufgabe betrachtet. Ich glaube auch, daß
dieser Weg voll von Risiken und Fallgruben ist. Auch sie wissen
es--aber es ist ihr Weg. Ich bin sicher, daß auch Fehler
vorgekommen sind. Die Frage ist, ob sie vorsätzlich begangen
wurden und ob sie irgendwelche "Moongate"
Verschleierungsgeschäfte betreffen. Ich bezweifle das eher; um
aber mit Sicherheit antworten zu können, braucht man größere
detektivische Erfahrung als ich sie habe.
c. Ein Journalist, der bei einer bekannten Zeitung für das
Ressort Religion zuständig ist, sagte: "Meiner Meinung nach
verdienen die Moonies all die schlechten Kritiken, die sie
bekommen." Und im großen und ganzen verdienen sie sie auch.
oft wenden sie fragwürdige Methoden an, durch die sie in der
Eile manche Menschen kränken. Die Bewegung hat aber auch eine
ruhigere, geistigere Seite, die der Presse gewöhnlich entgeht.
Die Schwierigkeiten entstehen dadurch, daß die Moonies ihre
Aktivitäten in ein hochgeistiges Licht stellen, diese aber von
der Öffentlichkeit nicht in diesem Licht gesehen werden. So gibt
Moon zum Beispiel für die Verteidigung Nixons einen religiösen
Grund an; doch gleichzeitig erhoffte er sich Beachtung und Macht,
falls er Nixon dazu bewegen konnte, die Nation zur Umkehr
aufzurufen.
Sind Infiltrationsmethoden unzulässig oder eine notwendige
religiöse Arbeitsweise? Jesus wird dargestellt, als habe er
keinen "Schlachtplan" gehabt; die Moonies haben einen.
Die verschwörerische Atmosphäre um die Moon-Bewegung kommt
größtenteils von der kämpferischen Mentalität, die durch die
Prinzipien gefördert wird. Die geistigen Kräfte Satans sind
heimtückische Wirklichkeit. Wenn wir für Gott den Sieg erringen
wollen, müssen wir genau so geschickt manövrieren wie Satan.
Die Führung menschlicher Streitkräfte für Gott erfordert einen
ungeheuren Einsatz an Kraft und Gewandtheit. In Geschäft und
Politik erkennen wir dies als notwendig oder auch gerechtfertigt
an--ist es denn in der Religion unzulässig? Oder verurteilt sich
derjenige, der keine Kampfhaltung einnimmt, einfach zur
Untauglichkeit, so daß er durch sein Versäumnis Satan den Sieg
überläßt?
12. Die Bewegung ist totalitär, autoritär, ja, sogar
faschistisch. In ihren Strukturen ähnelt sie der Hitlerugend;
sie ist eine Bedrohung für die Gesellschaft.
a. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß in
Schriften der Bewegung häufig in Lobesworten von der Demokratie
gesprochen wird. Man verurteilt die marxistische Diktatur und
gibt vor, den Kommunismus zu bekämpfen, weil der die Demokratie
zerstöre. Die Marxisten beanspruchen natürlich auch, die
Demokratie zu vertreten. Wir wissen also, daß alles davon
abhängt, welchen Sinn man dem Ausdruck gibt. Nach Aussagen von
Mitgliedern ist die Bewegung insofern autoritär, als alle
Mitglieder nach einer Quelle der Autorität gesucht haben, die
sie jetzt akzeptieren und der sie sich bereitwillig verpflichten.
Eine Tatsache, die der Außenstehende nicht leicht erkennen kann,
ist, daß ihre Loyalität den Prinzipien ebenso wie dem Manne
gilt.
b. Die Anschuldigung auf Ähnlichkeit mit der
Hitlerjugend ist schwieriger zu behandeln, weil sie sowohl
Kenntnis über den Ursprung der Hitlerjugend verlangt als auch
die Fähigkeit, eventuelle zukünftige Richtungswechsel der
Moon-Bewegung vorauszusehen. Was wir vergessen, ist, daß die
Hitlerjugend mit der idealistischen, ja, beinahe geistigen Suche
nach neuen ethischen Werten inmitten des Verfalls begann. Erst
später wurde sie militant. Die Vereinigungskirche ist
international, nicht nationalistisch ausgerichtet und außerdem
antimilitaristisch. Die unterschwellige Frage lautet, ob sie sich
verändert, falls ihre ehrgeizigen Ziele oder ihr Zeitplan
durchkreuzt würden. Erwiese auch sie sich dann als weniger
friedfertig? Dazu ein Mitglied: "lch glaube, die Kirche
würde sich auflösen, ehe sie militant wird."
c. Um beurteilen zu können, ob die Vereinigungskirche zu
Recht behauptet, die Demokratie, wie wir sie in Amerika kennen,
zu unterstützen, muß man sich das Thema von Reverend Moons
Kampagne und Städtetouren zum zweihundertjährigen Bestehen der
USA ins Gedächtnis zurückrufen. Amerika gerät moralisch und
geistig ins Wanken, und er ist gekommen, uns zu unserer Pflicht
zurückzurufen, eine Erneuerung anzustreben, bevor es zu spät
ist. Die Demokratie Amerikas haben wir von Gott als Geschenk
erhalten; sie ist ein geweihtes Experiment, eine Hoffnung, die
wir für die gesamte Menschheit bereithalten. Angesichts der
stark egoistischen Auffassung der meisten Bürger darüber, was
Demokratie heute bedeutet, liegt in dieser religiösen Anschauung
etwas, das uns zum Innehalten und Nachdenken bewegt.
13. Reverend Moon unterstützt die Regierung Park in
Korea, und er ist mit dem koreaniseben CIA in unerlaubte
Machenschaften verwickelt.
a. Diese Anschuldigung läßt alle möglichen
Mutmaßungen zu. Angesichts der emotionalen Reaktionen, die sie
auslöst, muß man darüber nachdenken, welch fragwürdige
menschliche Eigenschaft es doch ist, daß man bereitwillig nur
das Schlechteste von seinen Gegnern glaubt. Unsere menschliche,
moralische Schwäche läßt uns Beschuldigungen sogar auch dann
glauben, wenn jegliche Beweise fehlen. Wir erleben ein altes,
menschliches, vielleicht unbewußtes Verlangen, nur das
Schlechteste von denen zu glauben, die wir nicht akzeptieren
können.
b. Zunächst müssen wir nach Beweisen für die Verbindung der
Kirche mit dem KCIA fragen. Kirchensprecher, insbesondere Colonel
Bo Hi Pak haben die Anschuldigung zurückgewiesen und verlangt,
daß Beweise erbracht würden. Der Kläger hat gewöhnlich den
Vorteil, daß man ihm eher glaubt als dem Angeklagten. Diese für
unsere Welt so typische Ungleichheit sollte von einem
demokratischen Rechtswesen ausgeglichen werden. Heißt das, daß
sich solche Beschuldigungen niemals als begründet erweisen
könnten? Persönlich kann ich darauf keine Antwort geben, doch
ich glaube, daß mehrere Mitarbeiter des Justizministeriums
zahllose Stunden brauchen würden, um einen annähernd handfesten
Beweis zu erbringen. Man soll die Nachforschungen ruhig
anstellen. Wir wissen, daß die Kirche nicht abgeneigt ist, die
politische Bühne zu betreten. Tut sie es, dann wird sie--wie
jeder Politiker weiß--wahrscheinlich durch Assoziation mit
Schuld befleckt, selbst wenn ihre eigenen Beweggründe lauter und
rein sind. Durch ihr Programm provoziert die Kirche
Feindseligkeiten und Vergeltungsmaßnahmen, allerdings scheut sie
zweifelhafte Verbindungen nicht. Vielmehr hofft sie, diese für
Gottes Sache einzuspannen.
c. Eine kurze Informationsreise nach Korea qualifiziert mich
noch nicht als Experte für orientalische Politik, aber ich
begriff, daß die Situation verwickelter ist als die meisten
Amerikaner sich je vorstellen können. Wenn man auf einer kleinen
Halbinsel steht, die während eines Großteils ihrer Geschichte
überrannt und erobert worden ist, sieht die ganze Sache ein
wenig anders aus, als wenn man sie von Mittelamerika aus
betrachtet. In Korea werden bürgerliche Freiheiten
eingeschränkt, und zweifellos gibt es religiöse und auch
generelle Überwachung. Was sonstige zwielichtige Aktivitäten
betrifft, fühle ich mich nicht kompetent, Auskunft zu geben.
Klar ist, daß Moon Präsident Park als die dem Kommunismus
vorzuziehende Alternative unterstützt. Bürgerliche
Indeterministen stellen sich nicht nur gegen Moon, sondern
verurteilen seine Verbindungen und mißtrauen seinen Motiven,
wenn er sich nicht gegen Park ausspricht.
d. Wie man mir erklärte, kann man in Korea ohne die
Genehmigung der Regierung keine Geschäfte machen; die Kirche
führt also ihre industriellen Unternehmungen mit Zustimmung der
Regierung weiter. Es scheint eine Vernunftehe zu sein, was für
diejenigen, die bezüglich Religion und Politik eine andere
Auffassung vertreten, ausreicht, die Kirche auf der Stelle für
schuldig zu erklären. Ich entdeckte, daß in Korea alle
Religionen mehr oder weniger als potentielle Urheber politischer
Zerrüttung verdächtig sind. Die Vereinigungskirche stand in
ihren frühen Jahren bei der Regierung nicht nur in Ungnade, sie
erlitt auch einige Verfolgung. Erst als sie finanziellen Erfolg
verzeichnete, besserte sich die Zusammenarbeit. Seit die Kirche
in den Vereinigten Staaten zunehmend in der Presse angegriffen
wurde, hat das Park-Regime sie wieder deutlich von sich geschoben
und ihre Beziehung eingefroren. Kirchenmitglieder sagen, daß sie
nur mit Mühe Ausreisegenehmigungen bekommen, und jetzt sprechen
sie heimlich davon, daß sie mit Unterdrückung rechnen müssen.
Als dieses Buch auf dem Wege zum Verleger war, wurden die
Befürchtungen durch die Verhaftung einiger Kirchenleiter in
Korea bestätigt. Die Anklage lautet auf Steuerhinterziehung. Es
fällt einem schwer, die Kirche und das Park-Regime in
gemeinsamen geheimen Projekten zu sehen, während Kirchenleiter
verhaftet werden.
14. Sun Myung Moon selbst hat eine anrüchige
Vergangenheit, mit Sexskandalen, mehrfach legalen und illegalen
Heiraten und Verhaftungen wegen verschiedener Anklagen.
Zunächst einmal muß man zu diesem Punkt eine historische
Merkwürdigkeit vorausschicken: Alle starken religiösen Führer
wurden sexueller Ausschweifungen beschuldigt. Solche Geschichten
umkreisen auch Jesus und haben ihre Spuren in frühen Schriften
hinterlassen. Nur ein Super-Freud könnte uns erklären, warum
religiöse Führer unweigerlich sexuelle Skandalgeschichten auf
sich ziehen. Selbst wenn sie sich als wahr erwiesen, wäre es
nicht ganz sicher, was die "frühen Sünden" uns über
die heutige Legitimation sagen, doch scheint das Gefühl zu
existieren, daß die Lehre dadurch entkräftet oder ihre
Glaubwürdigkeit zerstört würde. Als ich Nachfolgern die Frage
stellte, was es für sie bedeuten würde, wenn sich die frühen
Skandalgeschichten als wahr erwiesen, stellte ich mit Interesse
fest, daß einige antworteten, es würde für sie keinen
Unterschied machen. Sie halten ihre Loyalität aus verschiedenen
Gründen aufrecht.
Religiöse Konkurrenten in Korea veröffentlichen viele
Beschuldigungen, doch tauchen kaum Beweise auf. Wir sehen uns mit
der unziemlichen Verhaltensweise von Religionen konfrontiert, die
einander diskreditieren. Ich gebe zu, daß ich mich davon
distanziere, weil es die Sünde der Selbstgerechtigkeit und der
Mangel an Nächstenliebe sind, die die Christenheit und alle
Religionen die ganze Geschichte hindurch geplagt haben. Es gibt
keinen Zweifel daran, daß Moon während der frühen Tage mehrere
Male verhaftet wurde, zuerst im Norden und später in Seoul.
Diese Verhaftungen werden nicht nur zugegeben, sondern als die
Verfolgung gefeiert, durch die jeder Führer gehen und die er
überwinden muß um die nötige Wiedergutmachung für die
Gründung der Bewegung zu leisten. Es scheint das beste zu sein,
die Bewegung nach ihrem heutigen Stand zu bewerten, wenn es uns
an konkreten Anhaltspunkten bezüglich ihrer rechtlichen Lage in
der Vergangenheit fehlt.
15. Die Moral der ganzen Bewegung ist wegen ihrer Methoden
und Täuschungspraktiken fragwürdig.
Wie schon erwähnt, geben hauptsächlich "fund-raising" und sogenannte Deckorganisationen Anlaß zu Bedenken. Was wir jedoch unmittelbar ins Auge fassen müssen, ist die Frage nach moralischen Prinzipien. Es gab Fälle von Täuschung und mangelnder Ehrlichkeit beim "fund-raising", und man muß untersuchen, ob der Zweck hier die Mittel heiligt.
Natürlich dementieren offizielle Stellen, daß Täuschung von
ihnen befürwortet oder gerechtfertigt würde; die tieferen
Hintergründe dieser Angelegenheit betreffen jedoch das
Aufeinandertreffen von Ost und West.
Ist das Prinzip der Treue zu einem Führer das wichtigste
moralische Ziel? Wird der Nachfolger letzten Endes nach diesem
Kriterium beurteilt? Wir im Westen neigen nicht zu dieser
Auffassung und sind individualistischer in unseren
Moralbegriffen. Die Vereinigungslehre gibt jedoch den untreuen
Jüngern und anderen aus der Umgebung Jesu die Schuld am
Scheitern seiner Mission, nämlich das Reich Gottes auf Erden zu
errichten. Folglich wird die Hingabe an den Führer und an die
Sache zur wichtigsten moralischen Norm, nach der jeder einzelne
seine Beurteilung erwartet. Wir müssen uns vor Augen halten,
daß möglicherweise ein Konflikt zwischen östlichen und
westlichen moralischen Prioritäten besteht. Der
Vereinigungstheologie zu-folge wird Gott uns nicht individuell
retten, sondern nur durch einen Führer, für den der Erfolg
seines Erlösungsplans von der gelobten Treue seiner Nachfolger
abhängt. Darin liegt der Kern des östlichen Moralbegriffs der
Vereinigungskirche und gleichzeitig die Quelle des Konfliktes
für alle diejenigen, die andere Wertmaßstäbe anwenden und die
die westliche, direkte Art bevorzugen.