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Was ist mein Standpunkt?

Wo stehe ich, Ihr Autor? Meine eigene Meinung wiederzugeben ist nicht Aufgabe dieses Buches. Nichtsdestoweniger mag sich der Leser fragen, wo ich denn stehe, und vielleicht hilft es Ihnen bei Ihrer eigenen Meinungsbildung, wenn ich meine Schlußfolgerungen kurz umreiße.

In jedem strikten, orthodoxen Sinne ist die Vereinigungslehre Häresie; andererseits wissen wir alle aus langer Erfahrung, daß, was heute noch als Häresie bezeichnet wird, morgen vielleicht schon zur Orthodoxie wird. Darüber hinaus haben unorthodoxe Lehren seit eh und je dazu gedient, unser Bewußtsein wachzurütteln und uns zur Überprüfung unserer eigenen Glaubenssätze zu veranlassen. Ohne derartige Denkanstöße würden wir wahrscheinlich weiter in den Tag hineinleben. Auf mich hat Sun Myung Moon diese Wirkung gehabt, und er sollte sie auch bei Ihnen hervorrufen.

1. Besonders in Japan und Korea stellten mir meine Zuhörer nach Beendigung meines Interviews stets dieselbe Frage: "Nachdem Sie nun so viel über unsere Kirche wissen--werden Sie beitreten?" Meine Antwort lautete: "lch möchte Sie etwas über Ihre eigene Lehre lehren. Sun Myung Moon kam nicht, um eine weitere Kirche zu gründen, sondern, um alle Christen und alle Religionen zu vereinen. In der Erreichung dieses Zieles--Trennungen und religiöse Streitigkeiten zu beseitigen--schließe ich mich Ihnen an. Dabei ist es unerheblich, welcher Kirche ich beitrete." Wenn man die tiefgreifende Zersplitterung betrachtet, die sich in Korea sowohl auf kulturellem als auch auf religiösem Gebiet zeigt, kann man gut verstehen, daß ein Mann, der dort groß geworden ist, die dringende Notwendigkeit verspürt, dem Zustand ein Ende zu bereiten und alle Menschen als Brüder und Schwestern zu vereinen. Ironischerweise hat dieses Ziel bisher jedoch nur heftige Abneigung erzeugt und die traditionelle Reaktion hervorgerufen, mit der jeder neue Konkurrent auf dem Religionsmarkt überschüttet wird.

2. Aus meiner Sicht entwickelt sich die Bewegung unweigerlich zu einer weiteren etablierten Kirche, und ich bezweifle, daß es sich verhindern läßt; andererseits können ständige Reform und Erneuerung den ursprünglichen Geist lebendig halten. Eine Theorie zur Vereinigung aller Religionen hat immer nur das Aufkommen einer weiteren Theorie unter vielen zur Folge gehabt. Der Grund dafür ist, daß wir diese Theorie erst akzeptieren müssen, bevor wir sie als Grundlage zur Vereinigung benutzen können. Und viele werden niemals ihre eigenen bestehenden Lehren und ihren Glauben fallen lassen, um diesen ersten Schritt zu tun. Vielleicht gibt es auch überhaupt keine Lehre, die alle Völker vereinen kann. Vielleicht müßte man erst die bestehenden Strukturen dieser Welt zerbrechen, bevor so etwas möglich ist. Ich persönlich denke, daß der Pluralismus in der Religion andauern wird, bis Gott selbst uns zur Ordnung ruft.

In der Bewegung gibt es schon Tendenzen, die an der Modifizierung oder Abschwächung fragwürdiger oder kontroverser Aspekte der Lehre arbeiten. Fast alle bisherigen Philosophien und Religionen erlebten die Spaltung ihrer Anhänger in zwei Lager, von denen das eine die strikte Seite vertritt und das andere die Lehre modifizieren möchte, um sie auf ein realisierbares Niveau zu bringen. Einer der maßgeblichen, frühen Mitglieder sagte mir, daß er sich dafür einsetze, als nächsten Schritt die Lehre zu "popularisieren" (mein Ausdruck), damit sie auch die große Masse erreichen kann und nicht nur jene Menschen, die bereit sind, alles dafür aufzugeben.

Mit der Entwicklung einer Kurie--eines Berufsmanagements--wird die Kirche nicht nur einiges von ihrer Anziehungskraft als Kreuzzug, sondern auch ihre Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit verlieren. Da die Jugend von der Straße hereinkommt und gutgehende Unternehmen ihre primitiven, aber erfolgreichen Bemühungen im "fund-raising" ablösen, werden auch Seminare gebaut und Dr. Phil.s begehrt werden, und man wird zu geläufigeren Formen der Berufung und Beschäftigung übergehen. Das bremst die Kirche in ihrem Schwung, da sie die Mitgliederanwerbung gemächlicher betreibt. Gleichzeitig sieht sich die junge Kirche vor das Problem gestellt, ihre eigenen internen, unabdingbaren Rechte verteidigen zu müssen. Da sie den Wert der Öffentlichkeitsarbeit zu schätzen beginnt, wird sie gezwungen, ein besseres Image zu präsentieren. Als Preist den man für diese Kompromisse zahlen muß, werden diejenigen Kirchenmitglieder belohnt, die Talent zum Management haben, statt der geistigen Heiligen und Arbeiter, die die Pioniersarbeit leisten.

Erleben wir den Ablauf des sogenannten "Bischofsspiels?" Anders ausgedrückt, wird die Macht vom einfachen Ursprung und den frühen Nachfolgern auf neue Berufskirchenführer übertragen? Einige der alten Mitglieder haben noch führende Positionen; andere, die auch wichtige Stellungen innehatten, geraten zunehmend auf Nebengleise. Es geht die Geschichte, daß Beamte in Rom, die sich den Aufstieg des Christentums nicht erklären konnten, Jesu Familie holen ließen, um die Leute kennenzulernen, die am Ursprung dieser neuen Religion beteiligt waren. Sie fanden, daß es einfache Leute waren, genau, wie man es ihnen berichtet hatte. Diese Feststellung änderte aber nichts an den Tatsachen. Zu dem Zeitpunkt lag die Macht der aufstrebenden christlichen Kirche schon in den Händen der etablierten Bischöfe und in deren Stadtzentren--nicht mehr im einfachen Jerusalem. Werden die neuen, professionellen Kirchenmanager jetzt von den einfachen, ursprünglichen Leitern die Führung übernehmen? Diesem Wechsel sah sich jede Religion gegenüber, sobald die Zeit des spontanen Ursprungs vorüber war.



Das geistige Leben und Wachstum der Mitglieder der Vereinigungskirche ist der Aspekt, den das breite Publikum am wenigsten sieht. Wird mit zunehmender Größe und Anpassung auch ihr geistiges Leben an Intensität verlieren, und werden dann alltägliche Belange in den Vordergrund treten --wie es bei den meisten religiösen Institutionen der Fall ist? Noch gibt Reverend Moon den geistigen Ton innerhalb der Kirche an. Wenn er einmal nicht mehr dasein wird, wird es dann jemand geben, der die Aufgabe übernehmen kann, die Dynamik ihres Gebets- und geistigen Lebens lebendig zu erhalten? Geistiger Eifer zeigt einen natürlichen Hang zum Nachlassen, je mehr die Zeit seinen ursprünglichen Funken schwächt.

3. "Bezahlung" und "Wiedergutmachung" sind Prinzipienlehrsätze, die besagen, daß die Menschheit Sühneopfer bringen muß, bevor die zerfallene Ordnung wiederhergestellt werden kann. In strengen religiösen Gruppen mit hohen Anforderungen kann das Bemühen, diese Voraussetzungen zu schaffen, zur exzessiven Selbstzüchtigung führen. Wenn wir andererseits nicht die Notwendigkeit menschlicher Opferbereitschaft betonen, führt dies zu einem allzu leichten religiösen Leben. Ich kann jedoch nicht die Vorstellung akzeptieren, daß irgendeine Wiedergutmachung, die von einem Menschen--und sei es von einer providentiellen Hauptperson--geleistet wird, ausreicht, um die Voraussetzungen zu schaffen, die mich oder irgendeinen Teil der menschlichen Gesellschaft befreien könnten. Die Moonies halten es insofern mit der liberalen Theologie, als sie den Begriff von "Jesus-als-Gott" ablehnen. Hinter der traditionellen Idee der Dreieinigkeit steht die Überzeugung, daß nur Gott genügend Macht besitzt, um vergeben und wiederherstellen zu können. Der Mensch vermag vieles, aber ich bin überzeugt, daß nur Gott die Fesseln lösen kann, die die menschliche Gesellschaft auf ihrem gegenwärtigen, teilweise zerstörerischen Kurs halten.

Liegt der Ursprung der menschlichen Sünde in einem Ereignis oder in mehreren? Ob wir den Bericht, den die Prinzipien vom Ursprung der menschlichen Sünde geben, akzeptieren können oder nicht--feststeht, daß viele Mitglieder bezeugen, daß aus der Kenntnis der Herkunft und der Ursache der Sünde viel Kraft entspringt. Wenn wir ihren genauen Ursprung kennen, können wir sie wirkungsvoll bekämpfen und vielleicht das Übel überwinden und die Menschheit wiederherstellen. Freud nahm allerdings auch an, daß es nur einen Ursprung für die Geisteskrankheit gäbe; folglich konnte auch nur eine Methode--nämlich seine--eine wirksame Heilung herbeiführen. Heutzutage sind wir in unserer Auffassung über die Ursachen der Krankheit pluralistischer geworden; dennoch schwindet unsere Fähigkeit, in jedem Falle eine Heilung herbeizuführen. Wenn also die Prinzipien eine zu enge Sicht in der Abhandlung vom Ursprung der Sünde vertreten--was meines Erachtens der Fall ist--und wenn die Sünde in Wirklichkeit mehr als nur einen Ursprung hat, dann wird Moons Konzept zur Ausmerzung der Sünde in Frage gestellt. Ein Übel, das mehrere Wurzeln hat, ist schwerer zu kontrollieren und übersteigt vielleicht sogar die menschliche Kraft. Wir können nicht an so vielen Fronten zugleich wirkungsvoll arbeiten.

Werden Menschen das fertigbringen, was Gott alleine nicht tun kann? Ich meine, daß Reverend Moon uns mit Recht auffordert zu opfern, unsere geistige Erziehung zu fördern und unsere Anstrengungen zu verdoppeln-- das ist mehr, als viele anspruchslose Theologien verlangen. Der für mich strittigste Punkt betrifft die Beurteilung des menschlichen Anteils an der Beeinflussung von Geschehnissen. Die Vereinigungskirche teilt die Macht nach einer Formel, die Gott 95 Prozent und dem Menschen 5 Prozent der Beteiligung gibt; sie betont aber, daß die menschlichen 5 Prozent für den Erfolg oder Fehlschlag des Planes der Wiederherstellung des Gottesreiches auf Erden von entscheidender Bedeutung sind. ich glaube, daß der einzelne Gott ausschließen und dadurch seine Pläne durchkreuzen kann. Unsere einzige Möglichkeit liegt darin, daß wir uns ganz seinem Wirken öffnen. Letzten Endes toben mehr zerstörerische, negative Kräfte in der Welt, als der Mensch bändigen oder zu Gottes Nutzen unterwerfen könnte, meine ich. Eine göttliche Neuordnung von kosmischen Dimensionen ist notwendig--erst dann wird alle Korruption ein Ende haben. Und ich glaube, daß dies nur geschehen kann, wenn Gott eingreift und--durch Wege und Mittel, die ich nicht voraussagen kann--die Kontrolle übernimmt. Ich glaube, daß er die Macht hat, das zu tun und daß er in dem Moment wieder eingreifen wird, den er sich erwählt. Die Frage lautet: Ist dies schon die Zeit seiner Wahl?

4. Erhielt Reverend Moon eine Offenbarung, und ist er ein wirklicher Prophet? Es fällt mir nicht schwer, die Echtheit seines frühen Erlebnisses zu akzeptieren. Ich glaube, daß viele Offenbarungen gegeben werden und daß Gott durch viele Medien arbeiten kann. Die Frage ist, ob ich den Inhalt einer Offenbarung annehme, und in diesem Falle kann ich einige Aspekte akzeptieren, andere nicht. Für mich ist Sun Myung Moon ein Prophet, der-- gleich anderen vor ihm--die Welt zur Umkehr aufruft. Er hat ganz eindeutig die Gabe des Geistes, und er übt einen tiefen, oft heilsamen Einfluß auf seine Nachfolger aus. In extremer Weise verkörpert er für die einen alle menschlichen Ideale, für die anderen dagegen ist er der Inbegriff aller menschlichen Übel. Ich sehe keine Veranlassung, an seiner Lauterkeit zu zweifeln. In der Tat ist es ziemlich schwer, seine Wirksamkeit zu erklären,

wenn er nicht an sich selbst glaubt. Wie die meisten bezeugen, ist man von ihm selbst auf den ersten Blick nicht sehr beeindruckt. Es sind vielmehr seine Pläne, auf die die Menschen ansprechen.

Man könnte mit den Worten eines bekannten Kirchenliedes sagen: "Der Herr kann immer noch mehr Licht und Wahrheit aus seinem Wort entspringen lassen." Die Vereinigungskirche stellt uns vor die Frage, ob die Offenbarung abgeschlossen ist oder noch weitergehen kann. Aber auch die Mitglieder der Kirche müssen sich damit auseinandersetzen. Einer der frühen Anhänger, der noch die Entstehung der Göttlichen Prinzipien miterlebte, schlägt vor, das Buch jetzt zu überarbeiten. Werden die Kirche und Reverend Moon in Zukunft nicht mehr empfänglich für Gottes neue Botschaft sein? Dieses Verhalten lasten sie selbst anderen etablierten Kirchen an. In diesem Fall werden ihre Strukturen auf dem Niveau der bisher gewonnenen Erkenntnisse erstarren. Dann kostet es große Anstrengungen, für mögliche neue Eingebungen oder Veränderungen offen zu bleiben. Es besteht eine natürliche Tendenz, sich in zwei Lager zu teilen: Reformisten auf der einen und orthodoxe Priester auf der anderen Seite. Auch die Moon-Bewegung bleibt nicht von diesen Spannungen verschont.

5. Leben wir in einer entscheidenden Zeit, in der sich uns bisher unerreichbare Möglichkeiten der Veränderung eröffnen? Ich finde zwar ihre Numerologie oder geschichtliche Analyse von nicht gerade zwingender Logik, dennoch ist es lehrreich, sich mit der Moon-Bewegung eingehend zu beschäftigen: Viele Mitglieder sind von dem apokalyptischen Charakter unserer Zeit überzeugt. Aus christlicher Sicht kann man gewiß nicht leugnen, daß "die Zeit reif ist". Ich weiß nicht, wann und wodurch Gott die Geschichte zum Höhepunkt bringen wird; ich glaube aber unbedingt, daß wir bereit sein sollen und daß wir jederzeit für solch eine Bewegung empfänglich sein sollten. Ich persönlich empfinde den Zeitplan der Vereinigungskirche als zu ausführlich und voreilig; darüber hinaus glaube ich allerdings, daß es Zeiten gibt, in denen sich uns bedeutende Veränderungsmöglichkeiten eröffnen.

Ist denn nun Reverend Moon der wiedergekehrte Messias, der "Herr der Wiederkunft"? Abschließend möchte ich meine persönliche Auffassung zur Beziehung zwischen Gott und Sun Myung Moon etwas näher erläutern. Wenn Gott einst die Juden erwählte--eine unwahrscheinliche Wahl in Anbetracht ihrer Machtlosigkeit--könnte ich mir auch vorstellen, daß er Moon erwählt hat. Gott kann ein jegliches Werkzeug zu seinem Nutzen formen. Ich erwähnte bereits, wie schwierig es ist, irgendwelche Behauptungen über Moon zu machen. In Anbetracht dessen werde ich mich darauf beschränken, die Zeit abzuwarten und zu sehen, ob Moon seine Rolle erweitert, wie es einige voraussagen. In der Zwischenzeit drängt es mich, darüber nachzudenken, welche Gestalt Gottes Wirken annehmen könnte und wie ich seine Bewegung rechtzeitig erkennen kann. Wenn Moon "von Gott" ist, kann nichts ihn aufhalten. Ist er es nicht, wird die Bewegung untergehen. Die Zeit und Gott werden es an den Tag bringen.

6. Trotz des Schadens, den einige Mitglieder, aus welchen Gründen auch immer, erlitten haben, glaube ich, daß die Bewegung--zumindest zeitweise--eine aufrichtige, liebevolle Atmosphäre und eine internationale Familie schaffen kann, die sich in dem Wunsch vereint, anderen und nicht sich selbst zu dienen. Wenn man inmitten einer Gesellschaft lebt, die mit Sicherheit eine der eigen- und vergnügungssächtigsten auf der ganzen Erde ist, dann ist es herzerfrischend, solch einen Geist zu erleben. Ich begrüße ihn, wo immer ich ihn antreffe: ob in den Moon-Zentren oder in meiner Kirchengemeinde. Ich bin dagegen, eine Lehre als Kriterium hervorzuheben (sei es Moons oder Calvins), aber ich halte mich an Jesu Worte, daß wir seine Jünger daran erkennen werden, daß sie einander lieben. Wir alle haben mit Entsetzen beobachtet, wir unsere Kirchen von Selbstgerechtigkeit und sogar Haß anschwellen. Wo immer ich selbstlose Liebe erfahre, die in seinem Namen geübt wird, da finde ich Jesu Nachfolger. Einige sind in Moon-Zentren, viele sind woanders.

Ich glaube, daß man seine Aufmerksamkeit von der kontroversen Lehre Moons weg- und mehr dem praktischen "Familienleben" zuwenden wird. Wie beim Mormonentum, das seinen Lebensstil ebenso preist wie die Vertretbarkeit seiner Doktrin auf intellektueller Ebene, wird auch bei den Moonies ihr Lebensstil zum Kernstück des Glaubens und der Hauptanziehungspunkt werden. Es scheint, als führten originelle, ursprüngliche und kraftvolle Anschauungen unmittelbar zu Extremen und somit zu Auseinandersetzungen. Das Problem liegt darin, wie man diese Auswüchse, die wäh-rend der Entwicklungsphase entstehen konnten, umformt. Die Begeisterung der frohen Herausforderung geht jedoch verloren, wenn der neue Lebensstil in den Mittelpunkt des Interesses rückt.

7. Haben die großen Kirchen versagt, so daß Gott jetzt ein anderes Werkzeug entwickeln muß, wenn seine Mission für die Menschheit weitergeführt werden soll? Wenn wir uns einmal umsehen, wird uns klar, daß die christlichen Organisationen das Reich Gottes auf Erden noch immer nicht voll und ganz errichtet haben. Die Geschichte berichtet davon, wie die Kirche ständig in ihrer Mission versagte, allen Menschen selbstlose Liebe, Unterstützung und Barmherzigkeit zu bringen. In der amerikanischen Religionsgeschichte brechen neue evangelistische Wellen häufig außerhalb der etablierten Kreise hervor, und wie das Quäkertum in England, so ist das Aufstehen solcher Gruppen wie Mormonen oder "Christian Scientists" (Christliche Wissenschaftler) gegen Verbitterung und Feindseligkeit ein Teil unserer nationalen Religionsgeschichte. Ich finde, daß viele Kirchen in ihrer Mission versagen und sowohl den Sinn für das Evangelium als auch ihre Anziehungskraft auf die Jugend verloren haben. Reverend Moon wird für uns zum Gericht für unser religiöses Versagen und unsere Selbstgefälligkeit--es schmerzt sehr, dies zu akzeptieren.

8. Gibt es so etwas wie "geistige Offenheit"? Wenn man in Moon-Kreisen verkehrt, sieht man viele Mitglieder, die jetzt in einer Weise für geistige Kommunikationen empfänglich sind, die sie früher nicht kannten. Dieser Wechsel entspringt dem traditionellen koreanischen Glauben an eine aktive geistige Welt, und es gibt unzählige bekanntgewordene Phänomene. Die Traumwelt eines Moonie ist ein geschäftiger Ort. Ohne die Glaubwürdigkeit oder Genauigkeit dieser Berichte zu bewerten, erhebt sich auch hier die Frage, ob wir bodenständigen Okzidentalen uns der geistigen Empfänglichkeit verschlossen haben und ob es die Möglichkeit einer erneuten Öffnung gibt. Das frühwissenschaftliche Zeitalter wollte die geistige Empfänglichkeit verzweifelt verneinen, weil es darin eine Bedrohung seiner empirischen Annahmen sah. In neuester Zeit scheint die Wissenschaft allerdings ihren Würgegriff zu lockern. Wenn dem so ist, sollten wir fragen: wie können wir unsere geistige Offenheit wiedererlangen?

9. Mögen wir uns so, wie wir heute sind? Neue religiöse Gemeinschaften entstehen gewöhnlich dann, wenn eine Gesellschaft mit sich selbst unzufrieden ist. Reverend Moon fragt uns stillschweigend: Gefällt Euch das, was aus Euch geworden ist? Aus einem Anzeigentext im Playboy erfahren wir, daß die junge Generation der siebziger Jahre ganz anders ist als die extrem gesellschaftskritische Jugend der sechziger. Der Text handelt davon, daß wir heute in Ausschweifungen sehr geübt sind und es verstehen, nur den Freuden des Augenblicks zu leben, ohne jemals auch nur einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden. Sind wir wirklich so geworden? Und wenn ja, gefällt es uns? Eine egoistische Generation ohne Ideale, die nur auf ihre Selbstbefriedigung bedacht ist, ist mit Gewißheit kaum einen Schritt vom gesellschaftlichen Zusammenbruch entfernt. Die Moonies fordern uns dazu heraus, unsererseits auch einen neuen Idealismus zu finden.

10. Ich glaube, daß die Lehre (gezwungenermaßen) mit dem Kommen und Gehen der vorhergesagten Ereignisse und Zeitpunkte "entmythologisiert" wird--vorausgesetzt natürlich, daß keine Veränderungen eintreten, die sie eindeutig bestätigen. Man kann schon feststellen, wie einige Mitglieder un-sicher werden und sich zu decken suchen, weil die bisherigen Ergebnisse schon nicht mehr so offenkundig den eigentlich erwarteten Veränderungen entsprechen. Die ausführliche geschichtliche Lehre sagt gewisse Daten und Siege voraus (zum Beispiel 1981). Wir haben also die ungewöhnliche Gelegenheit, eine Religion wachsen zu sehen und ihre entscheidenden Ereignisse zu unserer Lebzeit mitzuerleben. Falls ihre Voraussagen nicht buchstäblich erfüllt werden, muß etwas geschehen, um die Lehre zu retten und um das Leben der Kirche aufrecht zu erhalten. Das wird natürlich weniger aufregend sein als die volle Verwirklichung des physischen Gottesreiches in dieser Zeit.

Wenn man die Geburt einer neuen Religion persönlich miterlebt, betrachtet man das Neue Testament in einem neuen Licht. Gelehrte verbringen zu Recht ihre Zeit damit, noch vorhandene Ausschnitte der Evangelien bis zu ihren Quellen zurückzuverfolgen und die verschiedenen Versionen in ihrer überlieferten Form zu vergleichen. Plötzlich drängt sich einem die Frage auf: Aus welcher Menge von Dokumenten und Aussprüchen entstand eigentlich unser schmales Neues Testament? Moon-Gegner wählen aus dessen Reden nur solche Aussprüche, die sie entweder verspotten oder verreißen können. Wie wir gesehen haben, ist es aber auch möglich, geistigere und liebevollere Zitate aus der Menge seiner Aussprüche zusammenzustellen. Haben wir es im Neuen Testament mit den "besseren Aussprüchen" Jesu zu tun? Hätten wir von ihm auch ausgefallenere und fragwürdigere Dinge erfahren, wenn wir ihm zur Zeit seines öffentlichen Amtes gefolgt wären? Muß man als Messias seinen Standpunkt kraß und übertrieben darlegen und es dann späteren Generationen überlassen, das annehmbare Evangelium herauszufiltern? Wenn Jesus mitten in der Madison Square Garden Halle stünde und eine unveröffentlichte Version des Johannes-evangeliums proklamierte, klänge das anders in unseren Ohren als wenn wir einer überarbeiteten, mit ruhiger Stimme vorgetragenen Version aus einem inzwischen heiligen Band lauschten?

11. Warum zieht Sun Myung Moon die Jugend an? Welchen unverfälschten Kern findet sie in seiner Lehre? In dieser von Egoismus regierten Zeit werden sie von dem Aufruf zur selbstlosen Hingabe für eine Sache angezogen, die es ihnen ermöglicht, die neue Welt des Gottesreiches für alle Menschen zu beginnen. Sie lernen, Liebe zu geben, obwohl viele darin versagen. Wie bei den meisten Religionen fühlen sich auch hier die jungen Leute aus verschiedenen Gründen angezogen--auch aus schlechten. Wenn sie das entdecken und sie sich klar werden, was Selbstaufgabe heißt, steigen sie wieder aus. Dann aber sehen sie sich gezwungen, ihre vorherige gefühlsmäßige Begeisterung glaubhaft zu erklären. Es ist schwierig, Liebe geben zu lernen, anstatt ständig nur welche zu erwarten. Es ist nicht einfach, stets die anderen über sich selbst zu stellen, und der normale, menschliche Wunsch, sich ein wenig auszuruhen, schleicht sich ein. Dennoch ist jeder Mensch, der sich Sun Myung Moon anschließt, ein Gericht sowohl für unsere selbstsüchtige Gesellschaft als auch für unsere etablierten kirchlichen Organisationen, die beide darin versagt haben, einen attraktiven Kanal für diese jugendliche Energie anzubieten.

Eine Überlegung steht nach meiner Studie über die Moon-Bewegung noch aus: wenigstens ein Teil der jungen Leute von heute sucht nach Disziplin, Strukturen und starken Elternfiguren; ebenso engagieren sie sich opferbereit in einem Leben voll missionarischen Eifers. Welche unserer großen, traditionellen Kirchen--mit Ausnahme vielleicht der Evangelisationsgruppen--hat heutzutage noch solch ein missionarisches Sendungsbewußt-sein? Mir sind Leute bekannt, die allen Ernstes sagen, wir sollten nicht hingehen und versuchen, andere zu bekehren. Und doch sind die stärksten und attraktivsten religiösen Bewegungen diejenigen, die so sehr darauf brennen, das, was sie haben, mit anderen zu teilen, daß sie die Menschen nach Moonie-Art auf der Straße ansprechen.

Der allgemein verbreitete Lebensstil der meisten unter uns wirkt zumindest auf einen Teil der jungen Leute abstoßend. Sie wollen dieses egoistische Leben nicht länger ertragen. Außenstehende, pluralistisch orientierte Beobachter sehen in den Lebensstrukturen der Moonies eine Bedrohung, weil sie deren autoritären Aspekt nicht mögen. Diese Art der Beurteilung setzt voraus, daß Autorität in jedem Falle etwas Schlechtes ist. In unserer Gesellschaft und in unserem Erziehungswesen haben wir die meisten auf Disziplin ausgerichteten Strukturen niedergerissen. Das belastet den einzelnen ungemein, weil er nun seine eigene innere Disziplin entwickeln muß. Einigen, die stark genug sind, gelingt das auch, aber sehr viele schaffen es nicht. Das intensive Arbeitspensum, das das Leben als Moonie erfordert, weist darauf hin, daß viele junge Leute in dieser Zeit nach Disziplin suchen.

Als ich meine Studie über die Moon-Bewegung begann, war ich gerade von einem Ferienjahr in Japan zurückgekehrt. Dort hatte ich in Kyoto Zen-Buddhismus studiert und eine Diskussionsgruppe über westlichen Mystizismus in einem Seminar für japanische Professoren geleitet. Das Ergebnis war ein kleines Buch mit dem Titel Love Beyond Pain (Liebe über den Schmerz hinaus). Nachdem ich Zen-Buddhismus und gewisse Richtungen

des westlichen Mystizismus besprochen und miteinander verglichen hatte, war ich überzeugt, daß ihnen ein gemeinsames Ziel zugrunde liegt, das sie aber auf verschiedenen Wegen anstreben. Sowohl der östliche als auch der westliche Mystizismus drücken das Verlangen nach der Verbesserung des natürlichen Selbst aus. So wie es um unsere Gesellschaft steht, sieht es aus, als bringe sich die menschliche Natur selbst zu Fall. Ihr Ego türmt sich so bedrohlich am Horizont auf, daß es sich den eigenen Ausblick auf die Natur und auf andere Menschen versperrt.

Die Bekehrung der Liebe, so stellte ich in meinem Buch fest, ist das, was wir brauchen, damit die Liebe sich auf andere ausrichten kann und nicht egoistisch wird. Der Zen-Buddhismus schlägt einen Weg zur Verwirklichung vor, das Christentum einen anderen, aber beide stimmen darin überein, daß wir unser Selbst erst grundlegend erneuern müssen, bevor irgend etwas Gutes daraus entstehen kann. Als ich die Studie über Sun Myung Moon begann, war ich erstaunt, die gleiche Kernaussage in seiner Lehre zu finden. Am Ende meiner Studie angelangt, bin ich immer noch überzeugt, daß die Verwirklichung dieser selbstlosen, auf andere ausgerichteten Liebe das grundlegende christliche Thema ist. Genau das ist es auch, was junge Menschen aller Rassen in Sun Myung Moon entdeckt haben--zum Nutzen wenigstens einiger unter ihnen.

12. Muß die Lehre uneingeschränkt wahr sein, damit sie Menschen nützlich sein kann? Nachdem ich in Berichten gelesen hatte, wie durch das Erscheinen und die Ausbreitung der Vereinigungskirche Menschen an ihrer Persönlichkeit großen Schaden genommen hatten, war ich völlig verwirrt, als dann Moonies mir in den Interviews erklärten, sie hätten es den Prinzipien zu verdanken, daß sie ihr Leben ändern konnten. Das beweist nicht die Wahrheit der Lehre, aber es zwingt uns dazu, die positiven Zeugnisse gegen die Berichte über Persönlichkeitszerstörungen aufzuwiegen. Müssen wir die Möglichkeit eines persönlichen Wandels zum Guten verneinen, wenn wir die Lehre nicht akzeptieren können? Ist die Verbindung von Lehre und persönlicher Hilfe so klar und unabdingbar?

Freud war in der Verteidigung der Wahrheit seiner analytischen Theorie ganz dogmatisch. Aber auch, wenn wir sie nicht als Evangelium anerkennen, gibt es noch keinen Grund zu leugnen, daß ihre Anwendung oft die Heilung bewirkt. Fragt man Moonies danach, was sie am meisten zu der Bewegung hinzog, antwortet die Mehrheit ohne zu zögern: "Die Wärme und die Echtheit der Menschen." In der Psychiatrie mag der Therapeut für die Genesung des Patienten mehr als Mensch als in seiner Qualität als Psychiater verantwortlich sein, und gewiß würde kein Psychiater seine Heilungsquote mit 100 Prozent angeben oder eine solche Quote erwarten. Der Neubekehrte kann vielleicht in der "idealen Familie", die nach der Moon-Lehre in den Zentren erfolgreich errichtet wird, die erhoffte Seelenheilung finden. In diesem Falle zeugt der Bekehrte natürlich von seiner Dankbarkeit gegenüber der Heilsquelle. Es bleibt uns überlassen, das Verdienst der Lehre am Heilerfolg zu beurteilen.

Während des Wochenendseminars, an dem ich teilnahm, fragte der Leiter, wie seine kleine Gruppe "die Familie" fände. Ein Gast antwortete ruhig: "Ich sehe, daß ihr eine wirklich offene Gemeinschaft bildet und daß ihr einander liebt. Das ist wunderbar, aber dennoch habe ich einige Fragen zu den Ideen und Lehraussagen." Ich will damit nicht andeuten, daß wir gewissermaßen die praktizierte Religion von der Theologie trennen sollten. Dagegen glaube ich, daß es eine beachtenswerte, interessante Tatsache ist, daß einige Menschen wirklich persönliche, positive Auswirkungen erleben können, auch wenn wir nicht bereit sind, die Lehre bedingungslos anzuerkennen. Natürlich glauben die Moonies, die Wahrheit gefunden zu haben, doch der Beweis dafür liegt meistens im Zeugnis von ihrem persönlichen Wandel. Mit dieser Aussage urteile ich nicht voreilig darüber, woher die Bewegung ihre Kraft bekommt oder woran ihr eventueller Erfolg oder ihr Versagen gebunden sind. Allerdings ist das geplante Ideal, das Gottesreich auf Erden zu errichten, das Mittel, mit dessen Hilfe man Emotionen vom selbstzerstörerischen Kurs abbringen und persönliche Energien für viele Ziele freisetzen kann. Der dunkle Fleck, der an der Bewegung haftet, ist, daß das Ergebnis für einige Leute negativ war.

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