Bezugsorientiert denken
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Jesus von Nazareth und Sun Myung Moon

Betrachtet man die oben dargestellten Zusammenhänge, ergibt sich die Frage nach der Person Jesu und seiner Rolle in dieser Theologie. In welcher Beziehung steht das Werk Jesu zu dem oben beschriebenen Erlösungsweg? Versteht man Erlösung als Bildung einer neuen menschlichen Familie (einer zweiten Menschheit), in der wirkliche Liebe in der Vermehrung von gerechten Kindern manifestiert wird, die in auf Gott ausgerichteten Familien erzogen werden, dann muss man objektiv feststellen, dass Jesus keine derartige Blutslinie begründet hat. Er wurde gekreuzigt, als er noch relativ jung war und wurde nie zum sichtbaren König der Juden. Er ging nie eine Ehe ein, er erschien nie auf dem Thron der Herrlichkeit.

Die frühe christliche Kirche erwartete, dass Jesus wieder komme und diese eschatologische, königliche Funktion ausüben würde, indem er diejenigen, die "in Adam" waren, vertreiben und die, die "in Christus" waren, segnen würde. Aber Jesus kam nie zurück. Und Jesus kam nicht zurück, obwohl sogar die Lehren und die Gebete des Neuen Testamentes aussagen, dass er wiederkommen werde und zwar bald. Kommt Jesus wieder? Die meisten Christen glauben nicht mehr daran. Sie haben diesen Teil des neutestamentlichen Glaubens aufgegeben. Er ist, so sagt Bultmann, "unglaublich". Aber die Vereinigungskirche erwartet, dass Jesus in menschlicher Gestalt wiederkehrt, und zwar, indem er sich mit einem auf Erden lebenden Menschen zusammenschließt, der dann sein Werk vollenden wird.

(Bemerkung: Die christliche Bejahung der Wiederkunft ist die Bestätigung dafür, dass die Aufgabe von Jesus noch nicht vollendet ist, dass es immer noch etwas zu vollbringen gibt. Wenn nichts mehr verblieben um das Königreich zu errichten, dann bräuchte auch Jesus nicht mehr zurückzukommen. Die Vereinigungskirche ist in ihrem Verständnis, dass Jesus seine messianische Arbeit zur Zeit seines Todes und seiner Auferstehung noch nicht vollendet hat, absolut bibeltreu und richtig. Kein orthodoxer Theologe würde das Gegenteil behaupten.)

Bevor wir die Frage aufwerfen, wie Jesus in menschlicher Gestalt wiederkehren wird, sollte überlegt werden, was er tun müsste, um seine messianische Aufgabe zu vollenden. In der Terminologie der Vereinigungstheologie ausgedruckt, muss er die neue Menschheit schaffen (Föderaltheologie), indem er eine einzige Menschheitsfamilie errichtet, die sich in auf Gott ausgerichteten Familien durch eine reine und sündenlose sexuelle Liebe fortpflanzt. In Übereinstimmung mit allen Protestanten und Katholiken sieht Rev. Moon das Kennzeichen einer richtigen sexuellen Liebe in der monogamen Beziehung zweier Menschen, die danach streben, Gott in den Mittelpunkt ihres Lebens zu stellen und Kinder zu haben, die sie in dem Wissen und der Liebe Gottes erziehen. Es ist dies also eine auf Gottausgerichtete Heirat, die die sexuelle Beziehung gerecht und göttlich werden lässt.

Deshalb sollte Jesus bei seiner Wiederkunft eine Familie schaffen, die Gott zum Mittelpunkt hat. Nach dem Verständnis der Vereinigungskirche wäre Jesus eine Ehe eingegangen, wenn man ihn nicht gekreuzigt hätte. Er hätte Kinder gehabt und sie in einer auf Gott ausgerichteten Weise erzogen. (Diese Auffassung wird übrigens auch von Prof. William Phipps, einem traditionellen Presbyterianer, in seinem Buch "War Jesus verheiratet?" vertreten.)

Wie kann Jesus wiederkehren und dies erreichen? Nach der Lehre der Vereinigungskirche kehrt Jesus wieder, indem er sich auf geistige Weise eng mit einer oder mehreren Personen verbindet, die ihn tief kennen, in ständiger Kommunikation mit ihm stehen und so in seinem Sinne handeln.

Das geistige Bewusstsein der persönlichen Gegenwart Jesu im Leben eines Menschen erlaubt Jesus, diese Person geistig zu führen. Dies ist genauso, als würde Jesus in und durch diese Person leben. Diese Theorie steht gewissen Spielarten des katholischen Mystizismus sehr nahe (z. B. hat sich der hl. Franziskus so sehr mit Jesus identifiziert, dass bei ihm die Wundmale auftraten; viele Heilige behaupteten darüber hinaus persönliche Kommunikation mit Jesus in der Führung ihres Lebens erfahren zu haben). Sie ist auch eine Betrachtungsweise, die gewissen evangelischen Varianten nahesteht, die Jesus als persönlichen Retter darstellen, der im Leben einer Person gegenwärtig ist und diejenigen führt, die danach trachten, seinen Willen zu erfahren. Sie ist auch die Erklärung der Vereinigungskirche für die Wiederkunft Christi. Die Wiederkunft wird hier auf geistige, jedoch nicht spiritualistische Weise stattfinden; denn es soll nicht bedeuten, dass die Menschen mit Jesus außerhalb dieser Welt in Verbindung stehen müssen sondern vielmehr, dass sie mit Jesus als einer Person, die ihr Leben in dieser Welt leitet und führt, verbunden sein sollen. Wir sollen nicht in Jesus aufgesogen oder zu Jesus werden. Vielmehr soll Jesus, so versteht es die Vereinigungskirche, für uns als Führer und persönlicher Freund gegenwärtig sein. Das heißt, dass wir trotz der Führung Jesu immer noch wir selbst sind und unser Leben auf eine praktische soziale Weise führen.

Rev. Moon ist bestrebt, ein Mensch zu sein, der in einer engen Beziehung mit Jesus lebt. Er strebt danach, eine ganz auf Gott ausgerichtete Familie zu haben, die sich so aus ihrem inneren Kern heraus für eine größere Treue der Nation, der Welt und Gott gegenüber öffnet. Rev. Moon glaubt, dass jeder auf diese Weise leben sollte. In dem Umfang, wie die Menschen seine Vision teilen, finden sie sich in einer größeren geistigen Familie zusammengeschlossen, die die sichtbare Kirche ist. Nach dieser Theorie stellt die sichtbare Kirche daher nicht nur die geistliche oder predigende Institution dar, sie ist die Gesamtheit aller Menschen, die ihr Leben in allem Tun auf Gott ausrichten. Diese Interpretation der Vereinigungskirche für christliches Leben wird von jedem Christen geteilt.

Obwohl noch viele andere Aspekte beachtet werden sollten, die das komplexe System der Vereinigungstheologie betreffen, das den gesamten Bereich der Bibelexegese und philosophischen Fragen miteinbezieht, so wie es jede moderne Theologie tun muss, so sind doch die oben erwähnten Grundsätze für die Struktur grundlegend und machen nach meiner Ansicht deutlich, dass es sich bei der Vereinigungskirche um eine authentische christliche Gruppe handelt, obwohl sie in der Zusammensetzung ihrer Grundelemente etwas neuartig ist. Sie ist calvinistisch, katholisch und wesleyanisch. Sie ist eine Vereinigung dieser drei Traditionen. Darüber hinaus kann die starke Betonung der Familie, selbst wenn sie orientalischer Herkunft ist, auch bei Horace Bushnell gefunden werden. ich selbst kann nicht verstehen, warum wir dieser Gruppe feindlich gesinnt sind oder sie so heftig wegen Ketzerei anklagen, denn die Vereinigungskirche ist orthodoxer und zugleich kreativer als viele zeitgenössische Kirchen, was den Umgang mit der Heiligen Schrift und den christlichen Traditionen angeht. Wir sollten uns an ihrer Leidenschaft freuen und froh sein, von ihrer Theologie zu lernen.

 

04.08.2003