Hermeneutik
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Frank Flynn:

Ein Beispiel revolutionären Bibelinterpretation:
Johannes der Täufer und Jesus von Nazareth

Wenn mich jemand fragen sollte: "Was ist die wichtigste Stelle in den Göttlichen Prinzipien'?", so würde ich ohne zu zögern antworten: "Der Abschnitt, der ,Unsere Einstellung zur Bibel' genannt wird." An dieser Stelle gibt Sun Myung Moon eine eindrucksvolle Erklärung ab: "Seit der Zeit von Jesus ist niemand in der Lage gewesen, dieses himmlische Geheimnis zu enthüllen. Und zwar deshalb, weil wir bis zum heutigen Tag die Bibel unter dem Gesichtspunkt gelesen haben, dass Johannes der Täufer der größte aller Propheten gewesen sei." Die Konsequenzen aus dieser Passage sind weitreichend und geben uns einen Hinweis auf Rev. Moons eigenen Standpunkt in bezug auf Bibelauslegungen. Was ist an seinem Verständnis der Bibel eigentlich so neu und was hat dieses neue Verständnis zur Folge?

Wie der Evangelist Lukas zeichnet Sun Myung Moon zwischen Jesus und Johannes dem Täufer ein Diptychon (zweiflügeliges Altarbild). Aber im Gegensatz zu Lukas, der die Missionen des Täufers und Jesu aufeinander abzustimmen scheint, deckt Rev. Moon eine wesentliche Unstimmigkeit in der Rolle von Johannes dem Täufer auf. Johannes verkörpert demnach die Juden in ihrem Unglauben an die Mission von Jesus. Nach Rev. Moon war die jüdische Obrigkeit bereit und willens, Johannes als den "Propheten, der da kommen soll", d. h., als die Wiederverkörperung des Geistes des Propheten Elias und als Wegbereiter des Messias, zu akzeptieren. Der Täufer antwortete ihnen jedoch, dass er nicht der Prophet sei (Job. 1:21). Damit widersprach er aber der Aussage von Jesus über ihn. Das Versagen von Johannes dem Täufer (Versagen ist in den "Göttlichen Prinzipien" ein theologischer Begriff, seine eigene Identität und Mission als Wegbereiter des Messias zu erkennen, lag an seiner Unfähigkeit, das Geistige und das Physische miteinander in Einklang zu bringen.

Geistig erhielt Johannes der Täufer eindeutig die Offenbarung, dass Jesus der Gesalbte sei. Aber physisch versagte er, seinen Körper dahinzubringen, wo sein Geist war, d. h. er versagte darin, Jesus als jünger nachzufolgen. Das Versagen von Johannes dem Täufer, Jesus nachzufolgen, schuf im jüdischen Volk eine Mauer des Zweifels. Weil Johannes blind war, wurden die Juden dazu verleitet, nicht an Jesus als den Messias zu glauben. Die Juden hätten Johannes als Elias akzeptiert, aber sie hätten Jesus nie ohne weiteres als Christus akzeptiert, weil er nicht nur den Sabbat, sondern auch die Ächtung durch das Gesetz missachtete, indem er mit Huren, Steuereintreibern, armen Leuten und Fischern Umgang hatte.

Johannes war anfangs auf geistiger Ebene erfolgreich, versagte dann aber auf der physischen. Jesus war als das fleischgewordene Wort geistig und physisch erfolgreich. Aber genau in dem Lebensstadium, als er eine "Braut" erwählen sollte, die mit ihm, gemäß dem ursprünglichen Zweck der Schöpfung, wahre Kinder Gottes zeugen sollte, veranlasste ihn der Unglaube der Juden, statt dessen die Kreuzigung zu wählen. Deshalb bleibt die Mission Jesu in der historischen Wirklichkeit unerfüllt, obwohl sie im Prinzip vollendet ist. Die "Göttlichen Prinzipien" erklären hierzu: "Alle Christen haben, von der Zeit Jesu bis in die Gegenwart, geglaubt, dass Jesus in die Welt gekommen sei, um zu sterben. Der Grund ist, dass sie den eigentlichen Zweck des Kommens Jesu als Messias nicht verstanden haben und sich mit der falschen Vorstellung trugen, dass die geistige Erlösung die einzige Mission gewesen sei, für die Jesus in die Welt gekommen ist. Jesus kam, um den Willen Gottes noch während seines Lebens zu erfüllen, musste dann aber, wegen des Unglaubens im Volke, einen vorzeitigen Tod sterben."

Zweifellos wird vielen etablierten Christen diese Interpretation der Bibel, veranschaulicht durch die unterschiedlichen Rollen von Johannes dem Täufer und Jesus, etwas fremdartig vorkommen.

Ich beabsichtige, obwohl ich weiß, dass es an Rev. Moons Auslegung neuartige Aspekte gibt und dass er oft behauptet, in der Bibel etwas Neues entdeckt zu haben, mit diesem Essay zu zeigen, dass die wesentlichen Aspekte in der Auslegung der "Göttlichen Prinzipien" doch nicht so neuartig sind, wie die etablierten Christen gerne glauben möchten.

Ausflug in die Geschichte und Grundzüge der geltenden Hermeneutik

Um die Aspekte der "Göttlichen Prinzipien" zu entdecken, die nicht neu sind, sondern einen Ursprung im traditionellen Glauben haben, ist es notwendig, dass wir in die Vergangenheit zurückgehen, um die Grundzüge der Interpretation, die sich in der christlichen Hermeneutik durchgesetzt hat, noch einmal zu untersuchen. Die Reaktion der etablierten Christen, dass Rev. Moons Auslegungen etwas merkwürdig und deshalb falsch seien, könnte vielleicht auf einer begründeten Erkenntnis beruhen. Auf der anderen Seite könnte ihre Erkenntnis aber auch von ihrem Unvermögen herrühren, sich an die Grundzüge der Interpretation, die zu der langen Geschichte des Christentums gehört, zu erinnern. In diesem Fall obliegt es den Theologen, vorsichtig und achtsam zu sein. Ich meine, dass Vorsicht und Achtsamkeit die richtigen Mittel sind, um an die Auslegungen der "Göttlichen Prinzipien" heranzugehen.

Zwischen den Grundzügen der christlichen Bibelauslegung und ihrer Geschichte sollte ein Unterschied gemacht werden. Denn wir sind uns alle bewusst, dass sich diese Grundzüge unter dem Druck von besonderen historischen Umständen entwickelt haben. Unter dem Ausdruck "Grundzug" verstehe ich die Erscheinungsform und den Beweggrund für eine gegebene Auslegung, die erklärt, wie man sich die Heilige Schrift aneignen sollte, um ein christliches Leben zu führen. Wir wollen jetzt diese Erscheinungsformen und Beweggründe von einem systematischen Standpunkt aus untersuchen.

Ein interessanter Vierzeiler

Im Mittelalter kam ein lateinischer Vers auf, der, obwohl er unbedeutend erscheint, die Erscheinungsformen und Beweggründe der Bibelinterpretation zusammenfasst. Dieser Vers ist zwar weit davon entfernt, umfassend zu sein, ergibt aber doch einen brauchbaren Ausgangspunkt:

Littera gesta docet
Quid credas allegoria
Moralis quid agas
Quo tendas anagogia.

Es hat schon viele Übersetzungen dieses oft zitierten Vierzeilers gegeben. Die meisten davon waren falsch. Auch auf die Gefahr hin, diese Geschichte der Irrtümer zu bereichern, will ich jetzt selbst eine Übersetzung versuchen.

 

Der Buchstabe (buchstäbliche Sinn)
lehrt das (geschichtlich) Vergangene.
Was du glauben sollst,
(lehrt) die Allegorie,

Der moralische (Sinn) (lehrt),
was du tun sollst,
Wohin du dich wenden sollst,
der anagogische (Sinn).

Obwohl dieser Vers auf eine vierfache Unterscheidung hinweist, schwingt eine noch feinere und grundlegendere Bedeutung mit. Das wird durch den Gebrauch des Indikativs (lat.: gesta) als Gegengewicht zum Konjunktiv (lat.: credas, agas, tendas) angezeigt. Im Lateinischen hat der Konjunktiv die besondere Eigenschaft, einen Doppelsinn zu tragen. Er bezieht sich sowohl auf den Begriff der Zukunft als auch auf den Begriff dessen, was durch den Imperativ ausgedruckt wird. Im Mittelalter war es genau diese Unterscheidung zwischen dem, was ist und dem, was (in der Zukunft) sein soll, was die Menschen in dieser Zeit unter buchstäblicher und geistiger Schriftauslegung verstanden. In der obigen Übersetzung versuchte ich auf diesen Unterschied hinzuweisen, indem ich die Vergangenheitsform des Indikativs (das Vergangene) und die Befehlsform des Konjunktivs (du sollst ... ) benutzte.

Hin und Her zwischen vier Erscheinungsformen

Die Beziehung zwischen den wörtlichen und symbolischen Bedeutungen der Heiligen Schrift ist schon immer ein zentrales Problem der christlichen Bibelauslegung gewesen. Tatsächlich sieht die Geschichte der christlichen Auslegung oft wie ein ständiges Hin und Her zwischen der Betonung des symbolischen Sinnes und der Betonung der wörtlichen Bedeutung aus. Dieses Hin und Her ereignete sich zum ersten Mal im Streit zwischen der alexandrinischen und der antiochenischen Interpretationsschule; es taucht dann noch einmal im Konflikt zwischen dem mittelalterlichen Katholizismus und dem Protestantismus auf. Vermutlich ist der Auslegungsstreit zwischen dem etablierten Christentum und der Vereinigungskirche eine Fortsetzung derselben Debatte, die schon immer im Christentum geführt wurde: in welcher Weise und aus welchen Gründen die Lehren der Heiligen Schrift auf das christliche Leben Einfluss nehmen sollen. Auf diese Weise stellt sich eine Frage nach den Erscheinungsformen und eine Frage nach den Beweggründen. Meine Erfahrung sagt mir, dass die hier zunächst behandelten Erscheinungsformen von den Beweggründen abhängen und nicht umgekehrt.

Im Allgemeinen hat es vier grundlegende Erscheinungsformen gegeben. Der Einfachheit halber will ich sie in katholische (orthodoxe und römisch-katholische) und protestantische (lutherische und calvinistische) Erscheinungsformen unterteilen. Die katholischen Formen haben immer die geistige Bedeutung der Heiligen Schrift betont. Die protestantischen Formen haben immer dem wörtlichen Sinn größeres Gewicht beigemessen. Es hat jedoch wichtige Unterschiede innerhalb dieser beiden Gruppen gegeben.

Zwei katholische Strömungen

Der orthodoxe Katholizismus betont die gleichnishafte Form der Bibelinterpretation. Diese Betonung gilt nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die Gegenwart. In sich selbst unterscheidet sich diese Interpretation aber nicht von der römisch-katholischen. (Wir erkennen diesen gleichnishaften Charakter z. B. in vielen westlichen Kommentaren über das "Hohelied".) Der Unterschied zwischen der orthodoxen und der römisch-katholischen Erscheinungsform ist der, dass die orthodoxe Form kollegialer und gemeinschaftlicher, die römisch-katholische Form individueller und eigentümlicher ist. Das bedeutet aber weder, dass die orthodoxe Form das Individuelle vernachlässigt, noch, dass die römisch-katholische Form das Kollektive meidet. Die orthodoxe Form benutzt das Individuelle zugunsten des Menschen in der Gemeinschaft, während die römischkatholische Form das Kollektive zugunsten des individuellen Menschen anwendet. Aber aus dem Ganzen folgt, dass die spirituelle Bibelauslegung der Ostkirche mehr zu dem neigt, was man mit Mystagogie bezeichnet - die Hinführung der einzelnen Seele zur universalen Vision von Gott. Auf der anderen Seite tendiert der römische Katholizismus dazu, sich die moralische und typologische Seite der geistigen Auslegung zunutze zu machen, indem er die universale Vision auf die praktische Lebensführung anwendet.

Ich glaube, dass dieser Unterschied zwischen der orthodoxen und der römisch-katholischen Auslegung erklärt, warum die Mystik geistig im Westen nie Fuß fassen konnte - obwohl die Mystik im Osten immer geblüht hat und noch immer blüht. Der orthodoxe Katholizismus ist in der Vision verwurzelt und seine biblische Interpretationsform muss in dem biblischen Hinweis auf die Reise zu Gott gesehen werden. Im Gegensatz dazu, ist der römische Katholizismus in der Anhörung und in dem Finden des eigenen Platzes und des eigenen Standortes in dieser Welt verwurzelt. Der Unterschied zwischen diesen beiden Formen, die Bibel anzuwenden, entspricht in etwa dem, von einem Land entweder den Reiseführer oder die Landkarte zu besitzen.

Die gleichnishaften und typologischen Formen der Exegese haben den Vorzug, dass sie das Alte und das Neue Testament miteinander verbinden können, indem sie im Alten Testament den Schatten oder die Vorstufe zum Neuen Testament sehen. Aber in dieser Stärke lag auch eine Schwäche. Da der Inhalt der Heiligen Schrift allmählich seine eschatologische Schärfe verlor, verdrängte die Vorstellung der geistigen Ewigkeit die Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Königreiches Gottes auf Erden. Auf diese Weise wurde die geschichtliche Tragweite im tieferen Sinn der Bibel verschleiert. Die bevorstehende Ausgießung des Geistes Gottes in die Zeit wurde in eine nichtgeschichtliche Ewigkeit umgedeutet. Das kann in nahezu allen mittelalterlichen Gemälden beobachtet werden, in denen die körperlichen und weltlichen Aspekte des menschlichen Lebens in einem scheintoten Zustand dargestellt werden. Da die orthodoxe mystagogische Auslegung von Vision und Reise und die westliche typologische Auffassung von Schatten und Urform immer mehr einen geistigen Sinn bekamen, tendierte die Bedeutung des Geschichtsablaufes als fortwährende Wiederherstellung unserer Menschheit durch Gottes weise Voraussicht und die Bedeutung der Welt als "theatrum gloriae Dei" - dahin, ihre theologische Gültigkeit zu verlieren.

Zwei protestantische Strömungen

Der Protestantismus kehrte zu der Grundbedeutung der Heiligen Schrift zurück (scriptura sui ipsius interpres = "Die Schrift interpretiert sich selbst"), indem er der mittelalterlichen Versinnbildlichung und den geistlichen Mysterien der frühen christlichen Botschaft Folge leistete. In Luthers Auslegung erleben wir die Wiederentdeckung der wörtlichen und geschichtlichen Dimensionen der frühen biblischen Eschatologie. Luther verlagert allmählich das Gewicht von der vierfachen Auslegung (d. h. von den eben beschriebenen vier Erscheinungsformen) auf eine Auslegung von "Gesetz und Evangelium" und von "Versprechen und Hoffnung". Luther sagt, dass sich der gläubige Christ wieder der Verheißung des "adventus Christi" (Altes Testament) und dem jüngsten Gericht bei der Wiederkehr gegenübergestellt sieht. Luthers Auslegung von Gesetz und Evangelium zielt darauf ab, die mittelalterlichen Unterschiede zwischen Ewigkeit und Geschichte niederzureißen und den Gläubigen zu befreien, um ihn in die Lage zu versetzen, selbst die geschichtlichen Folgeerscheinungen des Ewigen zu entdecken. In dieser neuen Auslegung sind sowohl Kirche und Staat als auch Priester und Laie dem Muster des Wartens auf das Kommen der Herrschaft Christi unterworfen.

Es gab aber auch in Luthers Auffassung von Gesetz und Evangelium Unklarheiten. So konnte die eschatologische Dringlichkeit zu einer vollständigen Zerstörung des Unterschieds zwischen den geistigen und den "fleischlichen" Dimensionen des christlichen Lebens führen. Der große Unterschied zwischen dem, was erreichbar ist und dem, was erhofft werden soll, konnte in Augenblicken rasender Leidenschaft verloren gehen. Ein Beispiel ersten Ranges für dieses Durcheinander war der Bauernkrieg, den man "eschatologia disordinata" nennen könnte. Die Bauern glaubten wirklich, dass das Reich Gottes schon gekommen sei.

Die andere protestantische Auffassung - der Calvinismus - ist der Versuch, die Unklarheiten in Luthers Theologie zu korrigieren. Wenn man von Luther sagen kann, dass er der eschatologischen Bedeutung der Zeit wieder Geltung verschafft hat, dann kann man von Calvin sagen, dass er die eschatologische Bedeutung des Raumes wiederhergestellt hat. Der Unterschied zwischen Luther und Calvin kann am besten daran erkannt werden, welche Bedeutung Luther der Doktrin der Erlösung und Calvin der Doktrin des Schöpfungsaktes zumisst. Für Calvin ist die Gnade, die dem Gläubigen in der Erlösung durch Christus erwächst, nicht einfach nur die Wiederherstellung der gefallenen Menschheit um der Hoffnung auf Erlösung willen; sie ist auch die eigentliche Wiederherstellung von Gottes ursprünglicher Absicht bei der Erschaffung der Welt. Calvins Erkenntnis der Bedeutung der Schöpfungsdoktrin, mit ihren untergeordneten Begriffen der "imago Dei" und der Angelologie, veranlasste ihn, die lutherische Auffassung von "Gesetz und Evangelium" innerhalb einerbreiteren Auslegung einzuordnen, die auf den Begriffen von "Schöpfung und Wiederherstellung" gegründet ist. Wie Luther behauptet auch Calvin, dass die menschliche Natur beim Fall vollständigverdorben wurde. Calvins Auslegung enthält jedoch stillschweigend den vorläufigen Anspruch, dass das ursprünglich geschaffene Bild des ursprünglichen Adams in Raum und Zeit wiederhergestellt werden kann - und das nur, weil das ursprüngliche Bild immer noch schwach glimmendend in der Seele des Menschen eingeprägt ist.

Mit seiner Auslegung von Gesetz und Evangelium befreite sich Luther selbst von der vierfachen Bedeutung der Schrift. Calvin konnte in seiner Botschaft über die Ordnung des christlichen Lebens den Gedanken der Schriftauslegung nichtgänzlich fallen lassen. Insbesondere konnte er der Gleichsetzung der wörtlichen mit der geschichtlichen Bedeutung nicht zustimmen. Für Calvin konnte der wörtliche Sinn deshalb nicht mit der historischen Bedeutung gleichgesetzt werden, weil er glaubte, dass der Schöpfungsakt mehr ist als nur eine Geschichte, denn er enthält alle ontologischen Elemente der Existenz in Raum und Zeit. Für Calvin lautete deshalb die richtige Fragestellung nicht, ob man Vergebung erhält oder nicht (im Sinne Luthers), sondern welchem Königreich man in Raum und Zeit angehört. Vor der Vergebung lag der Schöpfungsakt (Gott, die Welt und der Fall, Adam, Eva und Satan). Nach der Vergebung wartet die furchteinflößende Wahl zwischen dem wahren Königreich Gottes und dem Pseudokönigreich Satans.

Für Calvin bedeutete Erlösung nicht so sehr die Vergebung der Sünde des Menschen, sondern vielmehr die Wiederherstellung des Menschen, damit er der Herrlichkeit Gottes so dient, wie es die ursprüngliche Absicht der Schöpfung vorsieht. Luther war bereit, in einem Übergangszustand (in via), d. h. auf dem Weg zur Herrlichkeit, zu leben, ohne die kosmische Bedeutung der geschichtlichen Ereignisse zu erfassen. "Unser Leben", sagt Luther, "ist ein Anfang und ein Vorwärtsgehen, aber keine Erfüllung." Aber Calvin rief die Menschen dazu auf, am kosmischen Kampf zwischen den Mächten des Guten und den Mächten des Bösen teilzunehmen. Diese Mächte wirken von außen auf den Menschen ein und rufen ihn aber auch aus seinem Inneren an. Wir müssen mit ihnen kämpfen. Aus diesem Grund war für Calvin das Hauptproblem für den Menschen nicht Sünde und Erlösung (wie bei Luther), sondern die Teilnahme an der Wiederherstellung der Ehre Gottes auf Erden.

Zwei Motivationen im Dilemma

Vorhin traf ich zwischen Erscheinungsform und Beweggrund eine Unterscheidung und fuhr dann fort, die Erscheinungsformen ohne Bezug zu den Beweggründen zu erörtern. Die Beweggründe sind zwar genauso wichtig, wie die Erscheinungsformen, aber es ist wesentlich schwieriger, über sie etwas zu sagen. Trotzdem gibt es etwas, was man sagen könnte. Die Auslegungen des orthodoxen Katholizismus und des calvinistischen Protestantismus haben etwas gemeinsam: sie neigen beide dazu, die geistige Freiheit des einzelnen in Begriffen der Wiederherstellung des Ganzen zu sehen. Der römische Katholizismus und der lutherische Protestantismus neigen andererseits dazu, die Freiheit des Ganzen in Begriffen der Wiederherstellung des einzelnen zu sehen. Hinter diesen verschiedenen Beweggründen für die christliche Bibelauslegung steht jedoch ganz klar erkennbar ein fundamentales Dilemma: Ohne ein Verständnis um den Zweck des Ganzen kann es keine individuelle Wiederherstellung geben, noch kann ohne Kenntnis des individuellen Zweckes die Wiederherstellung des Ganzen erreicht werden. Bis wir uns alle dieses Dilemmas bewusst werden, werden wir nicht wissen, wie wir auf das Reich Gottes warten sollen; wir werden uns im selben Boot wie Johannes der Täufer befinden und auch nicht wissen, welcher Herrschaft wir in Wahrheit angehören.

Die Bibelauslegung der "Göttlichen Prinzipien"

Die frühesten Grundzüge der calvinistischen Bibelauslegung enthielten neben der Betonung der wörtlichen Bedeutung der Heiligen Schrift auch eine Bedeutung der Erwartung. Das kommt daher, dass sich die ersten Calvinisten die Geschichte Israels und die israelitische Hoffnung auf den Messias zu eigen machten. Und weil die frühen Calvinisten die messianische Vision des Reiches Gottes auf Erden des Alten Testaments in den Mittelpunkt stellten, interpretierten sie die katholische Auffassung von Jesu Arbeit auf eine neue Weise um. In jener Zeit war ihre Vorstellung nichtweniger radikal als die Rev. Moons in unserer Zeit. Der Calvinismus interpretierte Jesus in Kategorien des Alten Testaments. Für Calvin war Jesus in erster Linie eher Prophet, Priester und König, denn Gottmensch. Dieses Verständnis von Jesus im Sinne des Alten Testaments gab dem frühen Calvinismus seine weltverändernde Vision: Die Wiederherstellung der Schöpfung zum Bilde Gottes. Aber als diese Reformarbeit angesichts der Ungeheuerlichkeit dieser Aufgabe und der Betonung der menschlichen Willensfreiheit durch die Aufklärung ins Stocken geriet, neigte der Calvinismus in steigendem Maße dazu sich der Welt als Reich, das notwendigerweise vom Bösen regiert wird, anzupassen. Er gab seine frühere Vision auf.

Meine Behauptung ist, dass die Bibelauslegung der "Göttlichen Prinzipien" versucht, die volle Bedeutung der Schöpfung und des Reiches Gottes nicht nur im Sinne der calvinistischen Theologie, sondern genauso im Sinne der christlichen Theologie als solcher, wiederherzustellen. Auf den folgenden Seiten möchte ich die Wege, auf denen die "Göttlichen Prinzipien" dies versuchen, skizzieren.

Das Gleichnis

Als die Protestanten zur Zeit der Reformation die gleichnishafte Form der Exegese aufgaben, wurde im Herz des Christentums ein Vakuum zurückgelassen. Bis zur Reformation war das Gleichnis die Art und Weise, wie die meisten Menschen die Bedeutung ihrer eigenen Existenz ausdrucken konnten. Das Gleichnis war im Mittelalter der übliche Weg, seine eigene Geschichte zu erzählen. Durch den Gebrauch der Gestalten, der bildhaften Formen und Gleichnisse zur Interpretation der Heiligen Schrift konnte jedoch deren Einfachheit und Volkstümlichkeit ins Dunkel geraten. John Milton bemühte sich, die gleichnishafte, geistige Bedeutung der Schöpfung für die Tradition der Reformation wiederzugewinnen, deren Elemente in die dramatische Dichtung zu übersetzen: So entstanden "Das verlorene Paradies" und "Das wiedergefundene Paradies". Obwohl Miltons religiöse Dichtung vielleicht zu viele homerische Ausschmückungen enthielt, um dem Geschmack des Durchschnittspuritaners zuzusagen, hat sie doch ihren Zweck erreicht, den Puritanern die Wege Gottes zu den Menschen darzulegen und klarzumachen. Die "Göttlichen Prinzipien" haben mit dem "Verlorenen Paradies" und dem "Wiedergefundenen Paradies" die Eigenschaft gemeinsam, zu versuchen, die epische Dringlichkeit unserer Lage in Raum und Zeit auszudrücken.

Ein Weg, auf dem die "Göttlichen Prinzipien" ihre epische Dramatisierung zur Schau stellen, ist die Verbindung der Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments mit der Ankündigung der Letzten Tage im Neuen Testament. Auf diese Weise setzen die "Göttlichen Prinzipien" die eschatologische Apokalyptik mit der Wiederherstellung der Schöpfung gleich. Die Wirkungsweise der Apokalyptik ist auf diese Weise die Wiederholung der Geschichte in der Bibel (Heilsgeschichte). Genauso, wie die Anhänger des National Covenants in Neuengland ihre Erfahrung als Exil, als Wanderung in der Wildnis (die Flucht aus England) und als eine erneute Überquerung des Jordans (den Atlantischen Ozean) begriffen, interpretieren auch die "Göttlichen Prinzipien" den Konflikt zwischen Demokratie und Kommunismus, auf gleichnishafte Weise als die eschatologische Konfrontation des Reiches Gottes mit dem Reich Satans. (Diejenigen, die dieses Gleichnis nicht verstehen, glauben, dass Rev. Moon einen buchstäblichen Weltkrieg herbeiruft). Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist Rev. Moons offensichtlich neue, gleichnishafte Darstellung des Abeltyps (Demokratie) als Gegengewicht zum Kaintyp (Kommunismus) gar nicht mehr so merkwürdig wie es vielleicht den Anschein hat. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist es vielleicht höchst angemessen, die "Göttlichen Prinzipien" als eine dramatische biblische Dichtung zu beschreiben, die mit Miltons "Das verlorene Paradies" und "Das wiedergefundene Paradies" größte Ähnlichkeiten hat.

Angelologie

Eines der verblüffendsten Phänomene in der modernen westlichen Theologie ist das Verschwinden der Doktrin der Engel. Dieses Verschwinden ist nicht ohne theologische Bedeutung. Nach Calvin verkündet die Doktrin der Engel dem Menschen nicht nur Gottes ursprünglichen Plan für die Schöpfung, sondern auch die geistige Bestimmung des Menschen selbst. Mit anderen Worten ausgedruckt würde es der christlichen Menschheit ohne einen Glauben an Engel schwerfallen, ihre geistige Mission in einer physischen Welt zu erkennen. Das ist genau das Argument der "Göttlichen Prinzipien". Rev. Moon sieht in der hermeneutischen Bedeutung des Engelglaubens einen Weg, unsere eschatologische Stellung in Raum und Zeit zu begreifen. An dieser Stelle gibt es wieder eine verblüffende Übereinstimmung mit dem "Verlorenen Paradies" und dem "Wiedergefundenen Paradies", insbesondere mit Miltons Vorstellung der Beziehung zwischen Adam und Eva und Satan. Darüberhinaus ist Rev. Moons Theologie, gerade durch ihre Doktrin der Engel und ihre Unterscheidung zwischen zwei Arten der Schöpfung (einer geistigen und einer materiellen) dem katholischen Christentum engstens verwandt.

Die Ehe

Die "Göttlichen Prinzipien" sehen Ehebruch als eschatologisch letzte Sünde an. Das Argument lautet wie folgt: Adam und Eva fielen, als sie unreif waren; das heißt sie fielen, als sie den vollständigen Wachstumsprozess, den Gott für sie geplant hatte, noch nicht durchlaufen hatten. Dieser vollständige Wachstumsprozess beinhaltet die Erfüllung der Gebote: "Seid fruchtbar und mehret euch". Rev. Moon versteht unter der Erfüllung dieser Gebote die Vollendung des Bildes Gottes in Adam und Eva selbst. Aber bevor Adam und Eva dieses Bild vollenden und das Gebot, sich zu mehren (und zu heiraten), erfüllen konnten, fielen sie in Sünde. Die Aufgabe des Messias muss es also sein, die menschliche Rasse wiederherzustellen, damit die Menschen zu einer persönlichen Reife wachsen und reife, auf Gott ausgerichtete Ehen eingehen können. So wird von Rev. Moon die Wiederherstellung der Ehe als die Wiederherstellung der Menschheit in den Letzten Tagen verstanden. Ehebruch (und nicht Stolz oder sonst eine Sünde) ist also gerade deshalb die eschatologisch letzte Sünde, weil das Wesen des vollkommenen Bildes Gottes in der Schöpfung und Wiederherstellung die eheliche Liebe notwendig mit einschließt.

Obwohl es in Rev. Moons Theologie der Ehe noch andere Aspekte gibt, kann ich wenigstens so viel sagen: Moons Auffassung der Ehe stammt aus seine Theologie des Bundes mit Gott. Wir können sehr ähnliche Auffassungen sowohl in den Prophezeiungen Hoseas als auch im Buch der Richter feststellen (Israels Untreue gegenüber Gott, das heißt Israels Bruch des Bundes). Zweitens bewahrte die mittelalterliche Überlieferung dieses Verständnis der eschatologischen Liebe als eheliche Liebe in ihren Interpretationen des wohl sinnlichsten aller Bücher des Alten Testaments: Das "Hohelied der Liebe". Und schließlich ist die Auffassung des eigentlichen geistigen Zieles der Ehe (persönliche Beziehung nicht Sex) in den "Göttlichen Prinzipien" genau dieselbe wie bei Milton.

Obwohl der Katholizismus die Ehe geheiligt haben mag, hat er der Ehe weder einen geistigen noch einen eschatologischen Wert beigemessen. Auf der anderen Seite neigte der Protestantismus dazu, die Ehe zu entheiligen und sie dadurch den Wölfen der "neuesten psychologischen Einsicht" und den "Erfordernissen des Kapitalismus" vorzuwerfen. Weder der Katholizismus noch der Protestantismus lehrt, dass die Ehe in erster Linie geistige Einwilligung und Verbindung zweier Seelen ist. Die Ehe ist in den "Göttlichen Prinzipien" aber nicht die ganze eschatologische Wirklichkeit. Vielmehr möchte Rev. Moon die Bedeutung der Ehe als ein eschatologisches Muster, das mit der ursprünglichen Absicht des Schöpfers in der Schöpfung in Beziehung steht, wiederherstellen. Auf diese Weise liegt Rev. Moon zwischen den klassisch protestantischen und katholischen Theologien der Ehe. Wie Milton setzt er die Ehe in den Mittelpunkt unserer Erlösung.

Die Bedeutung der Zahlen

Über die symbolische Bedeutung der Zahlen in den "Göttlichen Prinzipien" braucht nur wenig erwähnt zu werden (z. B. die Bedeutung von "1981"). Und zwar einfach deshalb, weil ich sie gegenüber der eigentlichen Grundlage von Rev. Moons Bibelauslegung als zweitrangig betrachte. Diese Grundlage beruht auf dem Glauben, dass die biblische Geschichte das Muster für die ganze Geschichte darstellt. Ohne diese Erkenntnis könnte der Leser der "Göttlichen Prinzipien" leicht in die falsche Vorstellung verfallen, dass Rev. Moon zum Verständnis der Universalgeschichte auf dieselbe Weise Zahlen anwendet wie ein Astrologe die Bewegung der Sterne zum Verständnis einzelner Seelenzustände. Die "Göttlichen Prinzipien" auf diese Weise zu lesen, käme einem Versagen gleich, die großartige Auffassung Rev. Moons von der Bibel als Schlüssel zur Interpretation des Dramas, das die Christen Erlösung nennen, wahrzunehmen. Rev. Moon glaubt, dass das, was Gott mit Israel getan hat, als Beispiel für alle anderen Völker, Orte und Zeiten in dieser Welt steht.

Einflüsse aus östlichen Religionen

Durch die ganzen "Göttlichen Prinzipien" hindurch gibt es unzählige Verbindungen zu theologischen Gedanken, die oberflächlich betrachtet so aussehen, als ob sie zu östlichen Religionen gehören würden. Ich denke da zum Beispiel an die Verbindungen zu Begriffen wie Yang und Yin, Seelenwanderung und Reinkarnation. Darüber hinaus hat Rev. Moons Auffassung von der Aufgabe eines Propheten viele Ähnlichkeiten mit dem Verständnis eines Propheten im Islam und dem eines "Avatars" im Hinduismus.

Wie sollen wir diese Vorstellungen, die in nicht christlichen Religionen gefunden werden können, verstehen? Bedeutet es, dass die Vereinigungskirche gar keine christliche Bewegung ist, sondern eher ein östlicher Synkretismus, der christliche Gedanken aufgenommen und durch diesen Vorgang deren "wahre" Bedeutung verzerrt hat? Dies ist keine Frage, die leicht entschieden werden kann, weil ja nicht nur einzelne Gedanken, sondern auch der allgemeine Rahmen, in dem sie erscheinen, zur Debatte steht. Es könnte also auch leicht der Fall sein, dass Rev. Moon, statt die biblischen Grundsätze im Lichte einer östlichen Form der Bibelauslegung zu interpretieren, genau das Gegenteil tut. Er könnte auch "die Religionen des Ostens christianisieren! "Er könnte auch das "natürliche Christentum" geschaffen haben, nach dem die christlichen Theologen schon seit dem Beginn des Jahrhunderts rufen.

Ich erhebe hiermit nicht den Anspruch, dass diese Frage klar und einfach gelöst ist. Aber ich glaube, dass es die Universalität von Rev. Moons hermeneutischer Annäherung an die Bibel gestattet, dass er die Bedeutungen, Stärken und Schwächen der Hauptgrundsätze der östlichen Religionen beleuchtet. Und ich glaube auch, dass sich seine Bibelauslegung auf eine durchgehende Verwurzelung in einer Doktrin des Bundes mit Gott in Raum und Zeit gründet, die sich von allem, was in östlichen Religionen gefunden werden kann, grundlegend unterscheidet und die auch das Gewölbe für die Bibel bildet. Aber alle diese Fragen verdienen eine weitergehende Untersuchung, die sich für ein besseres Verständnis der Beziehung der Bibel zu anderen Religionen als hilfreich erweisen würde.

Versöhnung von Heilserwartung und Fortschrittsdenken: Erfüllung des krönenden dritten Segens

Vorhin erwähnte ich, dass Calvins Auslegung des Alten und des Neuen Testaments für historische und politische Prozesse geistige (eschatologische) Symbole benutzte. Er setzte das Reich Gottes mit der physischen Welt in Raum und Zeit gleich. Er glaubte, dass das Evangelium sowohl Vergebung als auch ein neues verändertes menschliches Leben beabsichtige. Calvin glaubte aber nicht, dass sich eine vollständige Wandlung der Menschheit in Raum und Zeit vollziehen könnte, noch glaubte er, dass Menschen das vollkommene Reich Gottes auf Erden errichten könnten. Während er die Notwendigkeit betonte, nach Vervollkommnung zu streben, betonte er auch, dass die Kraft der Sünde; bis zum Ende der Geschichte weiterbestehen wird. Auf diese Weise hielt ihn die Betonung der Unausrottbarkeit der Sünde davon ab, die Erreichbarkeit der Vollkommenheit zu erklären.

An diesem Punkt bieten die "Göttlichen Prinzipien" die Erreichbarkeit der Vollkommenheit an, indem sie betonen, dass die Sünde in der geschichtlichen Zeit überwunden werden kann. Sie nehmen so der protestantischen Voreingenommenheit, was "Vergebung" und "Rückschau" betrifft, den Wind aus den Segeln. Rev. Moon stellt vielmehr Archetypen der Erwartung, für die Johannes der Täufer ein typisches Beispiel ist, in den Mittelpunkt. Neuer Wein kann nicht in alte Schläuche gefüllt werden. Diejenigen, die sich im Zustand der eschatologischen Erwartung befinden, müssen also nicht nur auf den künftigen neuen Wein des Neuen Zeitaltersvorbereitet sein, sondern auch auf den neuen Leib, den das Neue Zeitalter mit sich bringen muss. Aber wie werden wir neu? Sollen wir wieder in den Mutterleib schlüpfen? Die Aussagen der "Göttlichen Prinzipien" scheinen darauf hinauszulaufen, dass wir uns auf die Neuartigkeit des Reiches Gottes vorbereiten können, indem wir die ursprünglich für Adam und Eva vorgesehenen Wachstumsstufen wiederholen. Gleichzeitig macht aber auch diese Doktrin der Wiederholung, die den Zweck hat, die Menschen in einen Zustand der eschatologischen Erwartung zu versetzen, Rev. Moon bereit und willens, "wissenschaftliche Begriffe" aus der modernen technologischen Welt zu benutzen. Sind diese wissenschaftlichen Begriffe die neuen Elemente in Rev. Moons Theologie? Wenn das so ist, ist dann die Beherrschung der Natur und der Menschheit durch die Wissenschaft ein ursprüngliches Ziel Gottes für den Menschen? Rev. Moon scheint das zu glauben. In seiner Interpretation des Gebotes Gottes an Adam "fruchtbar zu sein, sich zu mehren und sich die Erde untertan zu machen" erkennt Rev. Moon "drei Segnungen". Die erste ist die persönliche Beziehung zu Gott, die allein "fruchtbar" macht. Die zweite ist die Ehe ("mehret euch"), die wir schon erörtert haben. Die dritte und krönende Segnung ist, dass der Mensch über die gesamte Schöpfung herrschen soll. Das bedeutet, dass das geistige Leben des Menschen in der physischen Welt seine Erfüllung findet.

Rev. Moons Glaube, dass die Erfüllung des Menschens innerhalb der physischen Welt liegt, bedeutet, dass er Calvin in dem Punkt nicht zustimmen kann, wenn er sagt, dass die biblische Verheißung des Reiches Gottes letztlich jenseits der Geschichte liege. Calvin sah das Reich Gottes nur im Leben nach dem physischen Tod verwirklicht. Dagegen muss für Rev. Moon die Erfüllung in der physischen Welt stattfinden. Deshalb muss Vollkommenheit in dieser Welt eine verwirklichbare Möglichkeit sein. Rev. Moon ist in diesem Punkt ein echter Humanist. Er möchte nicht den Ausweg des "Himmels" benutzen, um die Wahrheit, dass Gott Sein Reich errichten wird, zu retten. Er glaubt, dass wenn die Bibelaussagen wahr sind, das Reich Gottes in dieser Welt errichtet werden muss. Das Problem ist: wie?

Wie wir schon vorhin bemerkt haben, hat dieses "wie" für Rev. Moon die Erkenntnis des Wertes der Wissenschaft als ein Mittel zur Gestaltung eines besseren Lebens zur Folge. (Natürlich ist eine Wendung zum Schlechten auch möglich, denn Satan arbeitet immer.) Hier steht also das metaphorische Verständnis der "Göttlichen Prinzipien" in bezug auf Wissenschaft und "Dritter Segen".

Religion und Wissenschaft

Ebenfalls bemerkenswert sind Rev. Moons internationale Wissenschaftskonferenzen, in denen namhafte Wissenschaftler aller Bereiche und Nationen zusammenkommen, um zu erörtern, wie die Wissenschaft "absoluten Werten", d. h. Gottes Ziel, die Welt in eine vollkommene Gesellschaft umzuwandeln, dienen kann. Diese Wissenschaftskonferenzen sind weder Werbetricks (wie einige Verleumder klar machen wollen) noch der Zuckerguss auf dem theologischen Kuchen. Sie sind der Ausdruck von Rev. Moons Überzeugung, dass eine echte Religion die geistigen und die physischen Bereiche, Religion und Wissenschaft miteinander vereinigen muss. Nur wenn Religion und Wissenschaft als Einheit zusammenarbeiten, können geistige Werte ihre physische Verkörperung finden und nur dann kann die Eschatologie Geschichte werden. Wenn das geschieht, ist das Reich Gottes politisch und physisch auf der Erde errichtet.

An diesem Punkt sollten wir zum Thema dieses Essays zurückkehren und erklären, warum diese Betrachtungen über die Wissenschaft den entscheidenden Schlüssel zu dem Bibelverständnis der "Göttlichen Prinzipien" liefern. Wir haben gesehen, dass die christliche Hermeneutik entweder die gleichnishafte, geistige Bedeutung der Heiligen Schrift (katholisch) oder deren wörtlichen Sinn betont (evangelisch). Der Gegensatz zwischen diesen beiden Traditionen hat zu einem Streit über die Bedeutung der Erlösung geführt. Die katholische Überlieferung, die die gleichnishafte Interpretation der Bibel betont, ordnet Erlösung in einen geistigen Rahmen ein. Die evangelische Tradition betont die wörtliche Interpretation der Bibel und ordnet Erlösung in einen geschichtlichen Rahmen ein. Der Versuch des Christentums, diese beiden Rahmen und Formen der Bedeutung durch geistige Glaubenssätze, die die Endzeit verkünden, zu vereinigen und aus ihnen Ideale und Ziele zu formen, deren Verwirklichung wir in der Zeit anstreben sollen, scheiterte, weil der Calvinismus keinen Weg fand, um die Menschen zu ändern. Die "Neugeburt" wurde zwar gepredigt, aber weder die puritanische moralische Kraftprotzerei, noch die pietistische Empfindsamkeit, noch die soziale Politisierung des Evangeliums konnten das Wesen des Menschen ändern. Die Kolonisten fanden keine geistigen Mittel, um die physische Welt zu ändern. Heute ist ihr Mut gesunken; sie treiben zwischen der Scylla des "Realismus" und der Charybdis der "Resignation".

Die "Göttlichen Prinzipien" lehren jedoch, dass es ein Mittel gibt, um die weltliche Gesinnung und die physische Welt zu "verändern"; aber es ist kein geistiges Mittel. Vielmehr ist es weltlicher Natur - nicht Theologie oder Evangelium, sondern Wissenschaft und Technologie. "Physisch" bedeutet (in diesem Zusammenhang) weltliche Zustände zu verändern. "Geistig" bedeutet, geistige Dinge zu verändern. Deshalb ist es notwendig, Wissenschaft dort anzuwenden, wo Wissenschaft zuständig ist, Religion dort anzuwenden, wo Religion zuständig ist, und dass beide auf eine Einheit hinarbeiten. Wenn dies erreicht ist und Wissenschaft und Religion in vollkommener Einheit zusammenarbeiten, dann kann eine vollkommene Welt errichtet werden.

Rev. Moons Auffassung einer "vollständigen" Bibelauslegung, die allen vier Erscheinungsformen der Interpretation (geistig, physisch, individuell und gemeinschaftlich) gleichen Wert beimisst, wird auf die Art und Weise, wie er die Bibel versteht und in der Form, wie er seine Mission in der Welt durchfuhrt, deutlich. Die Wissenschaftskonferenzen sind für seine Vision nicht weniger wichtig, als die Vereinigungskirche. Nur wenn Wissenschaft und Religion zusammen auf Gottes Ziel hinarbeiten, kann das Reich Gottes auf Erden demnach je errichtet werden.

 

04.08.2003