Hermeneutik
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Vorwort

Wer ist eigentlich Sun Myung Moon? Er ist der vielumstrittene Begründer einer ebenso umstrittenen Kirche. Und was ist eigentlich die Vereinigungskirche? Momentan ist es noch nicht möglich, diese Frage vollständig zu beantworten. Die Vereinigungskirche hat viele Gesichter:

Sie scheint eine Reformbewegung innerhalb der Christenheit zu sein, da sie danach strebt, die christlichen Kirchen zu einer Einheit wiederherzustellen.

Sie scheint eine Evangelisationsbewegung zu sein, weil sie sich bemüht, uns allen die Liebe Gottes bewusst zu machen und die Leidenschaft des Glaubens neu zu beleben.

Sie scheint eine Bewegung mit einem sozialen Evangelium zu sein, weil sie versucht, die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen umzugestalten.

Sie scheint eine theologische Bewegung zu sein, da sie eine einsichtsvolle und systematische theologische Position entwickelt.

Sie scheint eine geistige Bewegung zu sein, da sie danach trachtet eine Geistigkeit zu entfalten, die darauf beruht, ein auf Gott ausgerichtetes Herz herauszubilden und zuformen, das uns schließlich zur Vollkommenheit als Einzelperson und in der Familie führen wird.

Sie scheint eine kulturelle Bewegung zu sein, weil sie unser Verständnis über christliche Offenbarung zu erweitern sucht, indem sie sie aus orientalischer Sicht interpretiert.

Sie scheint eine biblische Bewegung zu sein, da sie glaubt, das wahre Zentrum der Bibel-Lehre entdeckt zu haben.

Obwohl all diese Elemente innerhalb der Vereinigungskirche vorhanden sind, ist es doch nicht klar, wie man diese Bewegung möglichst angemessen charakterisieren könnte.

Augenblicklich können wir am besten durch Analogie weiterkommen. Bedenken Sie beispielsweise, was geschehen würde, wenn man einfach zwei dieser Elemente, nämlich die reformerischen und biblischen Elemente zusammenstellte. Seit der Protestantischen Reformation des 16. Jahrhunderts verstehen wir etwas von der potentiellen Bedeutung einer Bewegung, die selbst auf neuen Lehren basiert, die ihre Wurzeln in der Entdeckung von vorausgehenden unerwarteten Deutungen biblischer Texte haben. Die protestantischen Interpretationen der Bibel und ihre konsequenten Theologien führten nicht nur zu einer Kirchenreform, sondern auch zu der Entstehung neuer christlicher Traditionen.

Die Protestantische Reformation ist - wie wir glauben -, eine fruchtbare historische Analogie, um die Bewegung der Vereinigungskirche zu verstehen. Wie Martin Luther so offeriert auch Rev. Moon eine neue Lehre. Und wie bei Luther besteht ihre Neuheit teilweise in der Entdeckung von bis vor kurzem noch unerwarteten Deutungen gewisser Bibelstellen. Anfangs mögen; Rev. Moons Interpretationen verwirrend erscheinen. Nichtsdestoweniger offenbaren sie, wenn man sie genauer untersucht, eine umfassende Theologie, Soziologie und Praxis, die vielleicht eine neue christliche Tradition hervorbringen können. Sie werden wahrscheinlich auch einen reformerischen Einfluss auf die älteren Kirchen haben. Mehr als wahrscheinlich wird es dann "vereinheitlichte" Protestanten und Katholiken geben, so wie es heute auch vom Protestantismus beeinflusste Katholiken und vom Katholizismus beeinflusste Protestanten gibt:

 Wie Luther kommt Rev. Moon aus dem Randgebiet des Christentums. Rev. Moon wurde von presbyterianischen Missionaren bekehrt. Er hat trotzdem versucht, unser Verständnis christlicher Offenbarung zu bereichern und auszuweiten, indem er sie mit der Denkweise eines Orientalen interpretierte. Diese neue Stimme stößt viele in den etablierten Zentren der Christenheit vor den Kopf, - so wie es auch Luthers Stimme in seiner Zeit tat -, weil sie nicht immer in der gewohnten Sprache spricht, noch ihre Theologie und Praxis im Rahmen der gewohnten Konventionen ausdrückt.

Im Gegensatz zu Luther, dessen biblische Entdeckungen entlang der Achse von Gott - Mensch als Individuum - Kirche - Welt verlaufen, verlaufen Rev. Moons Interpretationen der Schrift entlang der Achse von Gott - Schöpfung - Menschheit als Familie - Welt. Wenn man die Vereinigungskirche in Relation zu früheren Bewegungen innerhalb der Christenheit sieht, kommt sie in eine klarere und differenziertere Perspektive.

Die Bewegung verbreitet ihre Ideen selbst. Im Gegensatz zum allgemeinen Eindruck, findet diese Verbreitung weniger durch aktive "Moonie-Evangelisation" statt, als durch sachliches ruhiges Lehren und Diskutieren unter Geschäftsleuten, Politikern, Professoren und der Geistlichkeit. Man mag sich dann erinnern, dass zur Zeit der Protestantischen Reformation es oft humanistische Gelehrte und politische Führer waren, die die Saat des neuen Glaubens weitertrugen. Diese Männer lasen, dachten nach und schrieben dann. Einige trafen schließlich Entscheidungen, die sie in den neuen Glauben führten. Andere taten dies nicht.

In der gleichen Weise wird nun über die Vereinigungskirche gelesen und nachgedacht und letzten Endes werden Entscheidungen erwogen werden. Unglücklicherweise haben sich die Unbesonnenen schon in Aktion gestürzt. Der nationale Rat der Kirchen Christi in den USA hat einen frühzeitigen Kirchenbann verhängt, welcher auf einer kurzen Studie eines Theologen basiert, der sich vorher noch nicht einmal mit einem einzigen Mitglied der Vereinigungskirche getroffen hatte. Aber auch Luther wurde in der gleichen überstürzten Weise von vielen als Häretiker verdammt.

Kirchenbürokraten sind keine Gelehrten. Gelehrte arbeiten langsamer. Nach Luthers Verdammung begannen besonnene Menschen zu fragen, weshalb er bloß verdammt worden sei? Was waren die Argumente auf beiden Seiten? Was waren die unausgesprochenen ökonomischen und politischen Interessen? Wie war die Sachlage in Wirklichkeit? Letztlich entschieden die besser informierten Geister und erwirkten eine Änderung. Das gleiche wird mit Sun Myung Moon geschehen.

 Diese Behauptung kann nicht nur aus einem religiösen Glauben heraus gemacht werden, sondern aufgrund der Kenntnis, die wir als Historiker, Soziologen und Theologen besitzen, dass dies nämlich das Muster ist, nach dem Ereignisse ihren Lauf genommen haben und nach dem sie sich noch immer bewegen. Es sind viele schlechte Reportagen in der Presse erschienen, doch sollten wir unser Urteil nicht auf solche Berichte stützen. Sie sind typische Beispiele sensationsorientierter Berichterstattung der Zeitungen: Beschuldigungen psychologischer Gehirnwäsche - finanzielle Ausbeutung - machthungrige religiöse Führer. Solche "marktgerechten" Informationen werden von der Presse über jede neuaufkommende religiöse Gruppe an die Öffentlichkeit weitergegeben, genauso wie über die vielen, die schon seit längerer Zeit bekannt sind.

Wissenschaftlern ist bewusst, dass es tiefere Gründe für religiöse Bewegungen gibt; Gründe, die soziologischer, philosophischer, historischer, politischer und spiritueller Natur sind. Solange wir sie nicht verstehen, erfassen wir nicht das Wesen religiöser Bewegungen. Unvermeidlich hinterlässt die sensationsorientierte Presse Menschen, die mehr denn je verwirrt sind. Der Vorwurf, dass Rev. Moon so viele intelligente Menschen verführe, wird sofort ad absurdum geführt, denn: wie könnten sie verführt werden, wenn sie wirklich so klug sind? Etwas stimmt hier nicht. Ein stutzendes Argument, das die Unlogik der ursprünglichen Behauptung verschleiern will, ist: "Moonies sind gehirngewaschen". Doch wenn diese Beschuldigung von Psychologen, Soziologen, Rechtsanwälten und Gerichtshöfen untersucht wird, kann sie nicht aufrechterhalten werden. Sie fällt in sich zusammen, denn denjenigen, die diese Anklage erheben, können sich untereinander nicht einigen, wer durch wen gehirngewaschen worden ist. Die religiösen Gegner haben Baptisten, Katholiken, Episkopale, Vegetarier und Sozialisten (genauso wie "Moonies") aufgespart, um sie zu deprogrammieren.

 Gerade wegen der heutigen großen Verwirrung ist es für Wissenschaftler notwendig, sich zu Wort zu melden. Wenn durch die Medien Menschenmassen zu Hysterie und Hass getrieben werden, ist es für Wissenschaftler dringend erforderlich zu sagen: "Sollten wir nicht die vielen Faktoren und tieferen Gründe hinter dieser Bewegung analysieren, bevor wir mit ihr ins Gericht gehen?" Nur dann wird sich die Aufregung allmählich glätten, und die Leute werden erkennen, dass sie etwas fürchteten und hassten, was sie in Wirklichkeit gar nicht kannten. Dann wird die Zeit der Besinnung anbrechen.

 

M. Darrol Bryant und Herbert W Richardson

 

04.08.2003