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Dr. Young Oon Kim
VEREINIGUNGSTHEOLOGIE
Eine Annäherung
VI. CHRISTOLOGIE
PERSON UND WERK JESU
Die Christologie befaßt sich mit der Bedeutung der Person Jesu und mit der
Bedeutung seines Tuns. Daher unterscheiden wir zwei Teile. Der eine legt dar,
wer Jesus war. Der andere erklärt, was Jesus für die Menschheit getan hat.
Deutungen der wirklichen Natur und der Autorität Jesu gibt es, seit er von
Petrus als Messias begrüßt wurde: sie erreichten in den trinitarischen und
christologischen Dogmen der ökumenischen Konzilien von Nizäa (325 n.Chr.) und
Chalkedon (451 n. Chr.) ihren Höhepunkt. Fast ebenso wichtig, doch niemals so
offiziell verbreitet wurden die Lehren über die sühnenden und rechtfertigenden
Wirkungen von Jesu Wirken. Nach der gängigen Sicht ist Jesus Christus sowohl
Gott wie Erlöser.
Zu dieser traditionellen Christologie bekennen sich die meisten östlichen
Orthodoxen, die konservativen römischen Katholiken und evangelikalen
Protestanten. In ihrer Sicht griff Gott der Vater auf neue und endgültige Weise
in die Geschichte ein, um Seine Gemeinschaft mit der sündigen Menschheit
wiederherzustellen. Gott sandte Seinen Sohn, bekleidete ihn mit unserem Fleisch,
um die Menschheit zu einer Gemeinschaft der geschwisterlichen Liebe zu
gestalten. Was war also die Sendung Christi? Sein Werk war zweifach: Die
Menschen Satan zu entreißen, indem er sie vom sündigen Bereich der Dunkelheit
befreit, und die Welt mit Gott zu versöhnen.
Im Anfang hatte Gott alles durch Christus erschaffen. Gott ernannte Christus
auch zum Erben aller Dinge, so daß Sein Sohn die ganze Schöpfung
wiederherstellen könne. Daher sandte Gott Jesus als Mittler zwischen Sich selbst
und dem gefallenen Menschen in die Welt. Da Christus Gott ist, wohnt nach
traditionalistischer Auffassung die Fülle der Gottheit in ihm. Doch weil er auch
die menschliche Natur besitzt, ist er der neue Adam, das Haupt einer erneuerten
Menschheit. So inkarnierte sich der Sohn Gottes, um die Menschen zu Teilhabern
der göttlichen Natur zu machen. Er kam als niedriger Knecht unter die Menschen
und gab sein Leben als Lösegeld für die Sünden der ganzen Menschheit.1 Die
Göttlichen Prinzipien (1972)
Seit 1900 wurde jeder Aspekt solcher traditioneller Christologie von
Theologen und Bibelkritikern in Frage gestellt. Völlige Einhelligkeit der
verschiedenen Konfessionen hinsichtlich der Person und des Werkes Christi hat
zwar niemals bestanden; doch diese unterschiedlichen Meinungen sind in letzter
Zeit allgemein bekannt geworden. Man sollte deshalb anerkennen, daß die moderne
Christenheit eine Vielfalt von Meinungen umfaßt, von denen keine ganz die
theologische Szene beherrscht. In der Christologie ist heute wie vielleicht
niemals zuvor alles im Fluß. Klerus wie Laien suchen bessere Antworten auf die
uralte Frage, die Jesus stellte: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?"
Wir wollen zuerst einige wenige der besonders einflußreichen Christologien
des zwanzigsten Jahrhunderts betrachten. Barth betont, daß Jesus der Sieger über
Sünde und Tod sei. Die Versöhnung des Menschen mit Gott hat bereits
stattgefunden. Wegen des hingebungsvollen Lebens und Todes Jesu Christi hat Gott
wirksam, ganz und objektiv die Menschheit zu Sich selbst hin wiederhergestellt.
Diese Bekehrung des Menschen zu Gott, die von Jesus Christus bewirkt wurde, kam
gänzlich von außen. Die Menschen hatten da keinen Einfluß. Durch Christus
befreite und erlöste Gott den Menschen ein für allemal. So ist der lebendige
Jesus Christus der Kreis, der alle Menschen und jeden einzelnen in Urteil und
Gnade Gottes einschließt.2
Doch wenn die Wiederversöhnung schon stattgefunden hat, worin besteht dann
noch die Rolle des Menschen? Der Mensch hatte keine Rolle in Gottes
Wiederversöhnungsakt. Barth behauptet, daß Gott allein aus Eigenem handelte.
Gott hat bereits die Tafel für alle Menschen gedeckt und lädt uns ein zu dem
Festmahl, das Er vorbereitet hat. Alles, was die Menschen zu tun haben, ist,
diese Tatsache zu erkennen und sich zum Fest niederzulassen. Wiederversöhnung
ist dann nicht wirklich von einer Änderung unserer Haltung auf unserer Seite
oder unserem Glauben oder unserem gerechten Leben abhängig. Gott hat bereits aus
eigener Initiative die menschliche Situation verändert. Christus ist bereits für
alle Menschen gestorben, so daß alle frei sind von Schuld. Sünde und Tod.
Da Christus die Menschheit repräsentiert und sein sühnendes Handeln für alle
gilt, verneint Barth die calvinistische Lehre von der doppelten Prädestination.
Gott hat keinen zu ewiger Verdammnis vorherbestimmt. Anders zu denken heißt,
Gottes Freiheit einzuschränken, indem man Sein Handeln vom Verhalten des
Menschen abhängig macht. Doch widerspricht Barth auch der gewöhnlichen Lehre von
der allgemeinen Wiederherstellung. Gott muß nicht die ganze Menschheit retten,
denn auch das würde Seinen freien Willen einschränken. Dennoch tendiert Barth
zur allgemeinen Wiederherstellungslehre, weil er betont, daß Gottes Liebe alle
Menschen erreicht, und daß die göttliche Gnade alle Hindernisse überwinden wird.
In Barths Worten: Der Strom der Gnade Gottes ist zu mächtig und der Damm, den
wir ihr entgegensetzen, ist zu schwach, als daß wir etwas anderes als den
Zusammenbruch des Dammes und das Überfluten des mächtigen Wassers erwarten
könnten.3
Wenn Christus wirklich bereits Gott und Mensch versöhnt hat. wie kann man das
gegenwärtige Übel erklären? Für Barth hat das Böse keinen positiven
ontologischen Status. Böses ist lediglich Chaos oder das Nichtige. In Jesus
Christus ist das Böse überwunden und durch den positiven Willen von Gottes
überströmender Herrlichkeit zerstört. Gott hat das Böse im Lichte des Kreuzes
entmachtet. Wir mögen denken, daß das Böse existiert, doch dies ist eine
Illusion der Menschen, deren Augen noch nicht für den Triumph Christi geöffnet
sind. Wenn jemand Glauben hat, so erkennt er, daß Gott in Christus alles Böse
entwurzelt hat.
Für Barth ist das einzige, was zu tun ist, bereits völlig durch Christus
vollbracht worden. Was Christen daher zu tun haben, ist einfach diese Tatsache
zu verkünden. Nichts anderes ist erfordert, da Christus bereits gesiegt hat. Die
Menschen sind einfachhin eingeladen, zu sehen, was geschehen ist, und dankbar au
sein für Gottes siegreiche Liebe.
Reinhold Niebuhrs Christologie wächst aus seinem „prophetischem Realismus"
heraus.4 Für ihn gestaltete Jesus den vorherrschenden messianischen Glauben
seiner Zeit um. Die alttestamentliche Vorstellung vom Messias enthält drei
Elemente: l. Einen egoistischen Glauben an einen künftigen Triumph der
hebräischen Nation; 2. Den Glauben an einen universalen Sieg des Guten über die
bösen Kräfte in der Geschichte; 3. Ein überethisches prophetisches Verständnis
der Geschichte. Die hebräischen Propheten wie Amos und Deutero-Jesaja gingen
weit über die gewöhnliche nationalistische und rassistische Form des
Messianismus hinaus. Herrlichkeit und Segen des messianischen Zeitalters würden
nicht nur für die Juden sein. Dennoch erwarteten diese Propheten im allgemeinen,
daß das Reich Gottes irdische Macht mit Güte verbinden würde. Gleichzeitig waren
sich die hebräischen Propheten bewußt, daß alle Nationen gegen Gott rebellieren,
und daß die Geschichte dem göttlichen Gesetz zuwider ist. Wie kann dann Gott die
Geschichte für ihre Sünden richten und sie doch gleichzeitig erlösen?
Nach Niebuhr hat Jesus den hebräischen Legalismus und den messianischen
Nationalismus abgelehnt. Dann habe er die Bedeutung der Geschichte tiefgreifend
durch die Aussage neu gedeutet, daß der Messias leiden müsse.5 Durch die
Verbindung der Messiasidee mit der des leidenden Gottesknechtes gab Jesus eine
so schockierende Geschichtsdeutung, daß er abgelehnt wurde. Seine Zeitgenossen
erwarteten, daß der Messias über alles Böse triumphieren und all die
schmerzvollen Widersprüche des Lebens zwischen Ideal und Wirklichkeit lösen
würde. Jesus verneinte diese Hoffnung.
Wenn der Messias in die Geschichte eintritt, muß er leiden. Reine Liebe muß
stets leidende Liebe sein, weil das Leben des Menschen immer der Kontingenz, der
Notwendigkeit, dem Stolz und der Korruption unterworfen ist. Die Geschichte
widerspricht unvermeidlicherweise unseren Idealen, wie wir am Kreuzestod Christi
erkennen.
Niebuhr war sich der Zweideutigkeiten und der Ironie der Geschichte deutlich
bewußt. Wann immer die Menschen sagen, sie hätten das Ideal verwirklicht, lügen
sie oder spielen sich auf. Jede Kultur trägt den Samen zu ihrem eigenen
Untergang in sich. Die geschichtlichen Menschen sind alle Sünder, weil es keinen
Weg gibt, die Selbstzentriertheit und den Stolz zu vermeiden. Es ist unmöglich,
Utopia in die Wirklichkeit umzusetzen.
Die Evangelien sagen, daß das Reich Gottes gegenwärtig und doch zukünftig
sei. Wie ist es gegenwärtig? Der biblische Glaube erkennt den Wert dieser Welt
an. Er nötigt uns nicht, aus der Geschichte zu fliehen. In diesem Sinn ist also
die Herrschaft Gottes schon in gewissem Ausmaß hier. Gleichzeitig bleibt das
Reich in der Zukunft. Die Geschichte kann niemals vollkommen sein. Wegen der
Endlichkeit und Sünde können wir das Ideal nicht verwirklichen.
Die Vollendung der Geschichte liegt jenseits des zeitlichen Prozesses. Es
wird niemals ein messianisches tausendjähriges Reich in der Geschichte geben.
Christen bejahen die letzte Souveränität Gottes und die letztendliche
Überlegenheit der Liebe, doch sie täuschen sich nicht selbst durch den Gedanken,
daß diese innerhalb der endlichen, zeitlichen Bedingungen Platz finden könnten.
Emil Brunners Lehre von Christus stellt einen typischen modernen Ausdruck der
Reformationstheologie dar.6 Für ihn ist der Glaube an Christus das Zentrum des
Christseins, die Fundierung aller anderen Lehren. Wie andere kritische Theologen
kritisiert Brunner das liberale protestantische Jesusbild. Der Liberalismus ist
inadäquat, weil er von Jesus lediglich als einem großen Lehrer oder religiösen
Genius denkt. Diese Vorstellung verkennt den fundamentalen Anspruch des Neuen
Testamentes, daß Jesus der Christus sei, eine völlig einzigartige Person und
nicht einfach eine unter vielen hervorragenden religiösen Persönlichkeiten der
Geschichte.7
Brunner lehnt auch den Fundamentalismus ab. Die Fundamentalisten glauben,
Jesus sei der Sohn Gottes, weil dies in der Bibel steht. Mit anderen Worten, sie
leiten ihren Glauben von der Autorität der Bibel her. Das bedeutet, daß sie
stillschweigend den Glauben an die Schrift an die Stelle des Glaubens an Jesus
setzen. Tatsächlich ist ihre Religion eher die eines Buches als ein Vertrauen in
Jesus. Fundamentalisten erheben die Bibel zu einer Stellung, die höher ist als
die Jesu.
Wie Calvin befaßt Brunner sich zuerst mit dem rettenden Werk Christi, dann
mit seiner Person. Die Messianität Jesu soll funktional verstanden werden. Wenn
Jesus wirklich der Christus war, dann mehr aufgrund dessen, was er tat, als
aufgrund dessen, was er war. Die neutestamentlichen Titel für Jesus beschreiben,
welches Werk Gott durch ihn zum Segen der Menschheit wirkt. Er ist der Christus,
weil er die Menschen aus dem gegenwärtigen Zeitalter herausführt und Gottes
Herrschaft über die Erde einleitet. Er ist nicht metaphysisch Gottes Sohn,
sondern weil Gott Seine Autorität Jesus übergibt. Ähnlich ist er der Herr, weil
ihm das Recht verliehen ward, über die Kirche zu regieren. Alle
neutestamentlichen Titel sind funktional anstatt „wirklich“ (ontologisch).
Wie Calvin aufgezeigt hat, bedeutet das Messias-Sein Jesu, daß er das
dreifache Amt des Propheten, Priesters und Königs innehat. Christus war ein
Prophet aufgrund seiner Lehre. Seine ganze Lehre setzt messianische Autorität
voraus. So konnte er zum Beispiel das geoffenbarte Gesetz des Moses korrigieren
oder aufheben, weil seine Messias-Autorität über die der Thora hinausgeht. Jesu
Botschaft ist jedoch nicht doktrinär. Jesus verkündet zwei Dinge: einen neuen
Ruf nach Gerechtigkeit und das Geschenk des kommenden Reiches Gottes. Das
verdeutlicht seine prophetische Funktion.
Obwohl Jesus im „technischen“ Sinne ein Laie war, führte er eine
priesterliche Rolle aus. Als Priester sühnt Jesus für die Sünden der Menschheit.
Das vierte Evangelium beschreibt ihn als das Lamm Gottes, das die Sünden der
Welt hinwegnimmt (1,29), und der Hebräerbrief nennt ihn unseren Hohenpriester
(3,1f). Doch nach Brunner war das sühnende Werk Christi nicht auf seinen
Kreuzestod begrenzt. Jesu ganzes Leben war ein Akt der priesterlichen
Lossprechung und Wiederversöhnung. Sein ganzes Leben offenbart den gnädigen
Gott, der Seine Arme zu Seinen verlorenen Geschöpfen ausstreckt. Jesus erfüllte
das Gesetz aktiv durch seine freigebige Liebe - eine rettende Liebe.8
Die traditionelle Lehre von der Sühne deutet die erlösende Wirkung des
Kreuzes. Nach Brunner offenbart das Kreuz an erster Stelle Gottes unbedingte
Liebe. Er liebt uns trotz unserer Sünden und unserer rebellischen Natur. So
nimmt Gott bereitwillig die Schuld des Menschen auf Sich. Zweitens offenbart das
Kreuz, daß Gott ebenso sehr gerecht wie liebend ist. Wegen seiner Sündhaftigkeit
sollte der Mensch als Verbrecher hingerichtet werden, doch Christus leidet an
seiner Stelle. Jesus stirbt freiwillig für uns, als Lösegeld für die Sünden
vieler. Drittens enthüllt das Kreuz unsere aktuelle Situation, unser Bedürfnis
nach Gerechtwerdung. Wir bedürfen der Rettung. Daher stellt Gott den Menschen
wieder in seine ursprüngliche Stellung als Ziel der Schöpfung. Wie Brunner
ausführt, gibt es sowohl objektive wie subjektive Aspekte der Sühne. Subjektiv
hat das Kreuz eine tiefe Wirkung auf die Menschen. Objektiv hat es eine Wirkung
auf Gott, indem es tatsächlich Seine Beziehung zu uns ändert.
Neben seinem Prophetsein und Priestertum hat Jesus, der Messias, ein
königliches Amt. Jesus verkündet das kommende Reich Gottes. Er besiegt die
gottfeindlichen Mächte. Fortan regiert Christus durch Liebe und den freien
Gehorsam derer, die ihm vertrauen. Doch Christus ist nur potentiell der
göttliche Herrscher über alle Menschen. Seine wahre Herrschaft wird erst am Ende
der Geschichte voll aufgerichtet sein.
Nach diesem Blick auf Brunners Verständnis von Christi Werk können wir nun
die Auswertung für Jesu Person betrachten. Brunner beginnt mit dem Menschen
Jesus. Durch die Begegnung mit dem Menschen können wir zur Erkenntnis Gottes
kommen. Jesus teilte unser gewöhnliches Menschsein. Er war ebenso kreativ wie
wir. Er war allen natürlichen Wachstumsgesetzen unterworfen. Er litt an den
gewöhnlichen menschlichen Begrenzungen. So wurde er zum Beispiel versucht,
obwohl das Neue Testament nirgendwo sagt, daß er einer Versuchung erlegen wäre.
Sein Wissen war begrenzt. Er konnte nicht die Zukunft voraussehen, zum Beispiel
das Datum des Anbruchs des Gottesreiches.9
Und doch war Jesus nicht einfach ein Mensch wie wir. Sein Leben war gänzlich
eins mit Gottes Willen. Er personifizierte den Willen Gottes. Er war
personifizierte göttliche Liebe. Die Sünde spielte keine Rolle in seinem Leben.
Und was das Wichtigste ist: Er war einmalig, weil er messianische Autorität
beanspruchen konnte. Brunner leugnet die jungfräuliche Geburt Jesu. Diese
Vorstellung war nicht Teil der ursprünglichen christlichen Botschaft. Daher
nennt er sie einen „Fremdkörper“ im Neuen Testament.10
Jesus ist Gott-Mensch weil er: l. wahrhaft Gott offenbart; 2. uns mit Gott
versöhnt und 3. uns zu vertrauensvollen Dienern Gottes macht. Aus diesen Gründen
wohnte Gott in Christus. Nach Brunner: Wenn Jesus der Erlöser in Person war,
dann mußte er Gott sein. So ist Jesus derjenige, in dem Gott uns antrifft -
personal, nicht apersonal.
Brunner leugnet die physische Auferstehung und die körperliche Himmelfahrt
Jesu.11 Diese Dogmen seien nicht wesentlicher Teil des Osterglaubens. Worauf es
für die ersten Jünger am meisten ankam, war nicht das leere Grab, sondern die
Begegnung mit dem auferstandenen Jesus als einer geistigen Realität. Für Brunner
bedeutet Auferstehung des Fleisches die Fortsetzung der individuellen
Personalität nach dem Tode. Wenn die Christen von der Erhöhung Christi sprechen,
verwenden sie ein Gleichnis, welches bedeutet, daß Christus von Gott eingesetzt
ist, um die Herrschaft über die Menschheit auszuüben.
Brunner verurteilt die „Zwei-Naturen-Lehre“ von Nizäa und Chalkedon als zu
abstrakt. Alle Spekulation, auf welche Weise die Inkarnation zustande kam, oder
wie der historische Jesus „wahrer Mensch und wahrer Gott“ sei, ist fruchtlos.
Wenn wir philosophisch zu erklären versuchen, wie Jesus Christus sowohl Gott wie
Mensch sei, enden wir in den logischen Widersprüchen des Nestorianismus oder des
Monophysitismus. Die Einheit der Person Jesu ist ein Geheimnis jenseits
intellektueller Formulierung. Daher bekräftigt Brunner „das
unausdenkliche,
unvorstellbare Wunder" der Inkarnation12 als ein übernatürliches Ereignis, daß
allein im Glauben angenommen werden müsse.
CHRISTOLOGIE HEUTE
Die Vereinigungskirche stimmt neueren Auffassungen in der Christologie zu,
daß Jesus Mensch war, ebenso aber in gewisser Form göttlich. D.M. Baillie
stellte fest, daß die Suche nach dem historischen Jesus die Theologie heute
nötigt, die volle Menschlichkeit Jesu Christi ernster zu nehmen als jemals
zuvor. In der Vergangenheit nahmen die Gläubigen nicht recht wahr, daß Christus
mit ihnen „wesensgleich“ war. Sie hätten nicht zugegeben, daß menschliches
Wachstum, Unwissenheit, Wandelbarkeit, Kampf und Versuchung Züge des Lebens Jesu
gewesen sind. Doch heute, sagt Baillie, ist der Glaube an Jesu volle
Menschlichkeit zu sich selbst gekommen.13
Das volle Menschsein Jesu wird sowohl von Katholiken wie von Protestanten
bekräftigt. Der katholische Exeget R.E. Brown schrieb, viele Christen hegten die
Vorstellung, daß Jesus in Galiläa mit einem Heiligenschein über seinem Haupt
umherwandelte. Sie gehen am Bild der Evangelien von Jesus vorbei: eine Person,
die manchmal müde oder ärgerlich und auch mit Versuchungen zu kämpfen hat, und
jemand, der von dem religiösen und politischen Establishment seiner Zeit als ein
fanatischer Pöbelaufwiegler behandelt wurde.14
Nennt das Neue Testament Jesus nicht Gott? Es gibt keine einfache Antwort auf
diese Frage. Wiederholt macht Jesus bei den Synoptikern eine klare
Unterscheidung zwischen Gott und sich selbst. Als Jesus zum Beispiel im Garten
oder am Kreuz betet, spricht er offensichtlich nicht zu sich selbst. Die
Paulinischen Briefe und Pastoralbriefe unterscheiden zwischen dem einen Gott.
dem Vater, und dem einen Herrn Jesus Christus (l Kor 8,6) oder dem einen Gott
und dem einen Mittler, dem Menschen Christus Jesus (1 Tim 2,5).
Sogar im Johannesevangelium erklärt Christus, daß der Vater größer sei als er
selbst (Joh 14,28). Die Exegeten schließen daher im allgemeinen, daß die
frühesten Schichten des Neuen Testamentes nicht von Jesus als Gott sprechen.
Doch drei Passagen gebrauchen ausdrücklich das Wort „Gott“ (theos), um Jesus
zu bezeichnen (Hebr l,8f;Joh 1,1:20,28), und es gibt einige Texte, wo der
Gebrauch des Ausdrucks „Gott“ für Jesus möglich, doch nicht sicher ist
(Tit
2,13; l Joh 5,20; Rom 9,5 und 2 Petr 1,1), Mit anderen Worten, Jesus wird in
unseren ältesten Quellen niemals „Gott“ genannt, doch es wird im Laufe der Jahre
in zunehmendem Maße üblich, ihm Gottheit zuzuschreiben.15
In der römischen Welt des späten ersten Jahrhunderts war es nicht
ungewöhnlich, Göttlichkeit einem außergewöhnlichen Menschen zuzuschreiben.
Kaiser wie Augustus wurden „göttlicher Retter“ oder „Herr und Gott“ genannt.
Ferner glaubten Juden ebenso wie heidnische Polytheisten, daß es außer Gott dem
Schöpfer noch viele übernatürliche Wesen gab. Daher war es für zu Christen
gewordene Heiden leicht, den Menschen Jesus in einen Gott zu verwandeln, dem
Anbetung gebühre. Diese Vergöttlichung Jesu war in der Mitte des zweiten
Jahrhunderts weitverbreitet.16
Die jüdische Theologie hat niemals daran geglaubt, daß der Messias ein
inkarnierter Jahwe sein könnte.17 In den meisten Fällen erwarteten die Juden ein
menschliches Wesen, das Träger der messianischen Funktion sein sollte. Der
Messias werde ein Nachkomme von König David sein oder ein Priester oder ein
militärischer Held, der das Gelobte Land befreit. Trotzdem kann im jüdischen
Messianismus der Gesalbte gelegentlich als ein übernatürliches Wesen gedacht
werden: ein endzeitlicher Menschensohn oder ein engelhafter Befreier. Doch
selbst in diesen Fällen wurde eine klare Unterscheidung zwischen Gott selbst und
der für Ihn handelnden Erlöserfigur, dem Messias, gemacht.
Wenn Jesus Mensch ist, inwiefern ist er dann einzigartig? Er war
außerordentlich, weil Gott ihn zum Messias salbte. Dies war das älteste
Glaubensbekenntnis der Christenheit. Doch für Juden und jüdische Christen war
die Messianität eher eine funktionale als eine ontologische Rolle. Lediglich die
Berufung des Messias war sehr speziell: Gott salbte ihn, um die göttliche
Abstammung des Menschen wiederherzustellen und das himmlische Königtum auf die
Erde zu bringen.
Später, unter Heidenchristen, wurde der messianische Titel bedeutungslos,
oder er übermittelte eine gefährlich mißverständliche Botschaft. Jene waren
einfach nicht an einem davidischen Messias interessiert und wünschten nicht, in
eine messianische Bewegung verwickelt zu werden, die Judäa von römischer
Herrschaft befreien sollte. Folglich wurde Jesus in den heidenchristlichen
Kirchen sehr früh als Sohn Gottes bezeichnet.
Jesus war „sündenlos“, nicht weil er von Natur anders als die anderen
Menschen war, sondern weil er niemals von dem gottgewollten Weg abwich. Was
immer er also an Einmaligkeit besaß, war letztlich abgeleitet von dem, was Gott
durch ihn zu tun versuchte. Die Vereinigungskirche stimmt mit den Bibelexegeten
überein, die verneinen, daß Jesus von sich selbst als „dem messianischen
Leidensknecht“ dachte. Die Christen interpretierten die jüdische eschatologische
Hoffnung neu, nachdem ihr Messias Jesus hingerichtet worden war, Jesaja 53 und
Psalm 22 wurden zu alttestamentlichen Beweistexten, die zeigen sollten, daß Jesu
Tod die Prophezeiungen erfüllte.
Glaubten die Menschen der apostolischen Zeit, daß Jesu Tod am Kreuz die
totale Rettung des Menschen brächte? Keineswegs! Die frühesten
neutestamentlichen Zeugen erklären, daß das Kreuz nur ein Vorspiel zur
machtvollen Ankunft des messianischen Zeitalters sei. Das apostolische
Christentum ist keine Religion des gekreuzigten Jesus, sondern die Verkündigung
des kommenden Reiches Gottes.
Warum übte Jesus Christus einen derart mächtigen Einfluß auf die Geschichte
aus? Weil, wie eine frühchristliche Hymne es aus drückt, Jesus der neue Adam
war, der nach Gottes Bild geschaffen war. Doch anders als sein Vorgänger
erniedrigte der zweite Adam sich selbst und wurde Gottes gehorsamer Diener, bis
hin zum Tod am Kreuz (Phil 2,5-11). Vom Anfang bis zum Ende hat sich Jesus dem
kommenden Reich Gottes gewidmet.
Die Vereinigungstheologie steht den neuen Theologen sehr nahe, außer in einem
Punkt. Doch dieser Unterschied leitet sich von der paulinischen Vorstellung des
zweiten Adam her. Adam sollte sich selbst vervollkommnen, indem er Geist und
Körper in volle harmonische Einheit mit Gottes Herz brachte, um so das Ideal der
Schöpfung zu verkörpern. Paulus nennt solch eine Person einen Tempel Gottes (1
Kor 3,16). Die Väter der orthodoxen Kirche des Ostens wie Athanasius, Gregor von
Nyssa und Cyril von Alexandrien bezeichnen solch einen Vollkommenheitszustand
als Vergöttlichung. Sie lehren, daß das Göttliche menschlich wurde, damit das
Menschliche göttlich werde. Protestantische Theologen wie Ritschl vertreten die
Ansicht, daß Jesus aufgrund seiner Messianität den Wert Gottes für diejenigen
besaß, die ihm folgten. Ähnlich lehren die „Göttlichen Prinzipien": „Der Mensch,
der das Ziel der Schöpfung erreichte, würde den göttlichen Wert Gottes
annehmen.“18
Gottes ursprüngliches Ziel mit dem Menschen war die Verleihung der drei
Segen: Seid fruchtbar, mehret euch und übt Hoheit über die Schöpfung aus (Gen
1,28). Nach Erlangung individueller Vollkommenheit (Fruchtbarkeit), sollte Adam
mit Gottes Segen Eva heiraten und Nachkommen hervorbringen (sich mehren) womit
er eine fundamentale Vier-Positionen-Grundlage auf der Familienebene geschaffen
hätte. Auf dieser Grundlage hätten Adam und Eva den dritten Segen empfangen
(Hoheit ausüben). Herr der ganzen Schöpfung und wahre Eltern der Menschheit
werden können. Als der zweite Adam sollte Jesus diese Aufgabe erfüllen. Der
Messias muß eine neue Familie Gottes ins Leben rufen. Wegen Adams Fall mußte
Jesus Satan besiegen, indem er die Wurzel der ursprünglichen Sünde ausmerzte,
bevor er die zweite Segnung empfangen konnte. Doch Umstände, die er nicht
beeinflussen konnte, machten es ihm unmöglich, seine Sendung zu vollenden.
Worauf die Juden immer hinwiesen: das messianische Zeitalter kam nie. Oder, wie
konservative Protestanten glauben: das Reich Gottes wird kommen, wenn die
Wiederkunft stattfindet. Doch durch sein Wirken und seine Auferstehung legte
Jesus eine geistige Grundlage für das fortgesetzte Werk Gottes durch die
christliche Kirche.
EINIGE ZUSÄTZLICHE FRAGEN
Seine messianische Berufung
Wann erwählte Gott Jesus von Nazareth zum Messias? Die neustestamentlichen
Autoren beantworten diese Frage auf verschiedene Weise. Die älteste Christologie
findet sich bei Paulus sowie in den Reden, die Lukas in die Apostelgeschichte
einfügt: Rom 1,4; Apg 2,32.36; 13,32fund Phil 2.8-11. Wie der Römerbrief
ausführt, wurde Jesus in einem großartigen Geschehen, bei dem er von den Toten
auferstand, zum Sohn Gottes deklariert (1,4). Markus aber scheint den Beginn von
Jesu messianischem Bewußtsein mit der Taufe zu verbinden. Mit der Erscheinung
des Heiligen Geistes wurde Jesus zum eingeborenen Sohn Gottes (Mk 1. 10f).
Matthäus und Lukas verlegen diese Idee weiter zurück: Jesus ist der Sohn des
Höchsten, weil der Heilige Geist für Marias Schwangerschaft verantwortlich war
(Lk 1.32ff). Was das vierte Evangelium angeht, so nimmt dieses an, daß Jesus
eine Inkarnation des präexistenten Logos sei, der zu Beginn der Schöpfung bei
Gott war (Joh 1.1-3).19
Nach der Vereinigungstheologie muß Jesus ein wachsendes Bewußtsein seiner
wahren Berufung schon vor der Taufe gehabt haben. Es muß für ihn eine Art
direkter Begegnung mit Gott gegeben haben, eine spezifische Berufungserfahrung.
Doch das Neue Testament gibt in dieser Hinsicht keine Information. Als ein tief
religiöses Kind und ein sehr sensitiver Jugendlicher dachte Jesus viel darüber
nach, wie die Träume des Volkes verwirklicht werden könnten. Er erwog auch, wie
er Gott bei der Heraufführung des messianischen Zeitalters dienen könnte.
Vielleicht ist es das, was Lukas meint, wenn er vom Zunehmen Jesu an Weisheit
und Alter spricht, und daß er bei Gott und den Menschen Gefallen fand (Lk 2,52).
Worin bestand dann die Bedeutung der Taufe durch Johannes? Nicht etwa, daß
Jesus das Bedürfnis gefühlt hätte, daß seine Sünden weggewaschen werden
müßten.
Vielmehr wollte er sich öffentlich mit dieser neuen Bewegung für nationale
Umkehr und Erneuerung identifizieren. Jesus fühlte, daß das Werk des Johannes
der erste Schritt zur Aufrichtung des Reiches Gottes sein könnte. Mit Johannes’
Hilfe hätte Jesu eigene messianische Berufung eine Chance gehabt.
Noch bedeutsamer: Die Taufe Jesu versinnbildlicht das Ende des Alten
Testamentes und die Geburt des neutestamentlichen Zeitalters. In Jesu Augen war
Johannes der letzte der Propheten und der Höhepunkt der Vorbereitung des
auserwählten Volkes für den Tag des Herrn. Die Funktion des Täufers bestand in
der Verkündigung der Ankunft der Letzten Tage. Daher erbte Jesus durch den
symbolischen Ritus der Taufe die alttestamentliche Dispensation als Grundlage
für seine neue und größere Sendung.
Die Stammbäume Jesu
Die Vereinigungstheologie stimmt mit Matthäus und Lukas überein, daß Jesu
messianische Rolle eng mit dem Erbe seiner Ahnen verbunden ist. Beide
synoptischen Autoren betonen, wenngleich auf sehr verschiedene Weise, daß Gott
schon viele Jahrhunderte vor Jesu Geburt die Ankunft des Messias vorbereitet
hat. Die zwei neutestamentlichen Genealogien zeigen, wie sorgfältig Gott die
geistige Grundlage für die messianische Sendung Jesu schuf.
Leider sind viele Exegeten für die zentrale Botschaft dieser evangelischen
Genealogien blind. Sie stellen entweder Fragen zur historischen Zuverlässigkeit
der beiden Stammbäume oder konzentrieren sich auf die lehrhaften und
apologetischen Ziele der Texte. Doch was war die zentrale Absicht bei der
Aufnahme eines Familienstammbaumes ins Evangelium? Matthäus und Lukas wollten
die Messiasansprüche zu Jesu Gunsten legitimieren. Daher verfolgt Matthäus die
Ahnentafel des Messias bis zu König David und den Patriarchen Abraham zurück,
während Lukas sogar noch weiter zurückgeht bis hin zu Adam, dem ersten Sohn
Gottes.20
Doch eine ebenso wichtige Absicht hinter den Stammbäumen liegt darin, zu
zeigen, wie alle hebräische Geschichte und sogar die ganze Geschichte der
Menschheit seit Adam und Eva auf die Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden
hinzielten. Indem sie mystische Symbole auf der Basis der Zahlen Sieben (Lukas)
oder Vierzehn (Matthäus) benutzten, wollten die Evangelisten andeuten, daß der
geheime Schlüssel zur Geschichte in der messianischen Hoffnung zu finden sei.
Seit dem Fall Adams und Evas, so erzählt Lukas, plante Gott stets die
Wiederherstellung der Menschheit. Oder wie Matthäus es faßt: Das ganze Ziel der
Jüdischen Geschichte ist es, einen messianischen Erlöser hervorzubringen.
Anders als Lukas nennt Matthäus unter den Ahnen Jesu die Namen von vier
Frauen: Tamar, Rahab, Ruth und Batscheba, die Frau des Hetiters Uria. Gewöhnlich
werden in einer Gesellschaft, die so streng patriarchalisch ist wie die des
alten Israel, nur Männer in einem Familienstammbaum aufgeführt. Warum hielt der
Evangelist es dann für angebracht, diese Frauen besonders zu erwähnen? Um diese
Frage zu beantworten, muß man sich klar machen, was ihnen gemeinsam war.
Zunächst waren Tamar, Rahab, Ruth und Batscheba wegen ihrer sexuellen
Immoralität verrufen. Tamar verhielt sich wie eine Prostituierte, um von ihrem
Schwiegervater schwanger zu werden (Gen 38,26). Rahab war eine Dirne in Jericho,
die den Israeliten half, ihre Stadt zu erobern (Jos 2,1-11). Ruth lud Boas ein,
bei ihr zu liegen (Ruth 3,6-9), und Batscheba beging mit König David Ehebruch (2
Sam 11,4). Bedeutet dies nicht, daß es auch um Jesu Geburt eine sexuelle
Unregelmäßigkeit geben werde?21 Zweitens waren alle vier Frauen Heidinnen: Rahab
und wahrscheinlich auch Tamar waren Kanaaniterinnen; Ruth war eine Moabiterin,
und Batscheba war wohl eine Hetiterin. Daher war Luther der Ansicht, daß
Matthäus die Namen dieser Frauen aufnahm, um zu zeigen, daß Jesus der Retter der
ganzen Menschheit und nicht nur ein Messias der Juden war. Drittens waren alle
vier ziemlich außergewöhnliche Instrumente der Vorsehung Gottes: Tamar hatte es
gewagt, den sozialen Anstand zu verletzen, um die Blutslinie ihres verstorbenen
Mannes fortzusetzen. Rahab ermöglichte den Israeliten, ins Gelobte Land
einzuziehen. Ruth hatte die Initiative zu einer ehelichen Gemeinschaft
ergriffen, die schließlich König David hervorbrachte. Und Batschebas Ehebruch
führte zur Geburt des Salomon. Infolgedessen wurden diese vier Frauen in der
nach-biblischen jüdischen Frömmigkeit als Beispiele gepriesen, wie Gott sich
unerwarteter und unkonventioneller Mittel bedienen kann, um Seine Pläne der
Vorsehung auszuführen.22
Die Jungfrauengeburt
Sowohl Lukas als auch Matthäus folgen in ihren Stammbäumen der
Abstammungslinie des Josef. Fast kein moderner Exeget versucht, die Differenzen
zwischen diesen beiden Genealogien durch die Annahme zu lösen, daß einer der
Stammbäume zu Maria gehöre.23 Wenn jedoch Jesus nicht der wirkliche Sohn Josefs
wäre, welcher Wert bestünde dann darin, Josefs Abstammungslinie auf David,
Abraham oder Adam zurückzuführen? Dies ruft die Frage hervor, wie wichtig das
Konzept der Jungfrauengeburt für das messianische Werk Jesu ist. Ist es ein
wesentliches Dogma des christlichen Glaubens, daß Jesus keinen leiblichen Vater
hatte? Welcher theologische Wert wird der Jungfrau Maria zugesprochen?24
Alle alten Glaubensbekenntnisse bekräftigen die Jungfräulichkeit Mariens.
Doch diese Einstimmigkeit trifft nicht für das Neue Testament zu. Nur Matthäus
und Lukas bringen Kindheitsgeschichten von Jesus, Markus, Johannes und Paulus
erwähnen mit keinem Wort die Vorstellung, daß Maria ohne Vereinigung mit einem
Mann ihren Sohn geboren habe. Paulus nimmt zweimal sehr vagen Bezug auf Jesu
Geburt. Im Galaterbrief schreibt er, daß „Gott Seinen Sohn sandte, von einer
Frau geboren" (4.4f), und im Römerbrief spricht er von Jesus als „geboren aus
dem Samen Davids" (l ,3). Diese Stellen sind nicht zur Untermauerung der
jungfräuliche Geburt geeignet. Was Markus und Johannes angeht, so zeigen diese
Evangelien so wenig Interesse an der Geburt Jesu, daß Markus den Namen Josef
nicht einmal erwähnt und Johannes uns nicht den Namen der Mutter Jesu mitteilt.
Wegen dieses verlegenen Schwelgens über Marias Jungfräulichkeit im größten Teil
des Neuen Testamentes bezweifelt ein zeitgenössischer katholischer Exeget, daß
die Geschichte von der jungfräulichen Geburt den Aposteln von der Familie Jesu
übermittelt wurde. Abgesehen von den Einleitungskapiteln bei Matthäus und Lukas
kommt die jungfräuliche Geburt in den Berichten über Jesu reifes Leben, seine
Wirksamkeit, seinen Tod und seine Auferstehung überhaupt nicht vor.25
Ferner könnte der Gedanke an Marias Jungfräulichkeit etwas mit einer falschen
Übersetzung eines messianischen Textes bei Jesaja zu tun haben. Die hebräische
Version von Jesaja 7,14 lautet, daß ein „junges Mädchen“ einen Sohn gebären und
ihn Emmanuel nennen werde. Doch die griechische Septuaginta-Übersetzung lautet,
daß „eine Jungfrau ein Kind haben wird, das man Emmanuel nennen wird“. Da
Matthäus glaubte, daß Jesus der Messais war, dessen Kommen genau in den
Schriften vorhergesagt worden war, folgerte er, daß Jesus von einer Jungfrau
geboren sein müsse.
Einige Wissenschaftler betonen, daß die Kindheitsgeschichten in der
palästinischen Umgebung ihren Ursprung hatten, und daß schon vor der Wirksamkeit
Jesu hellenistische Juden glaubten, der Messias müsse von einer Jungfrau geboren
werden.26 Andere vertreten die Ansicht, daß die Lehre von der Jungfrauengeburt
ein Produkt des heidnischen Christentums war. In der hellenistischen Welt war
die Behauptung gängig, daß ein berühmter Mann der Sohn eines Gottes war, zum
Beispiel Platon, Alexander der Große oder Julius Caesar.
Abgesehen von der fraglichen Geschichtlichkeit der Jungfrauengeburt hat diese
Lehre tiefe theologische Auswirkungen gezeitigt. Einmal, weil eine jungfräuliche
Geburt der einzige Weg für den Christen wäre, von der ursprünglichen Sünde
befreit zu sein. Um die Menschheit zu erlösen hätte, Jesus Christus einfach eine
„ungefallene" menschliche Natur besitzen müssen. Weil er von der Jungfrau Maria
geboren wurde, war sein Fleisch unbefleckt, so daß er als unser Erlöser dienen
konnte.
Solche eine Sicht wird heute jedoch weithin in Frage gestellt. In der antiken
Welt wurde angenommen, der Mann allein produziere das Kind und die Frau diene
ihm lediglich als ein Gefäß, worin das Baby getragen werde. Die moderne
Wissenschaft hat erwiesen, daß beide Eltern die physische und psychische Anlage
ihres Kindes bestimmen. Da sowohl Vater wie Mutter irgendwelche biologische
Wirkungen der ursprünglichen Sünde übertragen würden, würde es Jesus nicht
sündenlos machen, ihn eines menschlichen Vaters zu berauben. Und höchst wichtig:
Heutige Christen würden die Vorstellung in Frage stellen, daß sexueller Verkehr
im eigentlichen Sinn sündig sei.
Eine zweite theologische Rechtfertigung der jungfräulichen Geburt wurde von
Barth vertreten.27 Die Jungfrauengeburt zeige, daß Gott uns ganz von Sich her
versöhne. Unsere Rettung komme vollständig von Gott. Erlösung sei allein Sein
Werk. Wir seien in keiner Weise Seine Partner.
Doch diese Verteidigung der Jungfrauengeburt leidet an schweren Defiziten.
Die biblische Vorstellung von Erlösung beruht auf einer Bundesbeziehung zwischen
Gott und Mensch. Erlösung erfordert einen Prozeß des gegenseitigen Gebens und
Nehmens, um die Sprache der „Göttlichen Prinzipien" zu verwenden. Wie Brunner
wiederholt Barth verständlich machen wollte, kann Wiederversöhnung niemals
einseitig sein. Gottes Initiative muß von einer angemessenen menschlichen
Antwort ergänzt werden.
William Barlay stellt fest, daß Christen die Geschichte von der
Jungfrauengeburt nicht wörtlich zu nehmen brauchen.28 Die Kindheitserzählungen
drückten vielleicht auf liebliche, poetische Weise aus, daß - selbst wenn Jesus
einen menschlichen Vater hatte - der Heilige Geist Gottes in einer besonderen
Weise bei seiner Geburt wirksam war. Wie die alten Juden zu lehren pflegten: Um
ein Kind hervorzubringen, braucht es drei Partner: Vater, Mutter und Gott.29
War Josef also der Vater Jesu? Wenn ja, warum war es nötig, die Legende von
einer Jungfrauengeburt zusammenzubrauen? Das Judentum erwartete keinen
jungfräulich geborenen Messias. Nach Strack-Billerbeck30 stellt diese Annahme
sogar eine „absolute Neuheit“ für jüdisches Denken dar. Doch Pater Brown zeigt
auf, daß mit Ausnahme der Eboniten die Christen allgemein darüber einig waren,
Josef sei in keiner Weise an der Empfängnis Jesu beteiligt gewesen. So kann man
nur annehmen, daß jemand anderer verantwortlich war. Von ziemlich frühen Zeiten
an vertraten jüdische Kritiker des Christentums die Meinung, Maria habe eine
illegitime Affäre mit einem römischen Soldaten namens Pandera gehabt. Solche
Behauptungen scheinen viel später als die neutestamentlichen Erzählungen
ausgedacht worden zu sein, um die christliche Lehre zu widerlegen.
Eine bessere Erklärung ist von Dr. Leslie Weatherhead geboten worden, dem
langjährigen Geistlichen am City Temple in London.31 Im ganzen alten Nahen Osten
(und in Indien) wurde oft die Zeremonie einer „heiligen Hochzeit" durchgeführt,
in welcher entweder der Hohepriester oder der König die Rolle des göttlichen
Boten spielten. Während dieser Riten wurde er mit einer Jungfrau verheiratet,
was die heilige Vereinigung des Sonnengottes und der Erdgöttin symbolisierte.
Der Nachkomme solch einer Begattung wurde als eine göttliche Inkarnation
angesehen.
Nun war Zacharias der diensttuende Priester im Tempel, als Maria eine
mystische Erfahrung hatte, bei der sie einwilligte, „die Magd des Herrn“ zu
sein. Obgleich ein älterer Mann, war Zacharias nicht impotent, denn er hatte
soeben seine Frau Elisabeth geschwängert, die selber jenseits des normalen
gebärfähigen Alters war.
Als der Engel Gabriel Maria ankündigte, daß sie dem Messias das Leben
schenken werde, antwortete sie: „Wie kann dies geschehen, da ich keinen Mann
erkenne?" Da sagte ihr der Engel, daß der Heilige Geist über sie kommen werde
und die Kraft des Allerhöchsten sie überschatten werde (Lk 1,35).
Sobald das junge Mädchen gehört hatte, sie sei erwählt, dem Sohn Gottes das
Leben zu schenken, „machte sie sich eilends auf und trat in, das Haus des
Zacharias“ (Lk l, 39). Indem sie sich dem betagten Priester hingab, sollte Maria
beweisen, daß sie wirklich eine Dienstmagd des Herrn war. Solch ein Akt totaler
Auslieferung, weit entfernt, in der antiken Welt als unmoralisch betrachtet zu
werden, bewies den höchsten Grad geistiger Hingabe. Indem sich Maria mit dem
Priester vereinigte, „fand sie Gnade bei Gott“ (Lk 1.39). Dr. Weatherhead zieht
den Schluß, daß - wenn man die Hypothese der Jungfrauengeburt zurückweist - die
Vereinigung des Priesters Zacharias mit dem völlig ergebenen jungen Mädchen
Maria in der Art der traditionellen heiligen Hochzeitsriten eine Lösung bietet,
die mit Hinweisen der Heiligen Schrift zusammenpaßt.3"
DER HEILIGE GEIST
Im Neuen Testament ist die Lehre vom Heiligen Geist eng mit der Christologie
verbunden. Als Maria ihr Kind empfängt, kommt der Heilige Geist über sie und
überschattet sie. Der Geist schwebt über Jesus und erleuchtet ihn bei seiner
Taufe. In seiner ersten Predigt zu Nazareth definiert er seine messianische
Sendung mit den alttestamentlichen Worten: „Der Geist des Herrn ist über
mir...“(Lk 4.18). Dieser Geist wohnt ständig in Jesus und ermöglicht es ihm, mit
Autorität zu sprechen. Krankheiten zu heilen und Dämonen auszutreiben.
Neben der Vereinigung Jesu als Sohn mit Gott dem Vater ist es das Ziel des
Geistes, alle Menschen mit Gott zu vereinen. Der Geist lehrt uns, führt uns,
hilft uns, Zeugen zu sein, und dient uns als Tröster, Verteidiger und Ratgeber.
Daher nennt Paulus die christliche Jüngerschaft „ein Leben aus dem Geiste“ oder
„dem Geiste folgen“ (Gal 5,25). Gläubige werden die Gaben des Geistes zeigen:
„Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Milde, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung“
(Gal 5,22 f). Indem er Dinge des Geistes sät, kann ein Christ die Frucht ewigen
Lebens ernten (Gal 6,8). Mit anderen Worten, der Heilige Geist bedeutet die
regenerierende und erlösende Wirkung des innewohnenden Gottes.
Als Zeichen Gottes, das im und durch den Menschen wirkt, ist der Heilige
Geist natürlich besonders in der christlichen Gemeinschaft aktiv. Der 2.
Korintherbrief spricht über die „Diener des Neuen Bundes, der nicht ein Bund des
Buchstabens, sondern des Geistes" ist (3,6). Christliche Predigt und Lehre
werden als Gaben des Geistes betrachtet (Gal 5,22f). Als das erste Apostelkonzil
zusammenkam, um christlichen Glauben und christliche Praxis zu klären, gaben die
Beteiligten einen Bericht mit den Anfangsworten „dem Heiligen Geiste und uns hat
es gefallen...“ (Apg 15, 28) und brachten so zum Ausdruck, daß
Lehrentscheidungen das Resultat kooperativer Beratung der Christen mit dem
Geiste darstellen sollten.
Laut der Apostelgeschichte wurde die Kirche zu Pfingsten geboren, als die
versammelten Christen mit charismatischen Gaben überschüttet wurden. Wie Lukas
dieses Ereignis interpretiert, stieg der Geist unerwartet über die ganze
Versammlung herab. Unter anderem zeigt Pfingsten, wie der Geist für die Einheit
wirkt. Durch die Sprachengabe war die christliche Gemeinschaft imstande, Männer
und Frauen trotz der nationalen, rassischen und sprachlichen Unterschiede zu
einen.
Durch die Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist wird die Kirche gekräftigt,
erleuchtet und gesegnet. Doch die göttliche Aktivität des Geistes bei der
Neubelebung und Erneuerung kann nicht auf die institutionellen Kirchen
beschränkt werden. „Der Wind (des Geistes) weht“, wie wir lesen, „wo er
will...und man weiß nicht, woher er kommt und wohin er geht" (Joh 3,8). Der
Geist ist nicht ein Diener der Kirche, vielmehr sollte die Kirche eine Dienerin
des Geistes sein. Der Geist weist über die Kirchen hinaus auf das kommende Reich
Gottes. Nur indem sie als Träger der Transformation der ganzen Welt dienen,
können sich Christen als Glieder des Leibes Christi betrachten. Das Werk des
Geistes besteht letztlich darin, alle Völker in einer neuen Schöpfung zu einen.
Als daher der heilige Johannes auf Patmos in einer prophetischen Trance
fortgetragen wurde, hörte er den auferstandenen Jesus ankündigen: „Wer Ohren hat
zu hören, der höre, was der Geist zu den Kirchen spricht“ (Offb 2,7).
Das Wichtigste: Der Geist dient als Organ der Weitergabe der göttlichen
Offenbarung. Im Alten Testament zum Beispiel erklärte der Prophet Jeremia: „Das
Wort des Herrn erging an mich..." (1, 11). Ähnlich empfängt Petrus in der
Apostelgeschichte eine Vision, die ihm zeigte, daß Christen nicht die
Speiseregeln der Thora weiter befolgen müssen. In beiden Fällen vermittelte eine
geistige Erfahrung eine neue Offenbarung, welche die heiligen Schriften ihrer
Zeit ergänzte, klärte und korrigierte. So nennt das vierte Evangelium den
Heiligen Geist „den Geist der Wahrheit", der Dinge enthüllen wird, welche die
ersten Jünger weder verstanden noch verstehen konnten, als Jesus auf Erden
weilte. Der Geist autorisiert fortdauernde Offenbarung.
Schließlich nahm die jüdische wie die christliche apokalyptische Tradition
an, daß die Ankunft des messianischen Zeitalters von einer wunderbaren
Ausgießung des Heiligen Geistes begleitet werde. Wie der Prophet Joel
voraussagte, wird der Tag des Herrn eingeläutet werden, wenn Gottes Geist über
alle Menschheit ausgegossen wird. Die alten Menschen werden Wahrsagungsträume
und die Jungen Visionen haben (2,28f).
Nachdem wir gesehen haben, wie unterschiedlich der biblische Wortgebrauch vom
„Heiligen Geist" ist, läßt sich leicht verstehen, warum keine offizielle Lehre
allgemeine Zustimmung erlangte. Wer oder was ist denn der Heilige Geist, der
Geist des Herrn, der Geist Gottes und der Geist Christi? In der frühen Kirche
waren drei Fragen besonders verwirrend. Erstens: Ist der Heilige Geist eine
Person, eine selbstbewußte Wesenheit, die von Gott dem Vater oder von Jesus
Christus dem Sohn verschieden ist? Zweitens: Wenn der Geist ein unterschiedenes
Wesen ist, ist er dann männlich, weiblich oder neutral? Drittens: Ist der Geist
als unterschiedenes Wesen Gott gleich oder Gott, dem Vater und Christus, dem
Sohn, untergeordnet?
Wir wollen betrachten, wie die Diskussion über das Geschlecht des Geistes
aufkam. Das hebräische Wort für Geist (mach) ist weiblich, während das
griechische Wort (pneuma) neutrum ist. Ferner wird im Alten Testament die
Weisheit Gottes (Sophia) als ein weiblicher Geist dargestellt (Sprüche. Kapitel
8 und 9). Im Evangelium des Johannes schließlich dient der Heilige Geist, von
Jesus seinen Jüngern versprochen, den Christen, deren Glaube durch die
fortgesetzte Verzögerung der Wiederkunft wie durch die starke Verfolgung bedroht
wird, in der weiblichen Rolle des Tröstens und Stärkens.
Es ist klar ersichtlich, daß manche frühe Christen glaubten, der Heilige
Geist sei eine weibliche Wesenheit. Das Nazarenerevangelium enthält ein Wort
Jesu, worin er von „meiner Mutter, dem Heiligen Geiste" spricht. Die Thomasakten
enthalten Hymnen und liturgische Gebete der Anrufung des Heiligen Geistes, der
als „die mitleidsvolle Mutter...die Frau, die verborgene Weisheiten enthüllt...
und die Liebste des mitfühlenden Höchsten" angesprochen wird. Im Evangelium des
Mani finden wir eine trinitarische Doxologie, welche die Macht des Vaters, die
Segnungen der Mutter und die Güte des Sohnes preist.33
Russisch orthodoxe Christen haben den Heiligen Geist lange als Sophia, als
weibliche Kraft der Weisheit und Gnade verehrt. Wladimir Solowjew, der mystische
Philosoph des späten 19. Jahrhunderts erlebte wiederholt Visionen der Sophia als
einer attraktiven jungen Frau. Sein Schüler Bulgakow arbeitete dann eine ganze
Theologie der Sophiologie aus.34
Nichtsdestoweniger betrachteten die meisten Christen den Heiligen Geist als
eine unterschiedene männliche Wesenheit. Der Ausdruck „Parakletos“, der im
Johannesevangelium gebraucht wird, meint „Tröster" und ist männlichen
Geschlechts. Auch war die jüdische Tradition extrem maskulin-orientiert und
allen weiblichen Definitionen der Gottheit feindlich. Infolgedessen legten die
Konzilien von Nizäa und Chalkedon fest, daß Gott Vater, Gott Sohn und Gott
Heiliger Geist unterschieden, aber gleich, eines Wesens und alle gleichen
Geschlechtes seien.
In der Vereinigungstheologie ist der Hauptpunkt der, daß der Heilige Geist
kein unterschiedenes Wesen ist, kein von Gott, dem Vater, unterschiedenes Sein
hat. Der Heilige Geist stellt einfach Gottes erlösende Wirksamkeit dar. So wird
in der Genesis der Geist als Atem Gottes angesprochen: Gott der Herr hauchte
seinen Geist in Adam und machte ihn so zu einer lebenden Seele. Ähnlich wird im
Johannesevangelium der Geist Wind genannt, der von einer Richtung in die andere
weht und kommt und geht, wohin er will. Der gewöhnliche neutestamentliche
Ausdruck „pneuma" meint einfach „Luft" oder „Wind“, eine unpersönliche Energie,
die von Gott ausgeht. Somit versteht die Vereinigungstheologie den Heiligen
Geist nicht als eine individuelle Person, sondern vielmehr als ein Zeichen der
Wirkens Gottes in der Geschichte und Seines direkten Einflusses auf unser
individuelles Leben.
Nach den „Göttlichen Prinzipien“38 ist auch Gott ein polares Wesen. In diesem
Sinne ist es legitim, wenn man sich auf die weibliche Aktivität des Heiligen
Geistes bezieht. 24 Wenn der Geist die mütterlichen Funktionen des Tröstens,
Nährens und des Erziehens der einzelnen Christen ausübt, dient er als
Mutter-Geist. Wie Macquarrie darlegt, führt der Heilige Geist ganz klar ein
weibliches Element in die Gotteslehre ein. Wenn beschrieben wird, wie der Geist
Gottes über den Wassern der Tiefe schwebt (Gen 1,2). wie er wie eine Henne über
ihrem Nest brütet, so daß Gott die Welt gebiert, so legt dies klar ein
weibliches Prinzip nahe.36 Doch gleichzeitig manifestiert der Heilige Geist, da
Gottes Kraft am Werke ist, männliche Qualitäten. Zusammenfassend läßt sich
sagen: Verschiedentlich erscheint Gottes Geist als weiblich, männlich oder
apersonal.
Die Vereinigungstheologie betont auch die Vielfalt der Geister, die unsere
Welt und das menschliche Schicksal beeinflussen. Neben dem Geist des Vaters und
dem Geist des Sohnes existiert eine Vielfalt von wohlwollenden Ahnengeistern und
Engeln, die Kontakt zur Erde haben und versuchen, das Leben der Menschen zu
lenken. Besonders in einem entscheidenden Moment in Gottes heilsgeschichtlichem
Plan steigt das ganze himmlische Heer auf unsere irdische Ebene, um Gottes
Vorhaben zu verwirklichen. Darum waren die Christen zu Pfingsten plötzlich
fähig, in fremden Zungen zu reden. Es halfen ihnen nicht-inkarnierte Geister,
die Gottes Vorsehungsabsicht zu verwirklichen suchten. Wenn sich also der
Heilige Geist auf das Wirken des transzendenten Gottes innerhalb der Geschichte
und im Innern der menschlichen Seele bezieht, kann diese helfende und führende
Wirkung eher von zahlreichen Ahnen oder Engelsboten ausgeübt werden, als
dadurch, daß sich dieser helfende Geist auf eine einzige Wirkkraft begrenzt. Wie
Gott selbst ist der Geist unsichtbar und unkörperlich - sozusagen ein helles
Licht oder ein Feld magnetischer Energie. Wenn daher der Heilige Geist einer
bestimmten Form bedarf, bedient er sich eines nicht-inkamierten menschlichen
Geistes oder eines Engels als Medium. Es sollte hiermit deutlich geworden sein,
daß der Ausdruck „Heiliger Geist" ziemlich allgemein gebraucht wurde, um alle
Arten des Wirkens von Geistern zu benennen.
DIE DREIFALTIGKEIT
Die klassische Formulierung des trinitarischen Dogmas wurde von den
ökumenischen Konzilien des vierten Jahrhunderts vorgelegt und wurde für die
römisch-katholische, die östlich-orthodoxe, die anglikanische, die lutherische
und die reformierte Kirche normativ. Dieses Glaubensbekenntnis lautet:
„Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles
geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt. Und an
den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren
vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater: durch ihn ist alles
geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch
angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch
geworden. Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und
ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und
aufgefahren in den Himmel
Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu
richten die Lebenden und die Totem seiner Herrschaft wird kein Ende sein.
Ich glaube an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus
dem Vater (und dem Sohn) hervorgeht, der mit dem Vater zugleich angebetet und
verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten..37
Dieses ökumenische Credo wurde, obwohl es noch weithin in Gottesdiensten
verwendet wird, wiederholt kritisiert, und dies aus mehreren Gründen. Einmal ist
es nicht wirklich biblisch, weil es weit über den Glauben des Neuen Testamentes
hinausgeht und die auf das Reich Gottes zentrierte Lehre Jesu entstellt.
Zweitens stellt es eine Vermischung jüdisch-christlichen Glaubens mit der
hellenistischen Philosophie der antiken Welt dar. Drittens hat es die Christen
stets eher getrennt als in der Verehrung des einen Gottes, des einen Herrn und
des einen Glaubens geeint. Als Ergebnis der trinitarischen Kontroversen des
patristischen Zeitalters war die Kirche in athanasische und arianische Christen,
in Nestorianer und Monophysiten, chalzedonische und nicht-chalzedonische Kirchen
geteilt.
Ist das trinitarische Credo biblisch? Norman Pittenger, anglikanischer
Theologe in Cambridge, faßt die Schlußfolgerungen der zeitgenössischen
Bibelstudien ziemlich gut zusammen.38 Das Wort „Trinität" (trias) kann im Neuen
Testament nicht gefunden werden und wurde von Christen vor Theophilus von
Antiochien (etwa 180 n. Chr.) nicht gebraucht. Die einzige trinitarische Formel
in den synoptischen Evangelien (Mt 28,19) beansprucht nicht, eine Aussage des
historischen Jesus zu sein; sie stellt eine Ergänzung der frühen Kirche nach
seinem Tode dar. Ähnlich wurden auch die zahlreichen Bezüge des vierten
Evangeliums auf Vater, Sohn und Heiligen Geist nicht von Jesus gesprochen,
sondern zeigen die nachapostolische Theologie des Autors. Paulus spricht oft von
Jesus als dem Sohn Gottes und vom Heiligen Geist als von Gott gesandt. Er
gebraucht mindestens zweimal triadische Formeln (l Kor 12,4-6: 2 Kor 13,14),
doch keine von diesen meint die ausdrückliche Dreifaltigkeitslehre des
ökumenischen Credos, so Pittenger.
Was lehrt das Neue Testament bezüglich Vater, Sohn und Heiligem Geist? Es
bekräftigt klar die Existenz des einen Gottes, denn dieser Glaube war zentral
für das Judentum. Weiterhin versichert das Neue Testament, daß Gott in Christus
war, um die Welt mit sich selbst zu versöhnen. Wir finden darin nicht „den
Mythos vom inkarnierten Gott“. Was die älteste und am meisten authentische
Tradition im Neuen Testament lehrt, ist, daß Jesus der gesalbte Vertreter Gottes
war, dessen Sendung darin bestand, das messianische Zeitalter einzuleiten.
Obwohl Jesus gekreuzigt wurde, fanden seine Jünger, daß sie durch fortgesetzte
Treue zu ihm die Gemeinschaft des Heiligen Geistes erfuhren.
Angesichts der Unangemessenheit der Dreifaltigkeitsformeln des Credos haben
Theologen seit mehr als hundert Jahren die klassische Trinitätslehre neu
gedeutet. Was bedeutet es, an den dreieinigen Gott zu glauben? Einige würden
sagen, Gott habe Sein Wesen und Ziel auf dreifache Weise kundgetan: Er macht
Sich bekannt in der Schöpfung und im Prozeß der Geschichte. Er offenbart Sich in
Botschaft, Sendung und Wirken Jesu Christi. Er fährt fort, Sein Reich wirksam
auf Erden zu verwirklichen. Anders ausgedrückt, wenn Gott Seinen Willen in der
messianischen Laufbahn Jesu offenbarte, so war Er aktiv, bevor Jesus geboren
wurde, und blieb auch nach dem Kreuzestod aktiv.
Oft wird auch eine andere Erklärung der Dreifaltigkeitslehre vorgelegt. Das
trinitarische Dogma erkläre die innere Natur der Gottheit. Gott sei Seinem Wesen
nach eine Drei-Einheit. Wie ist Er drei in eins? Wir wollen einige
zeitgenössische Erklärungsversuche nennen. Barth lehrte, daß der eine Gott drei
„Seinsmodi" habe: Gott als Schöpfer, als Versöhner und als Erlöser. Macquarrie
definiert die Dreifaltigkeit als „Momente" innerhalb des dynamischen und doch
stabilen Mysteriums des Seins. Der Vater ist ursprüngliches Sein, die Quelle von
allem, was Er in die Schöpfung ausströmt. Der Sohn oder Logos ist ausdrückliches
Sein, der in der Vielfalt der Formen und Muster des Existierenden offenbarte
Gott. Und der Heilige Geist bedeutet vereinigendes Sein. Gottes Aktivität in der
Erhaltung, Kräftigung und Wiederherstellung der ganzen Schöpfungseinheit mit Ihm
selbst.» Oder, um den Sachverhalt noch einfacher auszudrücken, wie der
anglikanische Theologe H.E.W. Turner es tut: Dreifaltigkeit bezieht sich auf den
Gott über uns (Vater), Gott mit uns (Sohn) und Gott in uns (Heiliger Geist).40
Wie steht die Vereinigungstheologie zur alten und modernen Trinitätslehre?
Wie diese anerkennt sie die dreieinige Natur Gottes als Schöpfer, Erlöser und
Inspirator. Wie unsere Erklärung des Schöpfungsprinzips zeigt, glauben die
Mitglieder der Vereinigungskirche an den väterlichen Gott, der über uns, mit uns
und in uns ist. Es wurde bereits dargelegt, wie die „Göttlichen Prinzipien“ die
messianischen Sendung Jesu auffassen. Auch haben wir die Natur und das Werk des
Heiligen Geistes behandelt.
Bevor wir schließen, wollen wir ein spezifisches Element der
Vereinigungstheologie betrachten. Weil den „Göttlichen Prinzipien" besonders an
der Wiederherstellung der göttlichen Souveränität über die Schöpfung gelegen
ist, betonen wir die trinitarische Art, nach der das Königtum des Himmels auf
der Erde errichtet werden wird. Wenn es keinen Sündenfall gegeben hätte, hätten
Adam und Eva das Ziel der Schöpfung durch die Gründung einer Gott-zentrierten
Familie verwirklicht. Wiederherstellung kann also stattfinden, wenn eine
triadische Beziehung der Liebe und Achtung zwischen einem neuen Adam und einer
neuen Eva auf der Grundlage der Gottzentriertheit errichtet wird. In der
Wechselbeziehung mit Gott und zwischen ihnen werden sie eine Familie gründen,
wahre Eltern werden und die drei Segnungen erfüllen. Gott kann dann durch sie
wirken und ein Muster für nachfolgende Familien auf einem
Vier-Positionen-Fundament begründen, um Sein Reich auf Erden zu schaffen.
Abschließend kann gesagt werden, daß die Mitglieder der Vereinigungskirche
glauben, daß es nur einen Gott gibt. Gott den Vater. Jesus war ein menschlicher
Führer, von Gott gesalbt, die messianische Sendung auszuführen und Gottes
Herrschaft auf Erden zu verwirklichen. So können wir nicht sagen, daß er Gott
gleich sei. Der Heilige Geist ist keine von Gott unterschiedene Wesenheit,
sondern vielmehr eine unpersönliche Energie, die von Gott herkommt und die
menschlichen Seelen sowie die menschliche Geschichte durchdringt. Als solche
wirkt der Heilige Geist als Bote durch viele Medien: Jesus Christus, Engel,
Heilige und Weise sowie alle guten Vorfahren. Aus diesen Gründen klärt und
korrigiert die Vereinigungslehre der traditionelle Trinitätslehre.
Anmerkungen
1 Dekret über die missionarische Sendung der Kirche, H. Vaticanum, l,
3. 2 Donald G. Bloesch, Jesus is Victor (1976),32-7l. 3 K.
Barth, Kirchliche Dogmatik IV/3, erster Halbband (engl.1961), 555f. 4
R. Niebuhr, Natur und Bestimmung des Menschen. Bd. II (engl. 1964), 287-298.
5 Niebuhr. a.a.O. 44f. 6 E. Brunner, Die christliche Lehre von
der Schöpfung und Erlösung (engl. l952),239-378. 7 E. Brunner. Der
Mittler (engl. 1947),72-101. 8 E. Brunner. Die christliche Lehre von
Schöpfung und Erlösung (engl.1952),271-307. 9 Brunner, a.a.O.
322ff 10 Brunner. a.a.O. 352-356. 11 Brunner. a.a.O.
371-378. 12 Brunner. a.a.O. 356. 13 D.M. Baillie. God Was
in Christ (1955),11. 14 R.E. Brown, Jesus, God and Man (1967),
Vorwort, IX. 15 Brown, a.a.O. 31. 16 Brown, a.a.O.
17 Vgl. Genza Vermes, Jesus the Jew (1973). 18 Die Göttlichen
Prinzipien (1972). 238. 19 Vgl. H. Küng. Christsein (engl.1976).
384-389. 20 R.E. Brown. The Birth of the Messiah (1977) 57-95.
21 J.A. T. Robinson. The Human Face of God (1973) 59-63; E. Stauffer.
Jesus and His Story (l 960). 25. 22 Brown. a.a.O.. 73f. 23
Lk 3,23. 24 T. Boslooper. The Virgin Birth (1962) und Hans von
Campenhausen. Die Jungfrauengeburt in der Theologie der alten Kirche
(engl.1964). 25 Brown. a.a.O. 33,521. 26 E. Schillebeeckx.
Jesus (1979). Fußnote 9. 27 K.Barth. „Das Wunder der Weihnacht" in:
Kirchliche Dogmatik (engl.).Bd.l,15:3.172-202. 28 Zu den
Neutestamentlern, die die Geschichtlichkeit der Erzählung von der
Jungfrauengeburt in Frage stellen, gehören J. Weiss, Harnack, Bornkamm, Enslin,
Kümmel, Conzelmann, von Campenhausen, Boslooper, Dibelius, Goguel, Goodspeed.
Lake, Bacon, Knox, Bultmann, Guignebert, Loisy, Perrin. Folgende Theologen
leugnen geradewegs die Jungfrauengeburt: Tillich, Brunner, Schubert, Ogden.
Pannenberg. Nels F.S. Ferre, Bultmann und J.A.T. Robinson. 29 W.
Barclay, The Gospel of Luke (1956). 7. 30 Strack-Billerbeck,
Kommentar zum Neuen Testament aus den Quellen von Talmud und Midrasch, (engl.)
Bd. 1,49ff. 31 L E. Weatherhead, The Christian Agnostic (l 965).
102-105. 32 Weatherhead, a.a.O.. 102-105: Weatherhead vermutet, daß
trotz der Opposition der Sadduzäer und Pharisäer zu solchen obsolut gewordenen
sexuellen Riten im Tempel von Jerusalem dies im palästinensischen Hügelland
anders gewesen sein kann. Maria fühlte ganz natürlich, daß die Botschaft des
Engels bedeutete, sie sollte sich mit einem geachteten „heiligen Mann“
vereinigen, um den Messias hervorzubringen. 33 Vgl. die Anthologie
von W. Lewis: Witness to the Holy Spirit (1978). 34 N. Zernov, The
Russian Religious Renaissance of the Twentieth Century (1963). 283-308.
35 Die Göttlichen Prinzipien, 247. 36 J. Macquarrie,
Principles of Christian Theology (1977). 329f. 37 Fürs Deutsche
zitiert nach der „ökumenischen Übersetzung“ des Schott-Meßbuches. 38
N. Pittenger. The Divine Trinity (1977),21f. 39 J. Macquarrie.
Principles of Christian Theology (l 977), 190-210. 40 H.E.W. Turner,
Dictionary of Christian Theology (1969) 345. |